Luftfahrt Überflieger Lufthansa

Die Deutsche Lufthansa hat Chancen, sich in den nächste Wochen gleich an zwei Konkurrenten entscheidend zu beteiligen. Damit würde sie nicht nur zur Nummer eins in Europas Luftfahrtbranche aufsteigen. Die Kranich-Linie hätte auch ihren ewigen Rivalen Air France-KLM düpiert. Vorerst.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber dürfte Tage vibrierender Spannung erleben. Binnen weniger Wochen hat er die Chance, Deutschlands bedeutendste Fluggesellschaft gleich um zwei traditionsreiche Marken zu erweitern: um Österreichs Austrian Airlines (AUA) und die italienische Alitalia . Und Mayrhuber selbst würde das Finale seiner Karriere bei der Lufthansa  einläuten.

Der Aufsichtsrat der österreichischen Staatsholding ÖIAG hat angekündigt, zu Beginn der nächsten Woche über den Verkauf der bisherigen Staatslinie zu entscheiden. Und mittlerweile ist nur noch die Lufthansa im Rennen, ihre bisherigen Konkurrenten Air France-KLM  und die russische Gesellschaft S7 haben keine Offerte vorgelegt. Das bat heute die Übernahmekommission in Wien mitgeteilt.

Der Aktiekurs der österreichischen Staatslinie brach bereits am Mittwoch um etwa 30 Prozent auf 2,85 Euro ein, als entsprechende Spekulationen die Runde gemacht hatten, am heutigen Donnerstag waren die Titel an der Wiener Börse eine Zeit lang gar vom Handel ausgesetzt. Der Wert des österreichischen Staatspaketes an Austrian Airlines hat sich damit auf knapp 120 Millionen Euro reduziert.

Nur wenige Tage nach den Österreichern entscheidet dann auch noch Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi, wer sich an Italiens Nationalsymbol Alitalia beteiligen darf. Und auch dann hat Lufthansa-Chef Mayrhuber gute Chancen, den Zuschlag für sein Unternehmen auszuhandeln - und Air France-KLM-Chef Jean-Cyril Spinetta die nächste Niederlage beizubringen:

Die Franzosen sind nicht nur im gleichen Luftfahrtbündnis "Skyteam" mit Alitalia verbunden und bereits mit einigen Prozent an Alitalia beteiligt. Spinetta persönlich kämpfte zuletzt wie ein Löwe um die italienische Fluglinie. "Italien ist meine zweite Heimat", sagte der gebürtige Korse zuletzt jeder größeren italienischen Tageszeitung. Allerdings mit bescheidenem Erfolg.

Italiens Staatschef Silvio Berlusconi hatte sich eigens im Wahlkampf gegen die erste Übernahmeofferte der Air France-KLM gewandt, weil die Franzosen nebenbei das Mailänder Luftfahrtkreuz Malpensa einstampfen wollten. "Ich liebe Italien, ich liebe Alitalia", schleuderte Berlusconi daraufhin dem Air-France-Chef entgegen - und organisierte zur Rettung der Alitalia ein italienisches Gegenbündnis 16 einheimischer Investoren. Genau das spielt jetzt der Lufthansa in die Karten.

Sanierung durch Italiens Steuerzahler

Sanierung durch Italiens Steuerzahler

Die Investorengruppe CAI hat sich ein Modell für die Zukunft der Alitalia ausgedacht, dass Insider an die Rettung vieler Banken in der Finanzkrise erinnert: Die schwachen Teile würden abgespalten und verblieben beim italienischen Staat. Die profitablen aber würden zur neuen Alitalia zusammengefasst, die mehrheitlich CAI gehören soll - mit weniger Personal und nahezu frei von drückenden Schuldenbergen. Und an diesem profitablem Alitalia-Teil könnte sich die Lufthansa wie auch Air France-KLM nach bisherigen Angaben mit bis zu 20 Prozent beteiligen.

Nach einem Bericht der italienischen Zeitung "la Repubblica" hat die Europäische Kommission das Vorhaben heute grundsätzlich genehmigt, einen 300-Millionen-Kredit des Staates an die Fluglinie aber abgelehnt.

Kein Wunder dann auch das Votum vieler Luftfahrtexperten: "Ich habe den Eindruck, das Interesse der Lufthansa an Alitalia jetzt ernst ist. Zumal die Deutschen wohl nur einen dreistelligen Millionenbetrag für die italienische Staatslinie auf den Tisch legen müssen", sagte etwa BHF-Bank-Analyst Nils Machemehl. Den hat die Lufthansa locker zur Verfügung; zur Jahresmitte berichtete sie selbst über eine Nettoliquidität von fast einer Milliarde Euro.

Doch die Luftfahrtbranche insgesamt spürt schon jetzt den befürchteten Konjunkturabschwung durch die globale Finanzkrise, in dem es gerade auch für die konjunkturanfälligen Fluggesellschaften auf Finanzreserven ankommen wird. Womöglich aber spielt das Lufthansa-Chef Mayrhuber dennoch in die Hände. Nicht viele Konkurrenten werden jetzt Milliardenübernahmeangebote abgeben können, bei solchen Nachrichten:

Erstmals seit 25 Jahren musste die Luftfahrtbranche im vergangenen September einen Dämpfer hinnehmen, hat der Verband Europäischer Fluggesellschaften errechnet. Die Passagierzahl sei um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Mehr noch, die weltweite Fluglinienorganisation berichtet gar, dass seit Jahresbeginn mehr als 20 Gesellschaften Insolvenz angemeldet haben, weitere wären von der Pleite bedroht.

"Die Lufthansa allerdings könnte meiner Meinung nach auch mit einem vorübergehenden Nullwachstum umgehen", glaubt Commerzbank-Analyst Frank Skodzik. Das gilt nach Expertenmeinung aber auch für Air France-KLM, und das macht den Wettbewerb der europäischen Fluglinien noch mehr zu einem französisch-deutschen Duell. Fällt der dann aus, macht sich bei den Verkäufern Panik breit.

Millionendefizit befürchtet

Millionendefizit befürchtet

"Sollte der AUA-Verkauf scheitern, wird der österreichische Staat einspringen müssen, und das bedeutet möglicherweise eine Kapitalerhöhung durch den Staat", bestätigte Österreichs Verkehrsminister Werner Faymann gestern. Denn Experten warnen, die AUA-Flotte könne ohne Hilfe durch einen großen Käufer nur noch bis Mitte 20009 fliegen. Zu schlecht seien die wirtschaftlichen Bedingungen:

Austrian erwartet allein für 2008 ein Defizit von bis zu 125 Millionen Euro, zudem drückt ein Schuldenberg in Höhe von 900 Millionen Euro. Und das AUA-Management selbst musste im Halbjahresbericht der Fluglinie dann auch noch schriftlich einräumen, dass bis zum Jahresende vielleicht sogar der Wert der eigenen Flotte sinke.

Es könne "sich einen Abwertungsbedarf der Flugzeuge bis zum Jahresabschluss 31.12.2008 ergeben", schrieb AUA-Chef Alfred Ötsch seinen Aktionären. "Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entwicklung der AUA und offenbar auseinander liegender Verhandlungspositionen ist das Zustandekommen der Transaktion mit der Lufthansa derzeit aber unsicher", sagte Peter Doralt heute, der Vorsitzende der Übernahmekommission. Verkehrsminister Faymann hatte bereits gestern angedeutet, unter Umständen müsste jetzt neuverhandelt oder nachverhandelt oder ein neuer Zeitplan für den Verkauf aufgestellt werden.

Lufthansa-Chef Mayrhuber dürfte seine eigenen Vorstellungen davon haben. Beim Kauf der Swiss vor einigen Jahren einigte er sich mit den Schweizern auf einen Minipreis, die Aktionäre der Gesellschaft erhielten aber nach der geglückten Sanierung einen Nachschlag. Das war der Beginn des Aufstieges seines Unternehmens zum ernst zu nehmenden Konkurrenten für Air-France-KLM um den Thron der europäischen Luftfahrtbranche.

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