OECD Einkommensschere schließt sich wieder

Nach der Jahrtausendwende hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland drastisch vergrößert. Besonders sind laut einer OECD-Studie Kinder betroffen. Der 2006 einsetzende Aufschwung hat den Trend jedoch gestoppt.

Berlin - Arm und Reich driften in Deutschland nach einer Studie der OECD besonders stark auseinander. Die Einkommensunterschiede und der Anteil der Armen wuchsen von der Jahrtausendwende bis 2005 schneller als in den anderen 29 OECD-Ländern. Das Armutsrisiko nahm besonders für Kinder rasant zu, wie aus der am Dienstag veröffentlichten Studie "Mehr Ungleichheit trotz Wachstum?" hervorgeht.

Als Konsequenz fordert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) höhere Investitionen in Bildung und stärkere Anreize für Arbeitslose zur Aufnahme eines Jobs. 2005 lebten 11 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, 2000 waren es nur 9,2 Prozent. Ihnen stand weniger als die Hälfte des mittleren Einkommens zur Verfügung.

Damit liegt die Armutsquote inzwischen über dem OECD-Durchschnitt. Anfang der 90er Jahre lag sie noch um rund ein Viertel darunter. "Arbeitslosigkeit ist in Deutschland das größte Armutsrisiko", sagte OECD-Experte Michael Förster zu Reuters.

Besonders betroffen von Armut sind Kinder. Die Armutsquote stieg hier seit 1985 von 11 auf 16 Prozent und damit fünfmal so schnell wie im OECD-Durchschnitt. Bei Kindern von Alleinerziehenden weist Deutschland nach Japan, Irland, den USA, Kanada und Polen die höchste Armutsquote auf. "Weil Kinderbetreuungsplätze fehlen, können viele Alleinerziehende nicht arbeiten", sagte Förster.

Dagegen blieb die Armutsrate älterer Menschen mit rund 9 Prozent stabil, während sie im OECD-Durchschnitt 13 Prozent beträgt. Den wachsenden Niedriglohnsektor macht die Organisation für das Auseinandergehen der Einkommensschere mitverantwortlich. Aber auch durch den immer größer werdenden Anteil der Haushalte von Singles und Alleinerziehenden nimmt das Armutsrisiko zu: Sie benötigen ein höheres Pro-Kopf-Einkommen für den gleichen Lebensstandard, weil sie Belastungen wie die Miete nicht auf mehrere Schultern verteilen können.

Trend zur ungleichen Verteilung gestoppt

Trend zur ungleichen Verteilung gestoppt

"Das Steuer- und Transfersystem berücksichtigt das zu wenig, sondern orientiert sich noch immer am klassischen Familienbild", sagte Förster. Durch Umverteilung werde die Einkommensungleichheit aber insgesamt um ein Drittel und die Armut um die Hälfte verringert.

Der Aufschwung der vergangenen Jahre hat die Einkommensschere wieder ein wenig geschlossen. "2007 und auch 2008 ist der Trend zu einer ungleicheren Verteilung gestoppt worden", sagte OECD-Experte Förster. Dazu beigetragen hätten neben dem Boom auch die Hartz-Reformen, die stärkere Anreize zur Arbeitsaufnahme gesetzt hätten. Fraglich sei, ob die Kluft 2009 weiter abnehme, da wegen der Finanzkrise eine Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit drohe. Deutschland müsse die Anreize für eine Arbeitsaufnahme weiter erhöhen.

Auch laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat sich die Lage 2007 wieder verbessert. "Was in absoluten Zahlen bedeutet, dass 1,2 Millionen Menschen in Deutschland aufgrund der verbesserten Arbeitsmarktsituation nicht mehr von Armut betroffen sind", sagte Markus Grabka vom DIW.

Düstere Aussichten für 2009

Die konjunkturelle Entwicklung stelle sich seit Mitte 2008 aber wieder deutlich negativer dar. Die Arbeitsmarktstrukturen hätten sich in den vergangenen zehn Jahren mit mehr Leih- und Zeitarbeit sowie geringfügiger Beschäftigung stark verändert. Diese Beschäftigten "werden jetzt im Rahmen des konjunkturellen Abschwungs relativ schnell aus dem Arbeitsmarkt hinauskatapultiert werden. Was unserer Einschätzung nach das Ausmaß an Einkommensarmut für das Jahr 2009 wieder steigen lässt", sagte Grabka.

Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) fordert einen bundesweiten Mindestlohn, um das Armutsrisiko zu verringern. "Unsere Gesellschaft ist stark auseinandergefallen, wie die Studie belegt", sagte IMK-Direktor Gustav Horn. "Länder mit einem Mindestlohn kennen eine solche Entwicklung nicht."

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) verlangt stärkere Anstrengungen, um Geringqualifizierte wieder in Lohn und Brot zu bringen. "Die Anreize müssen so gesetzt werden, dass sich die Arbeitsaufnahme lohnt", sagte IW-Experte Holger Schäfer. So lohne sich für Empfänger von Arbeitslosengeld oft nur die Annahme eines Teilzeit-, nicht aber eines Vollzeitjobs.

Einig sind sich OECD und die Institute in ihrer Forderung nach höheren Bildungsinvestitionen - von Kindertagesstätten bis zu den Universitäten. "Bildung muss gesellschaftliche Aufstiegschancen für alle produzieren", sagte Horn.

Wie die OECD-Studie weiter zeigt, kommt Langzeitarmut in Deutschland seltener als anderswo vor. Etwa 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen, gelten also über einen Zeitraum von mindestens drei Jahren als arm. Nur in Dänemark und den Niederlanden sei der Anteil noch geringer. Auch materielle Entbehrungen seien seltener als in anderen Ländern. Etwa 8 Prozent der Bevölkerung müssten deutliche Abstriche am Lebensstandard machen - im OECD-Schnitt seien es 12 Prozent.

manager-magazin.de mit Material von reuters und dpa-afx

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