500-Milliarden-Paket "Das wird nicht reichen"

Die Bundesregierung hilft den angeschlagenen Banken mit einem Rettungspaket in Höhe von bis zu 500 Milliarden Euro. Die Börsen zeigen sich hocherfreut. Doch den Wirtschaftsabschwung wird die Aktion vermutlich nicht stoppen. Auf die Geldhäuser kommen deshalb neue Lasten zu, warnt der Frankfurter Bankenexperte Martin Faust.

mm.de: Ein nie dagewesenes Rettungspaket in Höhe von bis zu 500 Milliarden Euro soll den Banken aus der Patsche helfen. Muss den Steuerzahlern das Geschäft der Institute wirklich so viel wert sein?

Faust: Das Rettungspaket ist ohne Alternative. Wir sind in der zweiten Phase der Finanzkrise angelangt. Die Banken spüren nicht mehr bloß einen Liquiditätsengpass, sie haben ein Eigenkapitalproblem. Bei einem zu geringen Eigenkapital droht die Insolvenz, zumindest müsste die Kreditvergabe radikal gekürzt werden. Das würde die gesamte Wirtschaft enorm belasten.

mm.de: Warum kann sich der Markt nicht selbst helfen?

Faust: Außer dem Staat ist zu Zeit niemand bereit den Banken neues Eigenkapital zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus sind börsennotierte Banken von einer feindlichen Übernahme bedroht. Mit dem Rettungspaket verhindert die Politik, dass Finanzinvestoren die Reste des Bankensystems einsammeln. Die hätten leichtes Spiel. Die Deutsche Bank ist zur Zeit günstig zu haben.

mm.de: Dem Staat stehen zunächst 70 Milliarden Euro zur Verfügung, um sich an Kreditinstituten zu beteiligen. Wie weit kommt er damit?

Faust: Angesichts der konjunkturellen Risiken ist es reines Wunschdenken anzunehmen, dass die 70 Milliarden ausreichen. Diese Summe ist nicht hoch genug angesetzt, weil der Eigenkapitalbedarf der Banken und Versicherungen weiter steigen wird, wenn sich die Weltwirtschaft abkühlt und der Abschreibungsbedarf weiter steigt. Gefahren drohen insbesondere aus den Hypothekengeschäften in den USA und Großbritannien sowie durch die Finanzierung von Unternehmensübernahmen im Rahmen von Private Equity Investments. Unsicher sind auch die Folgen der Krise auf Entwicklungs- und Schwellenländer. Deswegen denke ich nicht, dass der Höhepunkt schon erreicht ist. Es gibt aber derzeit keine andere Möglichkeit, das System zu stabilisieren. Daher wäre es dann später auch nur konsequent, weiter aufzustocken.

"Der Staat sollte als vollwertiger Eigner handeln"

mm.de: Der ausgeglichenen Staatshaushalt ist also in weite Ferne gerückt?

Faust: Den können wir uns erstmal abschreiben.

mm.de: Wie sollte der Staat als Anteilseigner von privatwirtschaftlichen Banken auftreten?

Faust: Der Staat sollte im Fall eines Einstiegs bei einem Institut wie ein vollwertiger Eigentümer handeln, mit vollem Stimmrecht. Allerdings muss er als Kontrollinstanz agieren und sich aus dem operativen Geschäft heraushalten, von dem er wenig versteht. Er darf beispielsweise nicht der Versuchung erliegen, als Eigner ganze Geschäftfelder wie den Handel mit Verbriefungen zu unterbinden.

mm.de: Und wenn der Bund bei den Landesbanken einsteigt?

Faust: Dann muss er als Miteigentümer dafür sorgen, dass sich die Landesbanken-Landschaft ändert und die Konsolidierung voranschreitet.

mm.de: Welchen Preis müssen die Banken im Gegenzug zahlen, dass der Staat ihnen jetzt zu Hilfe kommt?

Faust: Sie müssen eine Reihe von Gesetzen akzeptieren, die mehr Transparenz und Kontrolle bringen. Dazu gehört, dass Risiken in der Bilanz zu buchen sind und nicht ausgelagert werden dürfen. Auch könnte der Staat eine höhere Ausstattung mit Eigenkapital vorschreiben. Das alles sollte aber in Ruhe geplant werden und nicht in der Hektik der gegenwärtigen Krise. Denn solche Maßnahmen werden die momentanen Verwerfungen ohnehin nicht mehr aufhalten.

mm.de: Als Verlierer scheinen Bankvorstände schon festzustehen, deren Bezüge und Abfindungen begrenzt werden sollen. Was bringt das?

Faust: Die Anreizsysteme, die kurzfristige Erfolge mit hohen Boni belohnen, sind sicher für den Beinahe-Kollaps mitverantwortlich. Doch Forderungen nach Gehaltsgrenzen und ähnlichem haben vor allem eine symbolische Wirkung für die Steuerzahler. Die haben nun das Gefühl, mit ihrem Geld die Manager retten zu müssen. Es ist aber nicht Aufgabe der Politik, die Bezüge festzusetzen. Als Aufsichtsräte in den Banken könnten sie darüber allerdings bald mitentscheiden.

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