Finanzkrise Der Geist von 1929

Die Abfuhr der US-Parlamentarier für den Rettungsplan bringt eine alte Option wieder ins Spiel: eine Schocktherapie als die beste Medizin. Doch dieses Rezept führte schon vor 80 Jahren in die Weltwirtschaftskrise. Welche Optionen bleiben noch?

Hamburg - Die Schreckensbilder, die US-Präsident George Bush, sein Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke den Abgeordneten gemalt hatten, waren wohl nicht drastisch genug: Stillstand am Geldmarkt, Vertrauenskrise der Banken, Kreditklemme, Gefahr für die Wirtschaft ...

Paul Ryan fand griffigere Worte. "Dies ist ein Hoover-Moment", sagte der republikanische Abgeordnete aus Wisconsin am Montag. Deshalb werde er, einer der führenden Gegner des Paulson-Plans, dafür stimmen, die 700 Milliarden Dollar für den Aufkauf fauler Kredite lockerzumachen.

Hoover - der Name ist Symbol für die größte Tragödie der modernen US-Wirtschaftsgeschichte und zugleich für das größte Versagen der Politik. Herbert Hoover war Präsident von 1929 bis 1933, und er weigerte sich bis zuletzt, die beginnende Weltwirtschaftskrise mit großzügiger Staatshilfe aufzuhalten.

Am Ende seiner Präsidentschaft stieg die Arbeitslosenquote auf 25 Prozent, Hunger und Elend machten sich breit. Der Republikaner Hoover wurde mit einer krachenden Niederlage aus dem Amt gejagt und musste dem "New Deal" des Demokraten Franklin D. Roosevelt Platz machen.

"Hoover erklärte schon im Frühjahr 1931, die Krise sei vorbei, man müsse nichts mehr tun", sagt der Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Voth im Gespräch mit manager-magazin.de. "Das war vor den großen Bankpleiten." Voth, Ökonomieprofessor an der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona, hat intensiv über die Krise der 30er Jahre geforscht. "Bis vor drei Wochen hatte ich immer gelacht, wenn Freunde fragten, ob wir eine neue Weltwirtschaftskrise erleben." Nun sei er nicht mehr ganz so sicher.

Selbst der 1929-Vergleich von Paul Ryan konnte viele seiner Parlamentskollegen von den Hinterbänken nicht überzeugen. Das Repräsentantenhaus ließ den Rettungsplan mit 226 zu 207 Stimmen durchfallen. Und das Echo des glücklosen Präsidenten Hoover ist kaum zu überhören. Jetzt werde der Markt eben entscheiden, welche Bank das Zeug zum Überleben habe und welche nicht, ließ der Abgeordnete Jeb Hensarling aus Texas wissen.

"Liquidieren Sie die Aktien"

"Liquidieren Sie die Aktien"

Das erinnert an die Schocktherapie, die der damalige Finanzminister Andrew Mellon Präsident Hoover empfahl: "Liquidieren Sie die Gewerkschaften, liquidieren Sie die Aktien, liquidieren Sie die Bauern, liquidieren Sie die Immobilien ... Das wird die Fäulnis aus dem System treiben. Echte Unternehmer werden die Wracks von weniger kompetenten Leuten übernehmen."

Hoover selbst ließ sich nie zu so negativen Tönen hinreißen. Schönreden war ihm lieber. So erklärte er nach dem Aktiencrash an der New Yorker Börse 1929, "fundamental" sei die US-Wirtschaft gesund und wachse weiter. Fast wortgleich äußerte sich der aktuelle republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain ausgerechnet am 15. September - dem Tag, als die Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmelden musste und damit die laufende Kettenreaktion an den Märkten auslöste.

Dieses Datum war es auch, das Wirtschaftshistoriker Voth den Vergleich mit 1929 in einem anderen Licht sehen ließ. "Ich glaube immer noch, dass wir heute besser dastehen", sagt Voth. "Aber jetzt glaube ich es etwas weniger."

Immerhin seien die Unterschiede größer als die Gemeinsamkeiten von damals und heute: Die Welthandelsorganisation verhindere einen Wettlauf um höhere Handelszölle. Die Zentralbanken seien bereit, aktivistisch einzugreifen, und würden nicht durch die Bindung der Währungen an einen Goldstandard gebremst. Und die meisten Spareinlagen seien in speziellen Fonds gesichert.

Dennoch seien die Parallelen beängstigend. "Wir erleben einen typischen Bank Run, aber einen Run auf das Schattenbankensystem, dessen Einlagen nicht versichert sind", sagt Voth. Dazu zählen beispielsweise Zweckgesellschaften der Banken, Hedgefonds, Geldmarktfonds und die inzwischen der Geschichte angehörenden reinen Investmentbanken. Abseits der kontrollierten Bankbilanzen wurden in den vergangenen Jahren gewaltige Risiken aufgetürmt.

Bank Run ohne Menschenschlangen

Bank Run ohne Menschenschlangen

"Dieses System kollabiert ähnlich dramatisch wie damals, nur sieht man die Schlangen nicht", sagt Voth. Dieser massive Entzug von Vertrauen und Kapital spielt sich bislang nur innerhalb der Finanzbranche ab, hat aber bereits Folgen für die Realwirtschaft, weil die Banken Liquidität horten und Kredite knapp halten.

Deshalb seien US-Regierung und Parlament dazu verdammt, doch irgendwie zu einer Einigung zu kommen. "Sie werden einen Deal machen", ist Voth überzeugt. Dieser Deal werde zwar die "perversen Anreize" für die Banken stärken, indem hohes Risiko erneut belohnt wird. Und die amerikanische Öffentlichkeit ärgere sich zu Recht über diese "Trickle-up-Ökonomie": Denen unten wird etwas genommen, um es denen oben zu geben. Doch es gebe nicht genug Zeit, um einen besseren Plan zu durchdenken.

Voth sieht einen Teil der Schuld in seiner eigenen Zunft: "Wir haben nicht genug intellektuelle Munition für einen solchen Fall bereitgehalten." Politik und Ökonomen hätten sich angesichts der jahrelangen Stabilität in Sicherheit gewiegt und vereinzelte Warnungen vor der Anhäufung von Risiken in den Wind geschlagen. "Es gab ja lange keine große Bankenkrise", nennt der Forscher als Grund.

Menschlich sei das verständlich: "Man schaut auf das Naheliegende." Da sei es schön, wenn Aktien jährlich 5 Prozent Rendite abwerfen. Nur die Perioden, in denen die Kurse um 50 Prozent oder mehr einbrechen, blende man aus. "Die sind aber enorm wichtig für Entscheidungen wie die, wann man in den Ruhestand gehen kann", sagt Voth.

Eigentlich sei die Krise der 30er Jahre von Ökonomen eingehend erforscht und "ganz gut verstanden" worden. Man habe auch Lehren daraus gezogen, die aber "im Zuge des Triumphs der Ideologie freier Märkte alle über Bord geworfen" worden seien. In Zukunft werde man sich wieder daran erinnern. Man müsse nicht unbedingt mehr regulieren, nur klüger. Für den Augenblick aber sieht selbst Voth die Verhinderung zukünftiger Krisen als zweitrangig an: "Zuerst muss der Finanzmarkt diese Krise überleben."

Welche Optionen hat die Politik?

Welche Optionen hat die Politik?

Das aber bedeutet harte Arbeit vor allem für die US-Politik. Eigentlich wollten die Abgeordneten in dieser Woche schon die Parlamentsferien ausrufen und daheim um ihre Wiederwahl in einem Monat kämpfen. Doch nun sollen sie am Donnerstag erneut beraten. Worüber sie dann abstimmen werden, ist allerdings ungewiss.

Finanzminister Paulson wird ihnen seinen Vorschlag wohl kaum unverändert ein weiteres Mal vorlegen. Der Plan wurde ja bereits mehrfach verändert, um der Kritik von Demokraten und Republikanern zu begegnen. Die einzige Änderung, die dem Rettungsplan eine breite Zustimmung im Parlament sichern würde, wäre eine Garantie, dass der Staat die notleidenden Papiere nur zu Marktpreisen aufkauft. Das allerdings würde den Kapitalmangel der Banken nicht beheben und wahrscheinlich weitere Großpleiten bedeuten.

Solange kein systematischer Rettungsplan in Sicht ist, bleiben nur kurzfristige Notmaßnahmen. Paulson verspricht, "alle verfügbaren Werkzeuge einzusetzen, um unser Finanzsystem zu beschützen". Die Notenbanken haben bereits damit begonnen, indem sie ihre Liquiditätshilfe nochmals erhöhen. Die Federal Reserve der USA hat ihr Kreditfenster für Dollar-Spritzen an andere Zentralbanken auf 620 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt.

An den Geldmärkten sind alle Schleusen weit geöffnet. Vertrauen bringen diese Maßnahmen jedoch nicht zurück. In der Nacht zu Dienstag zahlten die Banken der Europäischen Zentralbank 11 Prozent Zinsen für kurzfristigen Kredit, weil sie den von ihresgleichen nicht mehr bekamen.

Also wird der Staat weiterhin von Fall zu Fall entscheiden müssen, ob er gescheiterte Finanzkonzerne wie Fannie Mae , Freddie Mac , AIG  oder Fortis  auffängt, sie wie Merrill Lynch  oder Washington Mutual in die Arme eines starken Partners treibt oder sie wie Lehman Brothers fallenlässt. Das könnte die Steuerzahler allerdings noch teurer zu stehen kommen und einen stärkeren Staatseingriff bedeuten, als von den Republikanern im Fall des Paulson-Plans befürchtet.

Scheitern als Chance

Scheitern als Chance

Manche US-Ökonomen halten diese Option dennoch für vorteilhaft. So entstehe die Chance, das Problem näher an der Wurzel zu packen als bisher geplant. "Der Paulson-Plan könnte nicht einmal das grundlegende Ziel erreichen, unterkapitalisierte Banken zu rekapitalisieren", urteilt der New Yorker Professor Nouriel Roubini in seinem Blog.

Die Steuermilliarden könnten effizienter eingesetzt werden, indem der Staat sich direkt mit Kapital an den Banken beteiligt. Das sei laut einer neuen Studie des Internationalen Währungsfonds, die 42 Bankenkrisen in verschiedenen Ländern vergleicht, der beste Weg, um Banken zu retten.

Der frühere Chef des Einlagensicherungsfonds William Isaac soll laut Medienberichten sogar zusammen mit den Ökonomen James K. Galbraith und Dean Baker in der Parlamentslobby gegen den Paulson-Plan geworben haben. Sie versorgten vor allem die skeptischen Demokraten mit Argumenten von links.

Baker begründet seine Position, die Ausgabe von 700 Milliarden Dollar an die Banken würde sehr wahrscheinlich als Argument herangezogen, um wirksame Konjunkturpakete zu verhindern, die direkt den Konsumenten zugute kommen.

Solche Pakete würden im Angesicht der Immobilienkrise dringender gebraucht als Hilfe für die Banken, deren Funktion im Notfall auch der Staat übernehmen könne. "So würde der Freikauf genau die Art von verlängertem wirtschaftlichem Abschwung bringen, die er angeblich verhindern soll", meint Baker.

Trotz des Politkrimis in Washington gibt Wirtschaftshistoriker Voth sich optimistisch. "Wenn die Krise in den 30er Jahren bewältigt wurde, warum soll das heute nicht gelingen?", fragt Voth. "Die Frage ist nur, ob das wieder so lange dauern muss und so viele Opfer verlangt."

Müllers Welt: Wer rettet die Weltwirtschaft? Bankenkrise: Wie sicher ist mein Geld?

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