Globalisierung "In einer kritischen Phase"

Shigeo Katsu, Vizepräsident der Weltbank, im Gespräch mit manager magazin über die Zukunft der Weltwirtschaft, die künftige Rolle seiner Organisation und die Fehler der Vergangenheit.

mm: Herr Katsu, ist die Globalisierung am Ende?

Katsu: Sagen wir es mal so: Die Globalisierung steckt bin einer kritischen Phase. Durch die nach wie vor hohen Energiepreise verschieben sich die Wohlstandszuwächse hin zu den rohstoffreichen Staaten. Deshalb schwindet in vielen Industriestaaten die öffentliche Zustimmung zu weiterer Handelsliberalisierung. Gleichzeitig stehen wir vor Herausforderungen: Steigende Lebensmittelpreise zum Besipiel, und weitere Probleme, die nur alle Staaten gemeinsam lösen können - allen voran der Klimawandel. Es gibt keine Alternative zur globalen Zusammenarbeit, wenn wir globale Probleme lösen wollen.

mm: Gibt es in diesem Szenario noch eine Rolle für die Weltbank? Viele der Staaten, an die sie Kredite vergeben, verfügen heute über Kapital im Überfluss.

Katsu: Das trifft vielleicht auf einige Schwellenländer zu und auf einige rohstoffreiche Entwicklungsländer. Aber die ärmsten Staaten dieser Erde, die zudem meist hoch verschuldet sind, haben nach wie vor keinen uneingeschränkten Zugang zum internationalen Kapitalmarkt. Beim Thema Klimawandel sehe ich zum Beispiel eine künftige Aufgabe der Weltbank darin, auch armen Ländern den Zugang zu klimaschonenden Technologien zu ermöglichen.

mm: Warum konzentriert die Weltbank ihre Arbeit dann nicht auf diese ärmsten Staaten? Noch immer finanziert die Weltbank zum Beispiel Sozialprogramme in Russland, während der russische Staat Milliardenüberschüsse anhäuft.

Katsu: Interessanterweise habe ich von russischen Duma-Abgeordneten genau die umgekehrte Argumentation gehört: Warum muss sich Russland bei der Weltbank Geld borgen, wo wir doch selbst genug haben? Die Weltbank-Programme gehen gegen ihren Nationalstolz.

mm: Die Frage der Abgeordneten ist doch berechtigt, oder?

Katsu: Erstens reduzieren wir kontinuierlich unser Kreditvolumen in Russland. Zweitens geht es oft nicht nur um Kapital, das wir bereitstellen - sondern auch um Know-how. Wir finanzieren in Russland zum Beispiel ein soziales Wohnungsbauprogramm mit einem Volumen von 200 Millionen Dollar. Gleichzeitig hat sich der russische Staat verpflichtet, bei einem Erfolg des Programms das Zehnfache dieser Summe bereitzustellen. Und unsere Experten vor Ort sorgen dafür, dass das Programm ein Erfolg wird. Die Weltbank verfügt also über einen enormen Hebel auf das eingesetzte Kapital.

"Wir können sie nicht zwingen"

mm: Wenn es nur ums Know-how geht, könnte die Weltbank ihre Experten nicht einfach auf Honorarbasis einsetzen?

Katsu: Genau das geschieht zunehmend. Wir kommen immer mehr dazu, dass Russland unsere Expertise auf Honorarbasis einkauft. Russland wird ja immer wichtiger als Geberstaat, der selbst in der Entwicklungszusammenarbeit aktiv ist. Wir können Russland in dieser neuen Rolle beraten. Aber wenn die Weltbank Programme in Russland und anderen Emerging Markets finanziert, verfolgen wir damit auch noch einen anderen Zweck: Wir binden diese immer wichtiger werdenden Staaten ein, wir holen Sie ins gemeinsame Boot der internationalen Kooperation und Koordination.

mm: Selbst Polen und Ungarn wollen Kredite bei der Weltbank aufnehmen. Diese Staaten sind längst Mitglieder von EU und Nato. Müssen Sie die noch von den Vorzügen der internationalen Zusammenarbeit überzeugen?

Katsu: Nun, auch Polen und Ungarn kommen vor allem wegen unserer Expertise zu uns. Ob wir an diese Staaten weiterhin Geld verleihen, muss unser politisches Führungsgremium entscheiden, der Board of Directors.

mm: Über viele Jahre war die Weltbank berüchtigt für rigide politische Auflagen, die sie mit ihren Darlehen verband und die informell im so genannten "Washington Consensus" festgehalten waren: Freie Märkte, wenig Staat, niedrige Inflation, ausgeglichene Haushalte. Lassen sich solche Auflagen überhaupt noch durchsetzen, wenn sich die meisten Staaten jederzeit auch auf dem privaten Kapitalmarkt mit Geld versorgen können?

Katsu: Wenn die Auflagen der Weltbank je dazu geführt haben, dass Staaten gegen ihren Willen zu etwas gezwungen wurden, dann wäre das sicher nicht in unserem Sinne. Eine Lektion haben die internationalen Entwicklungsorganisationen in den vergangenen Jahren gelernt: Die nationalen Regierungen müssen Reformprogramme als ihre eigenen begreifen. Wir können die Politiker auf die richtigen politischen Ideen bringen, aber wir können sie nicht zu etwas zwingen, was sie nicht selbst wollen. Klar, funktionierende Regierungsinstitutionen sind enorm wichtig für Wachstum und Armutsbekämpfung. Aber zu dieser Einsicht müssen die Staatschefs vor Ort selbst gelangen.

"Unser Ziel ist die Armutsbekämpfung"

mm: Unter der Führung von Paul Wolfowitz hat die Weltbank die Bekämpfung von Bestechlichkeit in den Empfängerländern zu einem zentralen Thema bei der Kreditvergabe gemacht. Politisch unbequemen Staaten wie Usbekistan wurde die Auszahlung von Kredittranchen verweigert, angeblich weil es die dortige Regierung an Anstrengungen zur Korruptionsbekämpfung fehlen ließ. Wolfowitz musste inzwischen zurücktreten. Hat sich an der Haltung der Weltbank zum Thema Korruption seitdem etwas geändert?

Katsu: Dass Korruption extrem schädlich für die wirtschaftliche Entwicklung ist, daran besteht ja keinerlei Zweifel. Bereits einige Jahre vor der Ära Wolfowitz hat die Weltbank ihr Bewusstsein und ihr Instrumentarium für dieses Problem deutlich geschärft. Aber die Frage ist doch: Bedeutet Korruptionsbekämpfung für mich einen Selbstzweck? Oder ist sie nur der Weg zu einem Ziel, das da lautet: Wirtschaftliche Entwicklung und Armutsbekämpfung? Sie werden einen Politiker niemals davon überzeugen, dass Korruption eine schlechte Sache ist, indem sie die Zusammenarbeit mit ihm beenden. Sie müssen im Gespräch bleiben, müssen für ihre Position werben und so dafür sorgen, dass sich das ganze Wertesystem eines Landes weiterentwickelt.

mm: Gilt das auch für die Zusammenarbeit der Weltbank mit diktatorischen Regimen?

Katsu: Die Weltbank ist nicht berechtigt, sich weltanschaulich zu äußern. Unser Ziel ist die Armutsbekämpfung.

mm: Aber viele Institutionen, die Wachstum fördern und Armut reduzieren, lassen sich nur in Demokratien wirklich garantieren. Rechtssicherheit zum Beispiel ...

Katsu: Rechtssicherheit bedeutet in unterschiedlichen Staaten ganz unterschiedliche Dinge. Sie müssen immer sehen, von wo die Staaten kommen. Sie können nicht an einen Transitionsstaat wie Bulgarien die gleichen Maßstäbe anlegen wie an Dänemark mit seiner langen Tradition von verlässlichen Institutionen. Trotzdem werden beide Staaten demokratisch regiert.

mm: Was war in den vergangenen Jahren der größte Fehler der Weltbank?

Katsu: Wir waren nicht gut darin, der Öffentlichkeit unsere Rolle in schwierigen Reformprozessen zu erläutern. Zum Beispiel haben wir es zugelassen, dass nationale Regierungen uns für schmerzhafte Reformschritte verantwortlich gemacht haben. Weil wir uns gegen solche Anschuldigungen nicht gewehrt haben, ist die Weltbank zum Sündenbock geworden.

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