Hapag-Lloyd Champagnerlaune in rauer See

Das monatelange Tauziehen um Hapag-Lloyd ist beendet. Die Hamburger Investorengruppe um den Logistiker Klaus-Michael Kühne übernimmt die Reederei. An deren Spitze bleibt Vorstandschef Michael Behrendt, der das Unternehmen nun durch schwierige Zeiten führen muss.

Hamburg - 4,45 Milliarden Euro sind ein stolzer Preis, den eine Hamburger Investorengruppe für die Reederei Hapag-Lloyd zahlt - mitten in der weltweiten Finanzkrise. "Hinzu kommt die schwierige Marktlage in der Schifffahrt", so Burkhard Lemper vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik gegenüber manager-magazin.de: "Man muss davon ausgehen, dass wir in den nächsten zwei Jahren nicht mehr die Raten erzielen werden wie noch in jüngster Zeit."

Doch die Erleichterung überwiegt zunächst in Hamburg, wo man den Ausverkauf der Traditionsreederei nach Singapur gefürchtete hatte. Am Freitag hatte sich der asiatische Bieterkonkurrent Neptune Orient Lines (NOL) jedoch plötzlich zurückgezogen. "Das kam sehr überraschend", sagt auch Schifffahrtsexperte Lemper. NOL galt lange als ausgemachter Favorit im Rennen um die fünftgrößte Reederei der Welt.

Nun wird das Konsortium "Albert Ballin" künftig zwei Drittel an Hapag-Lloyd halten und kündigte an, die Reederei weiter zu entwickeln und ihren Marktanteil auszubauen. Für die Stadt sagte Finanzsenator Michael Freytag (CDU): "In Hamburg ist die Einheit von starkem Staat und erfolgreicher Wirtschaft ein Fels in der Brandung." Über Monate hatten sich Arbeitnehmer, Parteien, Wirtschaft und Senat gegen einen Verkauf der Reederei nach Asien stark gemacht.

Hamburg wird künftig mittelbar mit rund 23 Prozent an Hapag-Lloyd beteiligt sein. Die Stadt übernimmt über seine Beteiligungsgesellschaft HGV einen Anteil von 35 Prozent an dem Konsortium und zahlt dafür einen Kaufpreis von 484 Millionen Euro. Mitverkauft sei auch die Beteiligung am Containerterminal Altenwerder und die Konzernzentrale am Ballindamm, heißt es.

"Mit dem Erwerb haben wir unser Ziel erreicht, Hapag-Lloyd als eigenständige Reederei mit Sitz in Hamburg zu erhalten", sagte Christian Olearius, Sprecher der Geschäftsführung des Bankhauses Warburg und einer der Sprecher des Konsortiums. "Hapag-Lloyd kann nun unabhängig von Konzerninteressen agieren."

Die Investoren des Konsortiums sind der Transport- und Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne, die HGV Hamburger Gesellschaft für Vermögens- und Beteiligungsmanagement, die Versicherungsgruppen Hanse Merkur und Signal Iduna sowie die Banken HSH Nordbank und M.M.Warburg. Das Bankhaus Warburg bündelt zugleich die Interessen mehrerer privater Investoren.

Kühnes tiefer Griff in die Tasche

Der gebürtige Hamburger Kühne lebt seit mehr als 30 Jahren in der Schweiz unweit des Züricher Sees, wo seit den 70er Jahren auch die Zentrale seines weltweit tätigen Transport- und Logistikkonzerns angesiedelt ist. Für seine Heimatstadt hat der kinderlose Kühne, dessen Unternehmensanteile später in eine Stiftung übergehen sollen, schon mehrfach tief in die Tasche gegriffen. 30 Millionen Euro war ihm ein Logistik-Lehrstuhl an der TU Hamburg-Harburg wert; mehrere Millionen Euro gab er auch für die Elbphilharmonie.

Als im Frühjahr klar wurde, dass die Tui  sich von Hapag-Lloyd trennen würde, war Kühne alarmiert. Gemeinsam mit dem früheren Hamburger Senator Wolfgang Peiner, der als Verwaltungsrat bei Kühne+Nagel auf der Lohnliste steht, setzte der Spediteur alle Hebel in Bewegung, um Hapag-Lloyd als deutsche Reederei zu erhalten. Den möglichen Verkauf an einen asiatischen Konzern nannte er "eine Katastrophe". "Deutschland als führende Exportnation braucht eine eigene Schifffahrt als strategisches Element im Welthandel."

Bei Hapag-Lloyd ist Kühne+Nagel Großkunde und eng mit dem Unternehmen verwoben. Der frühere Hapag-Lloyd-Chef Bernd Wrede ist Kühnes Stellvertreter als Chef des Kühne+Nagel-Verwaltungsrats. Doch nicht nur geschäftliche Überlegungen gaben diesmal den Ausschlag für Kühnes Engagement: "Das ist neben dem kommerziellen Interesse auch eine emotionale Angelegenheit." Deshalb ist er mit privatem Vermögen bei Hapag-Lloyd eingestiegen.

Der jetzige Hapag-Lloyd-Chef Michael Behrendt bleibt unterdessen im Amt. Der Vorstandschef der Reederei scheidet lediglich mit sofortiger Wirkung aus dem Tui-Vorstand aus. Die Tui bleibt zunächst über ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Konsortium zu einem Drittel an der Containerreederei beteiligt.

Behrendts Jobgarantie

Behrendt sprach sogleich eine Jobgarantie aus. Trotz Finanzkrise und wirtschaftlichem Abschwung könne er einen Arbeitsplatzabbau zu "100 Prozent ausschließen", sagte Behrendt. Er begründete seine Zusicherung mit der Struktur der Reederei: "Wir haben Logistiksysteme, wie wir sie brauchen. Wir sind schlank aufgestellt." Allein in der Containerschifffahrt beschäftigt Hapag-Lloyd rund 7700 Mitarbeiter, 2000 sind am Firmensitz am Ballindamm tätig.

"Die Erfahrung zeigt, dass Hapag-Lloyd in schwierigen Zeiten besser aufgestellt ist als die Wettbewerber", zeigt sich Behrendt zuversichtlich. So habe das auf Containerschifffahrt spezialisierte Unternehmen auch 2002 schwarze Zahlen geschrieben, als andere bereits rot sahen.

Im zweiten Quartal 2008 hatte das Unternehmen den Umsatz um 2,6 Prozent auf rund 1,5 Milliarden Euro erhöht. "Ich bin auch mit dem laufenden Quartal nicht unzufrieden", sagte Behrendt vor dem Hintergrund der Finanzkrise. Zwar sei auch er von zweistelligen Wachstumsraten in der Vergangenheit verwöhnt worden, aber: "Wir schreiben immer noch Wachstum, wenn auch kein so starkes mehr."

Die Schiffe aus Asien führen mit einer Auslastung von bis zu 90 Prozent. Die Zuwächse der Reederei resultierten im zweiten Quartal bei leicht gestiegenen Mengen aus einem verbesserten Niveau bei den Frachtraten. Das operative Ergebnis sprang von 13 auf 89 Millionen Euro, bereinigt um Sondereffekte auf 115 Millionen Euro.

Doch die nackten Zahlen scheinen an diesem Montag in Hamburg zweitrangig zu sein - erst einmal wird am Ballindamm gefeiert. Am Nachmittag will Behrendt mit mehreren hundert Mitarbeitern in der Firmenzentrale auf den Verbleib der Reederei an ihrem Stammsitz anstoßen.

(mit Material von Nachrichtenagenturen)

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.