UBS Luqman und die Lehman-Omas

Die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers trifft neben Kleinanlegern auch internationale Topbanker. Der frühere UBS-Chef Luqman Arnold muss befürchten, dass er seine gerade erworbenen Aktien der Schweizer Großbank verloren hat - obwohl das milliardenschwere Paket nur verliehen war.

Hamburg - Die Lehman-Omas sind inzwischen auf allen Fernsehkanälen erschienen: Kleinanlegerinnen, die oft ihre gesamten Altersrücklagen in Zertifikate der insolventen Investmentbank Lehman Brothers gesteckt haben. Sie wussten nicht, dass diese Schuldverschreibungen komplett wertlos werden können, weil andere Gläubiger vorrangig bedient werden.

Doch sie sind nicht die einzigen, die von der Lehman-Pleite kalt erwischt wurden. Auch die Evangelische Landeskirche in Oldenburg oder der Abfallverwertungs- und Entsorgungsbetrieb des Kreises Paderborn genießen einen Mitleidsbonus, weil sie bei der Geldanlage auf Lehmans guten Namen vertrauten. Anders sieht es dagegen aus, wenn gewiefte Banker dem Scheitern der Kollegen zum Opfer fallen.

Luqman Arnold kann froh sein, dass sich die "Bild"-Zeitung nicht für ihn interessiert. Denn der britische Starbanker mit indischen Wurzeln stellt in den Schatten, was der Förderbank KfW die Schlagzeile "Deutschlands dümmste Bank" eingebracht hat: Die KfW hatte kurz vor dem Insolvenzantrag 350 Millionen Euro an Lehman überwiesen.

Für Arnold ist der Schaden weitaus schlimmer. Seine Beteiligungsgesellschaft Olivant hat im Lehman-Strudel womöglich all ihre Aktien der Schweizer Großbank UBS  im Wert von mehr als einer Milliarde Euro verloren. Auf der außerordentlichen Hauptversammlung am Donnerstag hatte Arnold, der als ehemaliger UBS-Konzernchef und aktivistischer Anleger seit einigen Monaten das heutige Management um Peter Kurer vor sich hertreibt, deshalb keine Stimmrechte.

Wo sind die Aktien?

Wo sind die Aktien?

Der Hintergrund: Olivant hatte die gerade erst erworbenen Aktien, die 2,78 Prozent des UBS-Kapitals entsprechen, an die Pleitebank Lehman Brothers verliehen. Das ist nicht ungewöhnlich. Vor allem Finanzinvestoren wie Hedge- oder Private-Equity-Fonds hinterlegen oft Aktien bei ihren Brokern als Sicherheit für Kredite, zum Beispiel, um damit weitere Aktien zu kaufen. Die Broker wiederum können mit den Papieren handeln und eventuell daran noch verdienen.

Normalerweise werden Regeln vereinbart, damit die echten Eigentümer immer dann an die Aktien kommen, wenn sie sie brauchen - zum Beispiel, um auf Hauptversammlungen mitzustimmen oder die Dividende zu kassieren. Eine Insolvenz eines Prime Brokers wie Lehman Brothers ist jedoch Neuland. Hinzu kommt: Nach britischem Recht wirkt die Aktienleihe wie ein Verkauf. Das Eigentum der Anteile geht an den Ausleiher über. Demnach gehören Olivants UBS-Anteile zur Insolvenzmasse von Lehman Brothers - vielleicht.

Am Donnerstag sahen sich weder Olivant noch die als Insolvenzverwalterin der britischen Lehman-Niederlassung eingesetzte PricewaterhouseCoopers in der Lage, den Sachverhalt gegenüber manager-magazin.de aufzuklären. Man sei in Gesprächen, um die Anteile zu sichern, teilte Olivant mit. "Wir wissen nicht, wo sich diese Aktien befinden und wer sie hat", zitierte der Schweizer "Tagesanzeiger" Olivant-Chef Arnold. Sogar das Eigentumsrecht könnte seine Gesellschaft verloren haben, ohne die Aktien zu verkaufen.

Vielleicht gehören die Aktien jetzt der japanischen Bank Nomura , die den britischen Lehman-Ableger übernimmt. Vielleicht sind sie - zu Recht oder Unrecht - an Dritte weitergegeben worden. Jedenfalls steht Arnold mit seinen Sorgen nicht allein. Mehrere britische Hedgefonds kündigten an, wegen des Lehman-Debakels hohe Verluste erlitten zu haben. Einige meldeten gar, leider schließen zu müssen.

Nach Angaben aus Londoner Finanzkreisen fordern Finanzinvestoren Aktien im Wert von rund 40 Milliarden Dollar zurück, berichtet die "Neue Zürcher Zeitung". Laut PricewaterhouseCoopers zog die New Yorker Muttergesellschaft noch kurz vor dem Zusammenbruch acht Milliarden Dollar aus den Londoner Büchern ab.

Der verlorene Glückstag

Der verlorene Glückstag

Dabei hätte Donnerstag ein Glückstag für Luqman Arnold werden können. UBS-Chef Peter Kurer berichtete den Aktionären, der von Arnold seit Monaten geforderte Strategiewechsel bringe Fortschritte. Die Bank trennt ihre Sparten voneinander und fährt das verlustreiche Investmentbanking zurück, um die Vermögensverwaltung als Kerngeschäft zu stärken.

Kurer reduziert auch die Machtfülle, die sein Vorgänger Marcel Ospel genoss - eine weitere Forderung von Arnold und anderen Investoren, die allerdings noch lieber einen externen Chef sähen, der die UBS noch radikaler und glaubwürdiger sanieren könne.

Analysten bezweifeln zwar, dass der Exodus reicher Anleger, die im zweiten Quartal rund 20 Milliarden Euro von der UBS abzogen, beendet ist. Dazu legte Kurer ebenso wenig Zahlen vor wie zu den Abschreibungen. Die dürften sich auf rund zwei Milliarden Euro belaufen - zusätzlich zu den bisher in der Krise bereits verbuchten Wertberichtigungen von 30 Milliarden Euro, die weltweit nur noch von der Citigroup , AIG  und Merrill Lynch  übertroffen werden.

Doch immerhin scheint die UBS mit ihrer frühzeitigen und heftigen Bereinigung der Bilanz die Talsohle durchschritten zu haben. Die amerikanischen Immobilienpapiere in den UBS-Büchern - vor einem Vierteljahr noch gut 20 Milliarden Euro wert - seien erheblich reduziert worden, teilte Kurer mit. Die Eigenkapitaldecke sei mit einer Kernkapitalquote von 11,5 Prozent im Spitzenbereich europäischer Großbanken.

Und das wichtigste: Nach den erlittenen Milliardenverlusten stehe im dritten Quartal wahrscheinlich ein "leichter Gewinn", 2009 würden schwarze Zahlen im Gesamtjahr erreicht. Die UBS-Aktien verzeichneten am Donnerstag in der Spitze Gewinne von mehr als 11 Prozent - Gewinne, die auch Luqman Arnold hätte genießen können.

Finanzbranche: UBS rechnet wieder mit Gewinn

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