Rettungspakete "Wir brauchen kein eigenes Programm"

Die Amerikaner stehen kurz vor der Rettung ihrer Banken. Und Europa? Rolf Tilmes, Professor für Private Finance & Wealth Management an der European Business School, erklärt im Interview, warum nationale Alleingänge gefährlich sind.
Von Grit Beecken

mm.de: Herr Tilmes, am Mittwoch hat das US-Rettungspaket den Senat passiert. Am heutigen Freitag könnte das Repräsentantenhaus zustimmen. Sind Sie mit dem Paket zufrieden?

Tilmes: Ja. Grundsätzlich ist es gut, dass das Paket verabschiedet worden ist.

Über den Erfolg entscheiden allerdings Faktoren, die noch nicht feststehen. Es ist unklar, wie das Auktionsverfahren funktionieren wird und vor allen Dingen, wie schnell die Aktion über die Bühne gehen wird. Man muss sich auch fragen, was passiert, wenn der Markt nicht reagiert - wenn sich kein Vertrauen zwischen den Banken zurück bildet. Zudem weiß keiner, wie und für welche Tranchen zuerst geboten wird. Wie wird der Preis für etwas festgelegt, das schon seit seit längerer Zeit nicht mehr oder nur sporadisch gehandelt wird? Für eine abschließende Beurteilung ist es daher zu früh.

Aber lassen Sie mich einen Schritt zurückgehen. Die Amerikaner standen unter massivem Druck, dieses Paket zu verabschieden, obwohl viele US-Bürger dagegen sind. Sie wollen mit ihren Steuergeldern nicht diejenigen retten, die den Karren in den Sand gefahren haben - und nach der Aktion unter Umständen sogar wieder Bonuszahlungen kassieren. Das Rettungspaket könnte schließlich 6 bis 7 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts verschlingen, wenn keine Erträge zurückfließen. Daher hat das Repräsentantenhaus es in der ersten Lesung auch nicht passieren lassen. Die Abgeordneten fürchten um ihre Wiederwahl.

mm.de: Wie erklären Sie den Bürgern, warum man die Banken nicht einfach Pleite gehen lässt?

Tilmes: Wir können die Banken nicht baden gehen lassen, weil dann auch der Mann auf der Straße Probleme bekommt. Denn die Finanzkrise kann auf die Realwirtschaft überlaufen und er könnte dadurch seinen Job verlieren - das ist natürlich grob vereinfacht gesagt.

Die Banken vergeben in der Finanzkrise weniger Kredite, weil sie weniger Einlagen haben oder sich schlecher bzw. gar nicht refinanzieren können. Das bremst das Wirtschaftswachstum, weil Unternehmen nicht mehr investieren können. Die Gewinne gehen zurück, Unternehmen müssen sparen und Verbraucher werden weiter verunsichert. Sie ändern ihr Konsumverhalten, das belastet die Wirtschaft. Dieser Prozess beschleunigt sich, und davor haben alle Angst. Mittlerweile scheitern Banken ja nicht mehr primär an faulen Krediten, sondern daran, dass sie sich nicht mehr refinanzieren können - so war es beispielsweise bei der Depfa .

"Verbraucher beobachten die Banken"

mm.de: Wurde das Programm nach dem ersten Scheitern inhaltlich zu sehr verwässert?

Tilmes: Natürlich hat man das Paket umgeschnürt und insbesondere die Einlagensicherung von 100.000 auf 250.000 US-Dollar pro Konto gesteigert. Das ist für gut für die Anleger. Die Grundsatzfrage lautet aber eher, ob man ein solches Paket gut oder schlecht findet.

An diesem Paket hat kein Weg vorbeigeführt. Der Markt ist massiv gestört - inzwischen primär aufgrund des brachliegenden Interbankenhandels. Alle Aktionen, die Vertrauen zurückbringen, sind willkommen. Vor allem muss das Streuen von Gerüchten gegen Banken beendet werden, wir brauchen wieder Stabilität. Denn die US-Verbraucher beobachten die Kurse der Banken momentan sehr genau und ziehen gegebenenfalls ihre Gelder ab - wie wir es bei Washington Mutual  gesehen haben.

Ich kann mir im Übrigen die Zahl 700 Milliarden gar nicht vorstellen. Wir haben durch die Finanzkrise bislang weltweit 450 Milliarden US-Dollar Abschreibungen gehabt. Das stellt eine neue Studie der Boston Consulting Group fest. Jetzt packen die USA noch einmal das Eineinhalbfache drauf - das lässt mich erschaudern.

mm.de: Irland startet ein eigenes Bankenrettungspaket, indem die Regierung Garantien über schätzungsweise 400 Milliarden Euro für sechs Banken abgegeben hat. Ist das der richtige Weg?

Tilmes: Da ist die Grundsatzfrage, ob die Aktion zu einer Marktverwerfung führen wird, ob sie den Markt verzerrt. Denn im Verhältnis zum Gesamtvolumen im irischen Markt sind die 400 Milliarden Euro ein "kräftiger Schluck aus der Pulle". Wenn Sie diese Summe in US-Dollar umrechnen, dann kommen Sie auf 640 Milliarden US-Dollar - das ist fast das Volumen des US-Pakts.

Vertrauensbildende Maßnahmen sind grundsätzlich gut, aber hier wird in massiv den Markt eingegriffen und es bleibt abzuwarten, wie er reagieren wird. Irland macht hier einen Alleingang. Und da können Sie gleich den Herrn Sarkozy einreihen. Der will ja auch ein solches Programm - auch wenn es bei ihm "nur" 300 Milliarden Euro sind. Aber helfen uns solche Aktionen wirklich weiter? Beruhigt Aktionismus die Märkte?

mm.de: Sagen Sie es mir. Brauchen wir einen eigenen EU-Rettungsplan?

Tilmes: Nein, den brauchen wir nicht. Insgesamt stehen wir in Europa ganz gut da. Über BNP Paribas  beispielsweise hören wir kaum etwas. Und Barclays  steht eher auf der Gewinnerseite. Die freuen sich jetzt, dass es mit ABN Amro nichts geworden ist und lassen die Sektkorken knallen. Sie haben sich jetzt mal eben für zwei Milliarden US-Dollar große Teile von Lehman Brothers einverleibt. Warum sollten wir uns also den Amerikanern anschließen? Wir brauchen kein eigenes Programm, da schließe ich mich der Bundesregierung an.

"Blinder Aktionismus"

mm.de: Kritiker nennen Sarkozys Vorstoß "blinden Aktionismus". Sie meinen, wir sollten erst die Bankenaufsicht in der EU vereinheitlichen, ehe wir über Rettungspakete sprechen.

Tilmes: Ja, das wäre der erste Schritt. Bei der Fortis-Rettung waren alle in Europa mit dabei. Bei der Rettung der Hypo Real Estate hingegen sprangen nur die Bafin und der Bund ein und haben den Schirm aufgespannt.

Die irische Aktion mag vielleicht aufgehen, aber wir reden in diesem Fall über das Eineinhalbfache des irischen Bruttoinlandsprodukts. Und mit diesen Alleingängen werden Kapitalströme gelenkt - investiert wird dort, wo es Garantien gibt und das verzerrt den Markt.

Was tun wir also, wenn alle Rettungspakete schnüren und nur die Deutschen verzichten? In diesen Fragen sind Politiker natürlich die schlechteren Banker. Es kommt schließlich immer gut an, wenn Politiker sagen können: "Wir retten die Banken und damit den Anleger". Und wer dabei nicht mitmacht, dessen Banken leiden. Nur: Wo soll das Geld für die Bankenrettungen eigentlich herkommen?

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Steuerzahler bei der HRE einspringen muss, ist übrigens sehr gering. Das von HRE gestellte Sicherheitspaket übersteigt die Ausfallbürgschaften und der Staat muss erst dann einspringen, wenn diese Sicherheiten zur Bedingung des Kredits nicht ausreichen.

mm.de: Sind Banken in anderen EU-Ländern eigentlich gefährdeter als die deutschen?

Tilmes: Das weiß ich nicht im Detail. Die Frage stellt sich auch eher für die kleineren Institute, Spezialfinanzierer und die Pendants der Landesbanken. Die Situation bei den großen Bankkonzernen kennen wir schließlich.

Fortis ist in die Bredouille geraten, weil sie sich nicht mehr refinanzieren konnten. Das gleiche haben wir bei Dexia gesehen. In England werden wir noch einige Überraschungen sehen, aber es gibt keine börsennotierte Baufinanzierer mehr, die noch unter die Räder kommen könnten.

Aus Schweden haben wir bislang beispielsweise sehr wenig gehört. Die Nachrichten aus Italien haben mich überrascht, weil man von ihnen bislang recht wenig gehört hatte. Aber wenn die Unicredit  riesige Probleme hat, dann ist das natürlich bedeutsam. Das hat dann wieder Auswirkungen auf Deutschland und die HypoVereinsbank .

mm.de: Wie ist die Situation in Deutschland?

Tilmes: Es stellt sich die Frage, ob nur die deutschen Landesbanken mit faulen Krediten gehandelt haben, oder auch ihre europäischen Pendants. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass es nur die Deutschen waren.

Bei uns sind die normalen Sparkassen und die Genossenschaftsbanken sicherlich ungefährdet. Die Deutsche Bank  und die Postbank  sind auch recht gut durch die Krise gekommen. Und bei der Commerzbank  und der Dresdner Bank muss man jetzt abwarten, wie sie sich aufstellen. Aber in Deutschland stehen wir meiner Ansicht nach nicht vor unlösbaren Problemen.

Finanzkrise: Banken reißen Unternehmen mit

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