Zinsen In der vertrackten Zwillingsrolle

Die Europäische Zentralbank hält an ihren Zinsen fest. Zu hoch sei weiterhin die Gefahr, dass die Inflation in Europa über dem akzeptablen Niveau verharre. Dabei agieren die Notenbanker nicht mehr nur als Preishüter, sondern auch als Krisenmanager in der Finanzkrise. Und die Banken müssen nun weiter unter einem Zinsdilemma leiden.
Von Karsten Stumm

Frankfurt am Main - War es das schon? Ein kühles Statement, knappe Worte - und dann sinkende Aktienkurse. Die Europäische Zentralbank hat ihren wichtigsten Zinssatz auf dem bisherigen Niveau von 4,25 Prozent gehalten, die erhoffte Zinssenkung ist damit passé, der deutsche Aktienleitindex Dax  verlor prompt an Boden.

"Jetzt nur die Zinsen zu senken, würde auch wenig helfen. Die Banker kümmern sich derzeit nicht um ihren Ertrag, sondern ihr Geld in Sicherheit zu wissen", sagt etwa UBS-Chefvolkswirt Klaus Wellershoff.

Europas Währungshüter könnten sich aber fragen, ob sie nicht mittlerweile in einer Rolle sind, die ihren eigentlichen Auftrag weit übersteigt: nämlich den Schutz vor Inflation. Sie muss plötzlich wie ein Market Maker agieren, der einspringt, wenn der übliche Kredithandel der Banken untereinander nicht mehr funktioniert; eigentlich leihen sich die Geldhäuser, die kurz vor Feierabend noch Kapital übrig haben es anderen Instituten, die es gerade brauchen.

Doch im Moment machen die Banker das Geschäft lieber mit der Zentralbank, die plötzlich wie eine Spinne im Netz sitzt - und genau das geht weit über ihren einzigen formalen Auftrag hinaus, die Inflation unter Kontrolle zu halten. "In dieser Lage aber sollte die Europäische Zentralbank die Finanzmärkte mit einer überraschenden Leitzinssenkung stützen", fordert Unicredit-Chefvolkswirt Marco Annunziata. Er sagt das nicht aus einer Laune heraus.

Gut 100 Milliarden Dollar steckten Deutsche Bank und Co. den Zentralbankern etwa in der Nacht zu heute zu, und damit so viel Geld wie nie zuvor in der Geschichte der Europäischen Zentralbank. Dabei nimmt sie das Geld der flüssigen Banken zu niedrigeren Zinsen über Nacht in Verwahrung, als sie es an darbende Geldhäuser weiter verleiht. Zwar halten die Frankfurter damit das Bankensystem überhaupt aufrecht, aber verglichen mit vergangenen Tagen können sich die Geschäftsbanken eben nur teurer refinanzieren als früher.

Hand ausgestreckt und weggezogen

Hand ausgestreckt und weggezogen

Doch mit ihrem Festhalten an dem aktuellen Leitzinssätzen erschweren die Notenbanker auch genau jenen strauchelnden Geldhäusern den Weg zurück zur Normalität, denen sie Nacht für Nacht engagiert unter die Arme greift. Denn ausgerechnet mit ihrer letzten Zinsanhebung auf aktuell 4,25 Prozent haben Eurobanker die zwar unter Umständen der Inflation den Garaus gemacht, aber den wankenden Banken auch einen Bärendienst erwiesen: Die Zinsstruktur ist hierzulande umgekippt.

Für kurzfristige Ausleihungen bekommt man derzeit mehr Zinsen als für solche mit langer Laufzeit. Normalerweise sollte es genau andersherum sein, denn das Risiko zeitlich längerer und damit weniger gut vorhersehbarer Kreditgeschäfte wird üblicher weise eben durch höhere Zinsen ausgeglichen. Doch vorbei. Und damit kommt den Banken ausgerechnet in der Krise eine sichere Einnahmequelle abhanden: Das klassische Ausleihgeschäft entlang der normalen Zinsstrukturkurve fällt flach. Geld, das sie vielleicht nie haben besser gebrauchen können als jetzt.

Langfristig setzen zu allem Überfluss jetzt auch noch die Bürokraten der Europäischen Union den Banken zu. Sie haben sich mit ihren bisherigen Finanzmarktreformen darauf festgelegt, die so genannten Basel-II-Regeln zum Gesetz zu machen. Mit denen sollte eigentlich dafür gesorgt werden, dass die Geldhäuser künftig solider als bisher wirtschaften müssen.

Doch diese Regeln machen ausgerechnet die Bonitätsprüfungen der Ratingagenturen zur entscheidenden Prüfinstanz. Jene Prüfsigel, die vor der aktuellen Krise leichtfertig auf die undurchsichtigsten Kreditpapiere gestempelt worden waren - und das aktuelle Desaster so mit ausgelöst haben.

"Das kann so nicht bleiben. Es muss künftig zumindest massive Sanktionen nach falschen Ratings der Agenturen geben", sagt Paul Welfens, Präsident des Instituts für Europäische Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Wuppertal. Die Finanzkrise, so scheint es, ist noch lange nicht vorbei.

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