Müllers Welt Wer rettet die Weltwirtschaft?

Amerika ungebremst im Strudel der Finanzkrise, die Weltgemeinschaft zerstritten, autoritäre Staaten auf dem Vormarsch – was als harmlose Verspannung auf den Hypothekenmärkten begann, weitet sich aus zum globalen Desaster. Und niemand ist da, der die Führung beim Krisenmanagement übernehmen könnte. Wie reagieren wir darauf – als Bürger, Sparer, Unternehmer? Diskutieren Sie mit!

Wissen Sie, was mir in diesen aufregenden Zeiten wirklich Sorgen macht? Nicht die abstürzenden Börsen. Nicht das Versenken von Steuermilliarden in taumelnden Banken. Nicht die einstürzende Konjunktur. All das haben wir ja schon vielfach erlebt, in einzelnen Ländern jedenfalls, und die Welt ist davon nicht untergegangen. Zyklische Krisen, das Übliche.

Was mir wirklich Sorgen bereitet, ist der Mangel an Führung und an Kooperation – national und international. Statt gemeinsam das Schlimmste zu verhindern, rutscht die Welt immer tiefer in die Krise. Und wer weiß, wie tief.

Zerstritten, ignorant, rechthaberisch – so lassen die wichtigen Staaten der Welt die Lage aus dem Ruder laufen. Effektives Krisenmanagement sieht anders aus.

Im aktuellen Heft haben mein Kollege Christian Rickens und ich das dysfunktionale weltpolitische System untersucht. In unserer Geschichte "Zocken bis zum Ende" kommen wir zu dem Ergebnis, dass es eine ähnliche internationale Konstellation war, die den Crash von 1929 zu einer Weltwirtschaftskrise ausarten ließ (die in den Zweiten Weltkrieg führte, das nur nebenbei bemerkt). Beunruhigende Aussichten.

Damals verstrickten sich die großen Volkswirtschaften der Welt in einen unsäglichen Handelskrieg. Genau so muss es heute nicht kommen, auch wenn protektionistische Tendenzen unübersehbar sind, gerade in den USA und in vielen Schwellenländern, und wenn die Doha-Runde bei der WTO vielen als gescheitert gilt.

Gruselige Parallelen

Geschichte wiederholt sich nicht, jedenfalls nicht eins zu eins – jede Katastrophe hat ihre eigene Dynamik. Dennoch: Die Parallelen sind gruselig.

Wie damals, so sind viele westliche Staaten im Innern zerstritten und tendenziell unregierbar. Eine Spaltung des politischen Spektrums lässt kein kraftvolles Regieren zu. In den USA, in Großbritannien, in Deutschland und Japan, auch in der größten Demokratie der Welt, Indien, sind Regierungen auf Abruf im Amt. Schon intern fällt diesen Ländern eine entschlossene Antwort auf die Krise schwer – wie wir dieser Tage fassungslos in den USA beobachten, die es nicht schaffen, sich auf ein Sicherheitsnetz für die US-Finanzmärkte zu einigen.

Auch international gibt es keine Ordnungsmacht, die durch Vorbild und Führung den Rest der Welt zur Kooperation drängen könnte. Die USA hatten diese Rolle jahrzehntelang nach 1945. Doch die Pax Americana ist vorbei – durch das Erstarken anderer Länder, durch militärische und moralische Misserfolge, durch den Verrat ureigener amerikanischer Werte (Guantanamo!).

Mit dieser Diffusion der Macht in der Ära der Globalisierung habe ich mich eingehend im fünften Kapitel meines neuen Buches befasst – nicht nur Energie, Wasser und Boden werden knapp, auch Macht wird zum knappen Gut.

Paradoxer Weise führt sich die Bush-Administration aber immer noch so auf, als stehe sie der globalen Führungsmacht vor. So auch beim Bankenrettungspaket: Washington geht unilateral voran, legt ein (noch nicht vom Kongress verabschiedetes) Programm vor und fordert dann forsch die übrigen G7-Staaten zum Mitmachen auf – die jede Teilnahme ablehnen.

Doch selbst wenn sich die G7-Staaten USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Kanada zusammenraufen könnten, so wie sie es in den 70er und 80er Jahren verschiedentlich gemacht haben – heute könnten sie kaum noch etwas entscheiden, weil sie nicht mehr allein über die Weltwirtschaft gebieten.

Neue, mächtige Mitspieler

Es gibt neue, mächtige Mitspieler – China, Russland, die Golfstaaten. Sie sind es übrigens, die die angepeilten 700 Milliarden Dollar neuer US-Schulden finanzieren müssten; bei einer Sparquote von Null und einem Leistungsbilanzdefizit von 6 Prozent des BIP müssen die USA das zur Rettung der Banken notwendige Kapital importieren.

Das heißt: Die Staatsfonds und die Notenbanken der großen Überschussländer sollen letztlich das Paket bezahlen. Ob die das wirklich wollen?

Mit anderen Worten: Jede Lösung ohne die großen Schwellenländer wird der großen Aufgabe – die Rettung der Weltwirtschaft – nicht gerecht.

Bekommt man diese Länder mit ins Boot? Gar nicht so einfach. Einige von ihnen sind autoritär regiert. Zunehmend selbstbewusst oder sogar aggressiv agieren sie auf internationaler Bühne (China, Russland). Kooperative Lösungen mit ihnen sind schwierig zu finden. Auch dies ist eine erschreckende Parallele zu den 30er Jahren, als in Europa nichtdemokratische Staaten (Italien, Deutschland) nationales Powerplay betrieben.

Wer also rettet die Weltwirtschaft? Raufen sich die Regierungen doch noch zusammen – als Reaktion auf die Sachzwänge? Nicht absehbar.

Wenn also das Warten auf den Retter vergeblich ist, dann müssen wir alle – Bürger, Unternehmen, Arbeitnehmer, Manager, Sparer – uns auf eine neue Zeit einstellen. Eine Ära mit disfunktionalem – oder wahlweise überwiegend verstaatlichtem – Finanzsektor. Mit zurückgehendem oder bestenfalls stagnierendem Wohlstand. Mit zunehmenden internationalen Spannungen, auch mit (vermutlich begrenzten) militärischen Konflikten, siehe der Georgien.

Wie reagieren wir darauf, ganz persönlich? Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken.

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