Müllers Welt Wir brauchen ein Bretton Woods III

Die Regierungen der westlichen Länder überbieten sich gegenwärtig darin, Forderungen nach einer neuen Weltordnung zu formulieren. Einige sehnen das Bretton-Woods-System der Nachkriegszeit herbei. Unfug. Was kann man realistischer von der internationalen Kooperation erwarten? Diskutieren Sie mit!

Dies sind Zeiten für ganz große Pläne. Wenn die Finanzkrise erst eingedämmt ist – und das wird hoffentlich in ein paar Wochen der Fall sein –, werden sich die Regierungen der Welt daran machen, eine neue Weltordnung zu kreieren.

Ende November soll es einen großen Weltfinanzgipfel geben. Dann soll die Welt neu zugeschnitten werden, wie man hört. Von Gordon Brown über Angela Merkel bis zu Nicolas Sarkozy – die Europäer sind dafür. Die Amerikaner wollen mitmachen. Es soll ein historisches Treffen werden, so wie damals in Bretton Woods, jenem Skiort in den Bergen New Hamshires, wo 1944 das Weltwirtschaftssystem der Nachkriegszeit verabschiedet wurde. Ein "Bretton Woods II".

Moment!

Das klingt zwar alles einleuchtend, denn schließlich durchleben und –leiden wir eine epochale ökonomische Krise. Aber die Frage bleibt offen: Was soll das? Wieviel und welche Zusammenarbeit kann man realistischer Weise für die Zukunft erwarten?

Ich will hier drei Punkte machen:

  1. Bretton Woods I ist ein schlechtes Vorbild. Es taugt nicht im Ansatz zur Lösung der heutigen Probleme.
  1. Bretton Woods II gibt es bereits faktisch, wenn auch nicht formal. Es ist eine der Ursachen der derzeitigen Krise.
  1. Wenn überhaupt, dann brauchen wir ein Bretton Woods III.

Aber eins nach dem anderen.

Das ursprüngliche System von Bretton Woods war der sogenannte Gold-Dollar-Standard. Der US-Dollar war ans Gold gebunden, die übrigen westlichen Währungen mit festen, aber anpassungsfähigen Kursen an den Dollar.

Klingt alles ziemlich geordnet. Die Wechselkurse wären fest und verlässlich. Es gab eine internationale Instanz, den Internationalen Währungsfonds (IWF), der das System überwachte und steuerte.

Allerdings: Das System funktionierte nur unter einer Reihe von Bedingungen, die heute nicht mehr gelten.

Keine offenen Märkte, begrenzte Handelsströme

Es gab keine offenen Finanzmärkte, sondern Kapitalverkehrskontrollen an den Grenzen. Man konnte nicht einfach sein Geld in anderen Ländern anlegen oder dort Kredite aufnehmen. Finanzen waren weitgehend national.

Es gab nur begrenzte Handelsströme – der Protektionismus der Zwischenkriegszeit war noch weitgehend in Kraft –, so dass auch die mit dem Warenaustausch verbundenen Finanzströme begrenzt waren.

Und es gab ein einziges ökonomisches Zentrum, die USA, das solide und nichtinflationär wuchs. Es war der natürliche Bezugspunkt für den Rest der freien Welt.

All diese Bedingungen sind heute nicht mehr erfüllt. Sie waren schon in den 70er Jahren nicht mehr erfüllt, weshalb das System von Bretton Woods letztlich zerbrach.

Ließe sich heute ein solches System installieren? Auf die dritte Bedingung könnte man verzichten und eine synthetische Bezugsgröße einführen.

Die anderen Bedingungen wären nur unter immensen Kosten zu schaffen: Abschottung der Güter- und Finanzmärkte. Denn bei offenen Grenzen sind die Finanzströme so groß, dass die Notenbanken sie nicht mehr so einfach unter Kontrolle bringen. Die Renationalisierung der Volkswirtschaften würde aber geradewegs ins Desaster führen – wie in den 30er Jahren.

Also: Bretton Woods I taugt nicht für die Zukunft. Es wäre eine restriktive Wirtschaftswelt. Die volkswirtschaftlichen Kosten des Protektionismus und des Verlusts an geldpolitischer Autonomie wären gigantisch.

Eine Art "Bretton Woods II" gibt es bereits, auch wenn es kein offzielles Arrangement ist, sondern ein inoffizielles. China, andere asiatische Länder und die Rohstoffexporteure haben ihre Währungen an den US-Dollar gebunden. Gegen die Aufwertung ihrer Währungen haben sie Dollars aufgekauft, so dass sie heute über Währungsreserven verfügen in Dimensionen, die es noch nie in der Weltgeschichte gegeben hat.

Das System war eine Zeitlang durchaus erfolgreich: Dank unterbewerteter Währungen exportierten die Länder in die USA, die diese Waren auf Pump kauften. Und zwar von Geld, das ihnen wiederum die Chinesen und andere liehen. So bauten sich die gigantischen Ungleichgewichte auf – Defizite in den USA, Überschüsse in China und anderswo –, die die Größenordnung der derzeitigen Krise erst möglich machten.

Anders gewendet: Hätten die Amerikaner keinen Zugang zu billigen Krediten aus Asien und Arabien gehabt, wäre eine derart große Hauspreisblase nicht entstanden, hätte es keine Subprimekrise gegeben, wäre der Geldmarkt nicht komplett zusammengebrochen.

Wahr ist: Ohne Bretton Woods II wäre der globale Boom der vergangenen Jahre nicht möglich gewesen.

Wahr ist auch: Ohne Bretton Woods II hätte es keine Krise des derzeitigen Ausmaßes gegeben.

Basel II neu kalibrieren

Bretton Woods II funktionierte, solange diese Volkswirtschaften relativ klein waren. Inzwischen sind sie aber zu solcher Größe heran gewachsen, dass sie die Welt mit Liquidität fluten und zu extremen Preisverzerrungen beitragen.

Also, brauchen wir ein Bretton Woods III? Und wenn ja: Wie könnte das aussehen?

Zunächst mal sprechen all die Lehren aus dem aktuellen Desaster, die ich kürzlich an dieser Stelle aufgelistet habe, dafür, verantwortungsvolle und starke nationalstaatliche Institutionen mit der Bankenaufsicht zu betrauen. Die nationalen Notenbanken und Finanzmarktregulierer wissen am besten, was bei den heimischen Instituten los ist. International agierende Institute müssen eng kooperierende Teams aus Regulierern verschiedener Nationalität prüfen.

Auch die Geldpolitik müssen die nationalen, beziehungsweise im europäischen Fall, supranationalen Notenbanken gemäß der jeweiligen Erfordernisse betreiben.

Was die Eigenkapitalanforderungen und Bilanzierungsrichtlinien angeht, braucht man internationale Standards. Die gibt es bereits: "Basel II". Dieses Regelwerk kann und muss man neu kalibrieren, also strikter auslegen. Man kann es auch um eine antizyklische Komponente erweitern, die von den Notenbanken eingestellt wird.

Also: Gebraucht wird eine intensivere Kooperation der Aufsichtsbehörden und Notenbanken. Auch eine Art internationale Aufsicht der nationalen Aufseher, um Risiken zu erkennen und Wettbewerbsverzerrungen auszuschließen, wäre wünschenswert.

Vor allem bedarf es einer Aufsicht der Wechselkurspolitiken. Fixkurs-Strategien, wie sie China betreibt, wirken langfristig destabilisierend. Ein solcher Kurs sollte international geahndet werden; falls die beteiligten Staaten mit Argumenten nicht zu überzeugen sind, sollten auch Sanktionen möglich sein.

Beides sind Aufgaben – Aufseher der Aufseher und Wechselkurs-Aufsicht –, für die der Internationale Währungsfonds prädestiniert ist.

Und wenn die Weltgemeinschaft dann noch etwas Gutes tun will, sollte sie die WTO reformieren. Das Einstimmigkeitsprinzip, das die Institution lähmt, muss weg – sonst wird die offene Welthandelsordnung nicht aufrecht zu erhalten sein.

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