Dienstag, 12. November 2019

Die Ära der Knappheiten Die geistlose Globalisierung

Die Öffnung der Weltwirtschaft ist bislang eine reichlich langweilige Veranstaltung. Warum? Weil die Wirtschaft sich im Kopieren des immer gleichen erschöpft. Nicht gerade ein zukunftsträchtiger Ansatz. Es gibt zwar viele billige Arbeitskräfte. Knapp hingegen ist der Faktor Geist.

Hamburg - Bislang ist die Globalisierung eine ziemlich triste Veranstaltung. Die Produktionsmöglichkeiten sind der Phantasie der Menschen und ihren Fähigkeiten enteilt. Mit all den großartigen zusätzlichen Kapazitäten wissen wir noch nichts wirklich Spannendes anzufangen. Bislang ergeht sich die Globalisierung im Kopieren des Immergleichen. Der Welt im frühen dritten Jahrtausend mangelt es an Inhalten: Originelles und Originäres sind rar. Warum?

Faktor Geist: Es gibt zwar viele billige Arbeitskräfte aber immer weniger Intellektuelle
Weil Geist ein relativ knappes Gut ist.

China, Osteuropa, Indien oder Vietnam versuchen sich ihren Platz in der nun offenen Weltwirtschaft zu arbeiten, indem sie praktisch das Gleiche machen wie Nordamerika und Westeuropa – nur zu niedrigeren Kosten. In der Folge wird die Welt zugeschüttet mit billigen Produkten. T-Shirts, Jeans, Jacken, Kinderbekleidung, all das lässt sich heute für wenige Cent herstellen, und sofern westliche Marken diese Kleidungsstücke nicht mit dem Anschein von Exklusivität aufwerten, werden sie auch nur für wenige Euro verkauft. Seit China Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) ist und die Märkte für Textilien und Kleidung liberalisiert wurden, hat bei diesen Produkten ein dramatischer Preisverfall eingesetzt. Ähnliches gilt für Musikinstrumente: Früher war ein Klavier eine Anschaffung für Generationen, heute gibt es fabrikneue Instrumente Made in China für 2000 Euro.

Anderthalb Jahrzehnte Investitionsboom in den Schwellenländern haben die weltweiten Produktionskapazitäten förmlich explodieren lassen. Weil aber nur wenig wirklich Neues auf den Markt kommt, sondern bloß immer mehr vom immer Gleichen, verfallen die Preise. Ob Kühlschränke, Fernsehgeräte oder Radios, ob Fotoapparate oder Videokameras – seit Jahren werden viele Konsumgüter billiger und billiger.

Sogar in den Schwellenländern selbst – wo immerhin Milliarden von Menschen mit enormem Nachholbedarf leben, wenn man den westlichen Lebensstandard als Maßstab nimmt – sind bereits viele Märkte gesättigt: Das Wachstum der Kapazitäten übersteigt das Wachstum der Konsummöglichkeiten bei weitem.


Auszug aus:
Henrik Müller: "Die sieben Knappheiten. Wie sie unsere Zukunft bedrohen und was wir ihnen entgegensetzen können."; Campus Verlag GmbH, September 2008, 312 Seiten, 24,90 Euro.
China zum Beispiel galt noch vor wenigen Jahren unter westlichen Autoherstellern als gelobter Markt: Wer dort große Marktanteile erreiche, so die Erwartung, würde für lange Zeit ausgesorgt haben. Ein großer Irrtum. Schneller als wohl irgendjemand erwartet hätte, gibt es seit Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts auf dem chinesischen Automarkt Überkapazitäten. Alle globalen Konzerne sind inzwischen dort vertreten. Dazu kommen die Staatskonzerne FAW und SAIC, die durch diverse Joint Ventures mit westlichen Konzernen (General Motors Börsen-Chart zeigen, Volkswagen Börsen-Chart zeigen) verbandelt sind, sowie halb private Unternehmen wie Chery und Geely.

Die Überkapazitäten sind umso überraschender, als der Autoabsatz in China nach 2001 mit atemberaubendem Tempo gewachsen ist, in manchen Jahren um 50 Prozent. Der chinesische Automarkt ist heute der zweitgrößte nach den USA. Dennoch: Das Angebot übersteigt die Nachfrage – 2006 wurden in China 7,22 Millionen Autos verkauft, aber 7,28 Millionen produziert, dazu kommen noch Importfahrzeuge. Die Folge ist ein Preiskampf sondergleichen. Es wird mit aller Macht gefertigt, doch die Gewinne fallen; so zum Beispiel im Jahr 2004, als die PKW-Umsätze in China um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr stiegen, aber die Profite um 6 Prozent sanken.

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