Finanzkrise "Kehrtwende der Wirtschaftsentwicklung"

Die Finanzkrise wird irgendwann überwunden sein, sagt Burkhard Schwenker. Das eigentliche Problem sei der dauerhaft steigende Staatseinfluss in der Industrie, meint der Chef der Unternehmensberatung Roland Berger. Unternehmen sollten daher nicht leichtfertig nach dem Staat rufen.

mm: Herr Schwenker, im Zuge der Finanzkrise erleben wir derzeit eine Rückbesinnung auf den Staat. Das Vertrauen in die Märkte hat arg gelitten; wir berichten ausführlich im aktuellen Heft darüber. Was jetzt? Glauben Sie, dass der Staat sich wieder zurückzieht, wenn die akute Krise überstanden ist?

Schwenker: Ich fürchte, nein. Wir befinden uns mitten in einer fundamentalen Kehrtwende der Wirtschaftsentwicklung. Sie wird die Bedingungen, unter denen Unternehmen agieren, auf lange Zeit verändern. Die Finanzkrise werden wir überwinden – irgendwann kommt das Geld wieder. Das eigentliche Problem ist der dauerhaft steigende Staatseinfluss, über die Finanzindustrie hinaus. Wenn in der Wirtschaft wieder verstärkt politisch entschieden wird, dann laufen wir auf ein deutlich ineffizienteres System zu – wir haben das ja früher auch in Deutschland erlebt.

mm: Klingt dramatisch. Glauben Sie nicht, dass sich die marktkritische Stimmung verflüchtigen wird, wenn die Krise erst vorbei ist?

Schwenker: Das hoffe ich natürlich. Ich bezweifele aber, dass es so kommt. Denn die Krise dynamisiert eine Entwicklung, die man schon länger beobachten kann. Seit mindestens zwei Jahren gibt es einen Linksruck, eine Verteilungsdebatte, eine generelle Unzufriedenheit mit den erhöhten Risiken, die die globalisierte Marktwirtschaft mit sich bringt. Dazu kommt: Viele autoritär geführte Schwellenländer wie China und Russland, die in den vergangenen Jahren wirtschaftlich erfolgreich waren, haben staatliche Lenkung wieder hoffähig gemacht. Das ist der Boden, auf den nun die Finanzkrise fällt – deshalb fürchte ich, dass die derzeitige Marktskepsis lange vorherrschen wird.

mm: Was heißt das konkret?

Schwenker: Banken, bei denen der Staat einsteigt, werden nicht so schnell wieder privatisiert. Das gilt im Übrigen auch für die angelsächsischen Länder, auch da hat sich ja die Stimmung vollkommen gedreht. Andere Branchen, die öffentliche Hilfen beanspruchen, wie sie jetzt die Autoindustrie fordert, werden direkten politischen Einfluss stärker spüren. Ich kann deshalb Unternehmen nur warnen, in den beginnenden harten Zeiten leichtfertig nach dem Staat zu rufen.

mm: Was ist so schlimm an etwas mehr politischem Einfluss in der Wirtschaft?

Schwenker: Politiker, die jetzt – zugegebenermaßen – als Retter gebraucht werden, dürften wieder Gefallen daran finden, sich in wirtschaftliche Entscheidungen einzumischen. Unternehmerische Notwendigkeiten müssen dann hinter politischen Erwägungen zurückstehen. Die Verlierer sind nicht zuletzt die Kunden. Wir erinnern uns ungern an die Zeiten, als Telekom und Post noch staatliche Behörden waren und keine börsennotierten Konzerne.

"Kürzung der Managergehälter ist kein Drama"

mm: Auch Managergehälter sollen jetzt begrenzt werden. Kein Drama, oder?

Schwenker: Nein, kein Drama. Wenn dadurch Exzesse, die es ja in der Tat gab, eingedämmt werden sollen, ist das verständlich. Dennoch bin ich bei staatlichen Maßnahmen skeptisch – ich bin überzeugter Anhänger des Wettbewerbs.

mm: Viele Vorschläge zielen darauf ab, Vergütungssysteme deckungsgleich zu machen mit den Interessen der Aktionäre und der Gesellschaft insgesamt. Extrem risikoreiches Verhalten wie im Investmentbanking, wo Manager mit hohen Boni gelockt wurden, die am Ende ein Desaster anrichteten, für das der Steuerzahler aufkommen muss – das muss doch durch geeignete Regulierungen verhindert werden.

Schwenker: Ja, diese Interessenkongruenz von Topmanagern, Shareholdern und Stakeholdern ist richtig und wichtig. Ich bin zum Beispiel dafür, Managergehälter von der Hauptversammlung oder vom gesamten Aufsichtsrat festlegen zu lassen, statt, wie heute, in kleinen Aufsichtsratsausschüssen. Das sorgt für Transparenz, und die ist nötig, damit der Wettbewerb vernünftig funktionieren kann.

mm: Herr Schwenker, der Verlust an Vertrauen ins System geht auch mit einem Vertrauensverlust in die Manager einher …

Schwenker: … das ist ein Thema, das mich sehr beschäftigt.

mm: Wie führt man in einer solchen Situation?

Schwenker: Manager müssen gerade jetzt Sicherheit vermitteln – sie können es aber eigentlich nicht, weil es solche Sicherheiten inmitten all dieser Veränderungen nicht mehr gibt. Das ist ein Dilemma. Organigramme, Pläne, Visionen – all das, was den Mitarbeitern Verlässlichkeit vermitteln soll, hat heute nur noch eine kurze Halbwertzeit. Und ist damit eigentlich ungeeignet, jene Verlässlichkeit zu schaffen.

mm: Dennoch gibt es all das immer noch – Aufbau- und Ablauforganisationen, Pläne. Alles Fake?

Schwenker: Notlösungen. Die Verwerfungen draußen sind so groß, dass man diese Instrumente wohl braucht, auch wenn sie nicht mehr viel Wert haben.

mm: Manche sagen, gerade in der Krise komme es auf die Persönlichkeit des Chefs an.

Schwenker: Das hilft, natürlich. Wer persönlich integer ist, wer als vertrauenswürdig gilt und in Worten und Taten Glaubwürdigkeit bewiesen hat, der kann eher jene Verlässlichkeit herstellen, die Mitarbeiter derzeit brauchen. Aber auch Mut ist gefragt, gerade jetzt: Gesunden Unternehmen bieten sich nämlich derzeit große Chancen; der Markt für Übernahmen zum Beispiel ist so attraktiv wie seit Langem nicht – die Preise sind im Keller.

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.