Montag, 6. April 2020

Kreditklemme Tigerstaaten auf dem Trockenen

Sie sind die Hoffnungsträger des von Rezessionsängsten geplagten Westens. Staaten wie Russland, China und Südafrika sollen mit ihrem robusten Wachstum dafür sorgen, dass die Krise nicht allzu heftig ausfällt. Doch die neuen Motoren der Weltwirtschaft drohen selbst auszufallen - oft, weil das Geld nicht mehr zu ihnen strömt.

Hamburg - Eine wachsende Zahl von Staaten wird derzeit beim Internationalen Währungsfonds (IWF) mit demselben Anliegen vorstellig. Island hat sich gemeldet, die Ukraine ist betroffen, und auch Pakistan hat angefragt. Die Länder haben gemein, dass sie sich nicht mehr in der Lage sehen aus eigener Kraft die Folgen der Finanzkrise zu bewältigen. Also soll der IWF sie mit Milliardenspritzen unterstützen.

Damit reihen sich die Nationen ein in eine immer länger werdende Liste von Staaten, die in den vergangenen Jahren teils zu den Wachstumslokomotiven der Weltwirtschaft avanciert sind, nun aber besonders unter den Verwerfungen an den Finanzmärkten leiden.

Meist macht ihnen zu schaffen, dass das Geld nicht mehr wie gewohnt fließt, weil sich die von faulen Krediten zersetzten Banken nicht mehr trauen und gleichzeitig die Hoffnung auf stabiles Wachstum in den Tigerstaaten verloren haben. Dadurch fällt es schwerer Handelsdefizite auszugleichen, die Währung stabil zu halten und die heimische Wirtschaft mit hartem Geld zu versorgen. "Die Eskalation der Krise hat diese Länder sehr viel verletzlicher gemacht", sagt US-Ökonom Nouriel Roubini.

Staaten, die mehr Waren importierten als exportierten, konnten lange sicher davon ausgehen, dass sie ihre Wirtschaft mit Devisen am Laufen halten konnten. "Defizite in der Leistungsbilanz wurden ignoriert, als die Zeiten gut waren und Kapital im Überfluss verfügbar", sagt Roubini.

Betroffen sind nun Länder auf nahezu allen Kontinenten. Island mit seinen expansionshungrigen Banken und ihren Schuldenbergen, die nun der Staat übernommen hat, ist das drastischste Beispiel. Typischer sind Länder wie die Ukraine oder Pakistan.

China: Eine Konsumschwäche im mächtigen Schwellenland dürfte auch deutsche Exporteure treffen
Sie sind seit langem auf ein hohes Maß an internationalem Kapital angewiesen, um ihr Wachstum zu finanzieren. Doch die Krisenbanken halten ihre Mittel zusammen und ziehen zum Teil bereits Gelder aus den Ländern ab. Staaten wie Pakistan droht deshalb die Zahlungsunfähigkeit, zumal sie ihre Fremdwährungsreserven drastisch reduzieren, um die eigene Währung zu stützen.

Aus westlicher Sicht besonders fatal ist, dass ausgerechnet die nun ins Strudeln geratenen Länder als Retter der Weltwirtschaft fungieren sollen. Die Nachfrage ihrer Volkswirtschaften soll garantieren, dass westliche Konzerne keine allzu drastischen Einbrüche erleben.

Doch die Kraft der wilden Wachstumsstaaten schwindet. In einigen Branchen zeichnet sich schon ab, dass die neuen Märkte als Retter ausfallen. So spürt die Autoindustrie in Fernost bereits schwindendes Interesse an ihren Fahrzeugen. Ähnlich geht es der Konsumbranche. Die Aktien des französischen Elektronikkonzerns Schneider Electric Börsen-Chart zeigen gaben gestern nach der Vorlage von Quartalszahlen um 8,19 Prozent auf 44,14 Euro nach. Ein Analyst kritisierte, dass das Erlöswachstum vor allem in den Schwellenländern abgenommen habe.

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