Die Ära der Knappheiten Die geistlose Globalisierung

Die Öffnung der Weltwirtschaft ist bislang eine reichlich langweilige Veranstaltung. Warum? Weil die Wirtschaft sich im Kopieren des immer gleichen erschöpft. Nicht gerade ein zukunftsträchtiger Ansatz. Es gibt zwar viele billige Arbeitskräfte. Knapp hingegen ist der Faktor Geist.

Hamburg - Bislang ist die Globalisierung eine ziemlich triste Veranstaltung. Die Produktionsmöglichkeiten sind der Phantasie der Menschen und ihren Fähigkeiten enteilt. Mit all den großartigen zusätzlichen Kapazitäten wissen wir noch nichts wirklich Spannendes anzufangen. Bislang ergeht sich die Globalisierung im Kopieren des Immergleichen. Der Welt im frühen dritten Jahrtausend mangelt es an Inhalten: Originelles und Originäres sind rar. Warum?

Weil Geist ein relativ knappes Gut ist.

China, Osteuropa, Indien oder Vietnam versuchen sich ihren Platz in der nun offenen Weltwirtschaft zu arbeiten, indem sie praktisch das Gleiche machen wie Nordamerika und Westeuropa – nur zu niedrigeren Kosten. In der Folge wird die Welt zugeschüttet mit billigen Produkten. T-Shirts, Jeans, Jacken, Kinderbekleidung, all das lässt sich heute für wenige Cent herstellen, und sofern westliche Marken diese Kleidungsstücke nicht mit dem Anschein von Exklusivität aufwerten, werden sie auch nur für wenige Euro verkauft. Seit China Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) ist und die Märkte für Textilien und Kleidung liberalisiert wurden, hat bei diesen Produkten ein dramatischer Preisverfall eingesetzt. Ähnliches gilt für Musikinstrumente: Früher war ein Klavier eine Anschaffung für Generationen, heute gibt es fabrikneue Instrumente Made in China für 2000 Euro.

Anderthalb Jahrzehnte Investitionsboom in den Schwellenländern haben die weltweiten Produktionskapazitäten förmlich explodieren lassen. Weil aber nur wenig wirklich Neues auf den Markt kommt, sondern bloß immer mehr vom immer Gleichen, verfallen die Preise. Ob Kühlschränke, Fernsehgeräte oder Radios, ob Fotoapparate oder Videokameras – seit Jahren werden viele Konsumgüter billiger und billiger.

Sogar in den Schwellenländern selbst – wo immerhin Milliarden von Menschen mit enormem Nachholbedarf leben, wenn man den westlichen Lebensstandard als Maßstab nimmt – sind bereits viele Märkte gesättigt: Das Wachstum der Kapazitäten übersteigt das Wachstum der Konsummöglichkeiten bei weitem.

China zum Beispiel galt noch vor wenigen Jahren unter westlichen Autoherstellern als gelobter Markt: Wer dort große Marktanteile erreiche, so die Erwartung, würde für lange Zeit ausgesorgt haben. Ein großer Irrtum. Schneller als wohl irgendjemand erwartet hätte, gibt es seit Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts auf dem chinesischen Automarkt Überkapazitäten. Alle globalen Konzerne sind inzwischen dort vertreten. Dazu kommen die Staatskonzerne FAW und SAIC, die durch diverse Joint Ventures mit westlichen Konzernen (General Motors , Volkswagen ) verbandelt sind, sowie halb private Unternehmen wie Chery und Geely.

Die Überkapazitäten sind umso überraschender, als der Autoabsatz in China nach 2001 mit atemberaubendem Tempo gewachsen ist, in manchen Jahren um 50 Prozent. Der chinesische Automarkt ist heute der zweitgrößte nach den USA. Dennoch: Das Angebot übersteigt die Nachfrage – 2006 wurden in China 7,22 Millionen Autos verkauft, aber 7,28 Millionen produziert, dazu kommen noch Importfahrzeuge. Die Folge ist ein Preiskampf sondergleichen. Es wird mit aller Macht gefertigt, doch die Gewinne fallen; so zum Beispiel im Jahr 2004, als die PKW-Umsätze in China um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr stiegen, aber die Profite um 6 Prozent sanken.

Masse statt Klasse, Geiz statt Geist

Das explosive Wachstum der Produktionskapazitäten sorgt für einen rapiden Verfall der Margen, nicht nur in China, sondern weltweit und bei fast allen Autobauern. Dass die Chinesen nun den Überkapazitäten daheim durch größere eigene Exportanstrengungen entrinnen wollen, dürfte den globalen Margenverfall noch beschleunigen.

Für die Verbraucher weniger sichtbar, aber nicht minder "dramatisch", wie eine Branchenstudie im Auftrag der EU-Kommission konstatiert, ist die Situation auf dem Investitionsgütermarkt: Im Maschinenbau haben chinesische Hersteller so eifrig westliche Konkurrenten nachgeahmt und das Angebot so stark ausgeweitet, dass sie kaum noch Geld verdienen. Längst versuchen sie, in die südostasiatischen Nachbarländer als Absatzmärkte auszuweichen. Weil aber auch dort "der Wettbewerbsdruck" steige, würden chinesische Unternehmen nun verstärkt versuchen, "höher entwickelte Märkte zu erschließen" – also Ausfuhr in den Westen, wo Deutsche und Japaner bislang die Platzhirsche sind. Doch dafür, so die Studie, genüge das Know-how der Chinesen nicht. Mutmaßlicher Ausweg: "weitere Ausbeutung von geistigem Eigentum in ausländischem Besitz". Vulgo: Know-how-Klau.

Kopieren statt innovieren, Masse statt Klasse, Geiz statt Geist – es ist ein eintönig Ding um das globale Wirtschaftsgeschehen.

Die relative globale Knappheit an Geist resultiert aus dem bisherigen Verlauf der weltwirtschaftlichen Integration. Volkswirtschaften mit einem am Westen gemessen exorbitanten Entwicklungsrückstand haben sich in die internationale Arbeitsteilung eingeordnet. Zollschranken wurden eingerissen, Verkehrs- und Kommunikationswege, Geschäfts- und Produktionsbeziehungen aufgebaut. Es begann in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, zunächst ganz langsam, dann immer schneller. Aus Selbstversorger-Nationen wurden exportierende Volkswirtschaften – aus chinesischen Bauern wurden Industriearbeiter, aus indischen Gelegenheitsarbeitern wurden Callcenter-Agents. Ökonomen nennen eine solche Entwicklung "Angebotsschock", eine plötzliche, unvorhergesehene Veränderung der Marktbedingungen. Seit 1980 hat sich das globale Arbeitsangebot nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds vervierfacht. Tendenz: wachsend, und zwar immer schneller.

Zwei Großtrends verstärken sich wechselseitig: Globalisierung und Demografie wirken zusammen; die ökonomische Integration schreitet rasch voran, und die Anzahl der Personen im erwerbsfähigen Alter wird in vielen Schwellenländern noch auf Jahrzehnte zunehmen. Die demografiebedingte Zunahme des Arbeitsangebots in den Newcomer-Nationen wiederum erhöht den Druck in Richtung einer immer rascheren ökonomischen Integration, weil auch sie am Wohlstand teilhaben wollen.

Intellektuelle Aufrüstung

Es ist nur so: Fast die gesamte Steigerung des globalen Arbeitsangebots setzt sich aus gering qualifizierten Personen zusammen. Während ihre Zahl zwischen 1980 und 2005 um den Faktor 3,5 stieg, nahm die Zahl von Hochqualifizierten nur um 50 Prozent zu, und zwar vornehmlich in den reichen Ländern. Auch Letzteres ist ein beachtlicher Zuwachs – aber relativ zur reinen menschlichen Arbeitskraft ist das geistige Potenzial der Weltwirtschaft zurückgeblieben.

Die globalisierte Ökonomie gleicht einem extrem aufgepumpten Bodybuilder: üppige Muskelmasse, aber mit einem geradezu lächerlich kleinen Kopf.

Dass die Newcomer-Nationen sich bislang darauf konzentriert haben, den reichen Volkswirtschaften nachzueifern, ist logisch und verständlich. Zum einen waren es zunächst globale Konzerne aus den reichen Ländern, die die Globalisierung vorantrieben. Sie nutzten und nutzen die gigantischen Lohnunterschiede – chinesische Löhne liegen immer noch bei nur 15 Prozent des US-Niveaus (umgerechnet zu Kaufkraftparitäten) – und ordneten ihre Wertschöpfungsketten neu. Tätigkeiten, die einen hohen Arbeitsaufwand erfordern, wurden in billigere Länder ausgelagert, wo neue Produktionskapazitäten aufgebaut wurden. So kommt es zu einer Ausweitung der Quantität, aber nicht zur Herstellung von qualitativ Neuem.

Zum anderen liegt die Konzentration auf bestehende Produkte im wirtschaftlichen Interesse der Schwellenländer selbst. Wollen sie sich in die Weltwirtschaft integrieren, müssen sie Dinge anbieten, die die großen Importeure der Welt – die reichen Länder – nachfragen. Hätten sie sich von Anfang an auf ganz neue Produkte spezialisiert, wäre ihnen diese Integration nicht gelungen. Internationaler Handel findet traditionell zwischen ähnlichen Gesellschaften statt; wer sich in die Weltwirtschaft integrieren will, muss sich den Verhältnissen anpassen, die auf den internationalen Märkten herrschen. Es war und ist ihre einzige Chance: Sie müssen sich angleichen und dabei ihre Vorteile ausspielen – nämlich ihre niedrigen Löhne.

Die Reservearmee von Arbeitern in den Schwellenländern ist schier unbegrenzt. Weitere Milliarden von Menschen stehen bereit, ihre Arbeitskraft anzubieten und sich in die Weltmärkte zu integrieren. Umso drängender wird der globale Mangel an Geist. Denn sofern all diese Menschen auch noch das Gleiche tun, nur noch billiger als all die anderen, wird der Verfall der Preise und Löhne weitergehen. Keine sonderlich befriedigende Situation – weder für die Beschäftigten, deren Einkommen leiden werden, noch für die Unternehmen, deren Margen schrumpfen.

Um dieser Abwärtsspirale zu entrinnen, verschiebt sich der globale Wettbewerb auf ein anderes Spielfeld: Die Welt rüstet intellektuell auf. Vorne weg die reichen Länder, um der wachsenden Niedriglohnkonkurrenz auszuweichen, aber auch Schwellenländer wie China und Indien.

Eine ökonomische Zeitbombe

Deutschland ist für diesen Wettlauf bislang nicht sonderlich gut gerüstet. Besonders alarmierend: Der Akademikeranteil in den jüngeren Altersgruppen sinkt; im Alter zwischen 25 und 34 Jahren gibt es weniger Hochschulabsolventen als in höheren Altersgruppen – ein bemerkenswerter Rückschritt.

Und international eine einsame Ausnahme. In Kanada beispielsweise, einem der Spitzenreiter in Sachen akademischer Aufrüstung, haben mehr als 54 Prozent der 25- bis 34-Jährigen einen akademischen Abschluss; in der Generation der 45- bis 54-Jährigen sind es 43 Prozent. Ähnlich das Bild in Japan: Dort gibt es in der jüngeren Altersgruppe 53 Prozent Akademiker gegenüber 38 Prozent in der älteren. In Frankreich? 39 zu 18 Prozent. In Schweden? 37 zu 28 Prozent. In Großbritannien? 35 zu 28 Prozent. Und in Deutschland? 22 Prozent in der jüngeren Altersgruppe gegenüber 26 Prozent in der älteren.

Ein Rückstand, der in krassem Gegensatz zur deutschen Tradition steht. Der Aufstieg der deutschen Industrie in die internationale Topliga am Ende des 19. Jahrhunderts fußte auf intellektuellem Vorsprung: Damals erfanden deutsche Konzerne das systematische Forschen und Entwickeln überhaupt erst. Sie stellten Wissenschaftler ein, um Produktionskapazitäten mit Geist – und das heißt: mit Wert – aufzuladen. Noch in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts hatte die Bundesrepublik einen ansehnlichen Bildungsvorsprung gegenüber anderen reichen Ländern, inzwischen liegt sie am unteren Ende der Skala.

Dies ist kein Luxusproblem, sondern eine fundamentale Schwäche. Kaum eine reiche Gesellschaft altert so schnell wie die deutsche. Allein um bestehende Akademikerstellen im Inland neubesetzen zu können, müsste in den jüngeren Altersgruppen der Anteil an Hochqualifizierten deutlich höher liegen. Ansonsten stehen nicht genug Hochschulabsolventen als Ersatz bereit, wenn die größeren, älteren Jahrgänge in Rente gehen. Eine ökonomische Zeitbombe.

Im 21. Jahrhundert steht die Ökonomie vor einem Paradigmenwechsel. Die Globalisierung und die Integration von Milliarden gering ausgebildeter Menschen in die Weltwirtschaft drücken auf Löhne und Preise. Billig kann künftig jeder. Daraus erwächst ein anschwellender Druck zum geistigen Upgrading. Wer sich dem Wissenswettbewerb nicht stellt, der verliert, verarmt, verkümmert. Das gilt für jeden einzelnen Menschen, für jedes Unternehmen, für jede Gesellschaft. Mehr noch: Wissen allein genügt nicht. Denn Wissen und Information sind praktisch an jedem Ort der Welt zu niedrigen Kosten verfügbar. Entscheidend ist allein, was man daraus macht. Deshalb geht es in diesem Kapitel um "Geist", nicht um "Wissen" oder "Bildung". Standardkenntnisse in Standardsituationen anwenden zu können reicht nicht mehr aus.