J. P. Morgan Schnäppchenjäger in der Nacht

Mit Washington Mutual ist erneut eine US-Großbank über die Klippe gesprungen. Aufgefangen hat sie der Bankenriese J. P. Morgan Chase. Er liefert sich mit der Bank of America ein Rennen der Krisenprofiteure.

Hamburg - Als Alan Fishman am Donnerstag in New York das Flugzeug bestieg, war er frischgebackener Chef der sechstgrößten US-Bank. Als er in Seattle landete, gab es sein Institut Washington Mutual  schon nicht mehr. So berichtet es jedenfalls die "New York Times".

Sicher ist, dass das Management der Großsparkasse am Donnerstagabend nichts mehr zu melden hatte. Alle Versuche, mithilfe von Goldman Sachs einen Interessenten für einen Notverkauf zu finden, waren gescheitert - niemand wollte ein verbindliches Gebot für Washington Mutual abgeben, die tief im Hypothekensumpf steckt und seit Wochen am Rand der Insolvenz manövriert.

Die Sparkassenaufsicht OTS erklärte das Institut für geschlossen, übergab es an die Einlagensicherung FDIC - und die verkaufte es umgehend zum Schnäppchenpreis von 1,9 Milliarden Dollar an die Großbank J. P. Morgan Chase . So könnten die Kunden am Freitagmorgen wieder "Business as Usual" erwarten, verkündete FDIC-Chefin Sheila Bair.

Die FDIC musste zum dreizehnten Mal in diesem Jahr eine Bankpleite melden - und mit weitem Abstand die größte in ihrer Geschichte: Washington Mutual hatte Vermögenswerte von 307 Milliarden Dollar, aber mit einem berichteten Abschreibungsbedarf von gut 31 Milliarden. Die Spareinlagen waren schon in den vergangenen Wochen wegen der Pleitegerüchte drastisch geschrumpft.

Dieser Verlust wäre für die FDIC schwer zu schultern gewesen. Sie gibt ihren Kassenstand mit 45 Milliarden Dollar an, auch wenn FDIC-Sprecher Andrew Gray betont, dass niemals ein Sparer auch nur einen Penny verlieren werde: "Im Hintergrund steht das Kapital der gesamten Bankbranche bereit, und das sind 1,3 Billionen Dollar." Man werde die Banken ohnehin bald stärker anzapfen, weil weitere Pleiten erwartet werden. Doch es muss ja nicht gleich eine derartige Last auf einmal sein.

19 Millionen Dollar für Drei-Wochen-Job

19 Millionen Dollar für Drei-Wochen-Job

Um Alan Fishman muss sich niemand Sorgen machen. Der knapp dreiwöchige Job an der Spitze von Washington Mutual brachte ihm eine Einstiegsprämie von 7,5 Millionen Dollar und wahrscheinlich Anspruch auf eine Abfindung von 11,6 Millionen. Doch die Aktionäre haben das Nachsehen. Auch der Finanzinvestor TPG, den der frühere Washington-Mutual-Chef David Bonderman führt, muss seine Sieben-Milliarden-Dollar-Kapitalspritze von April als schlechtes Investment verbuchen.

Gescheitert ist die Strategie von Fishmans Vorgänger Kerry Killinger, aus einer Regionalsparkasse mit Heimat im nordwestlichen US-Staat Washington das "Wal-Mart der Banken" zu formen. Washington Mutual, eine der Überlebenden der verheerenden Sparkassenkrise vor zwanzig Jahren, ist unter Killingers radikalem Wachstumskurs immerhin zur sechstgrößten Bank der USA aufgestiegen.

Dabei machte sie sich aber immer stärker vom aufgeblasenen Immobilienmarkt abhängig und übernahm die Praktiken der privaten Hypothekenbanken, die inzwischen fast komplett verschwunden sind: massenhaft Kredite an Hauskäufer mit zweifelhafter Bonität, zu variablen Raten mit niedrigem Lockzins, oder mit Beleihungsgrenzen über dem eigentlichen Wert der Immobilie. Das ging gut, solange die Hauspreise stiegen. Jetzt flog das eingegangene Risiko Washington Mutual um die Ohren.

Und schon wieder schlägt J. P. Morgan Chase zu, wenn eine Bank am Boden liegt. Wie bereits im März, als der Konzern mit Hilfe der Notenbank das Investmenthaus Bear Stearns zum Schnäppchenpreis von 1,3 Milliarden Dollar ergatterte, hat J.-P.-Morgan-Chef Jamie Dimon Gespür für den richtigen Moment erwiesen. Schon damals hatte Dimon Teams nach Seattle geschickt, um Washington Mutual zu durchleuchten und ein Gebot zu prüfen.

Der Meister der Bankübernahmen

Der Meister der Bankübernahmen

Jetzt ist er am Ziel. "Gemeinsam erschaffen wir ein großartiges Unternehmen", verkündete Dimon. Vor allem die regionale Präsenz von Washington Mutual im Westen der USA sei eine sinnvolle Ergänzung für das Privatkundengeschäft von J. P. Morgan Chase. Von den 5400 Filialen beider Institute soll nur ein kleiner Teil geschlossen werden, in Städten wie New York oder Chicago, wo sie bisher konkurrierten.

Der Bankenriese mit knapp 240.000 Beschäftigten und einer Bilanzsumme von zwei Billionen Dollar, nach Börsenwert die größte Bank Amerikas, folgt dem Beispiel der Bank of America , die sich in der Krise um Countrywide und Merrill Lynch verstärkt hat. Beide liefern sich im US-Privatkundengeschäft jetzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen (mit Vorteil für die Bank of America), während die einstige Übermacht Citigroup  sich gesundschrumpfen muss.

Für Jamie Dimon dürfte das auch ein persönlicher Triumph sein. Denn der Sohn eines New Yorker Brokers hat den einstmals weltgrößten Finanzkonzern, dem er nun den Rang abläuft, mit aufgebaut. Er machte als Assistent des legendären American-Express-Chefs Sandy Weill Karriere. Mit Dimons Hilfe übernahm Weill nacheinander die Travelers Group, Salomon Brothers, Smith Barney und schließlich die Citicorp, um die Großbank Citigroup zu formen. Doch 1998 warf er Dimon hinaus.

Der begann nach einer Auszeit im Jahr 2000 von neuem als Vorstandschef der Bank One. Dort machte er sich einen Namen als Kostendrücker und geschickter Fusionsmanager, als er seine Bank im Jahr 2004 an J. P. Morgan verkaufte - und wenig später an die Spitze des Konzerns rückte.

J. P. Morgan ist, etwa vergleichbar der Deutschen Bank , mit einigen Schrammen durch die Krise navigiert, war aber bisher nie ernsthaft in Gefahr. Die Bank musste gut zehn Milliarden Dollar vor allem auf Hypothekenpapiere und mit Fremdkapital gehebelte Unternehmenskäufe abschreiben, jedoch nicht mehr als 40 Milliarden wie die Citigroup. Die in den Büchern verbliebenen Papiere gehören zu denen mit dem geringsten Risiko.

Wie J. P. Morgan Amerikas Macht schuf

Wie J. P. Morgan Amerikas Macht schuf

Die zu erwartenden Verluste aus der Übernahme von Bear Stearns, Washington Mutual und Beteiligungen an Fannie Mae  und Freddie Mac  dürften ebenfalls einen zweistelligen Milliardenbetrag kosten. Doch Dimon, obwohl er lange zu den pessimistischsten Stimmen der Branche angesichts der Finanzkrise zählte, sieht seine Bank solide aufgestellt. Einmal mehr ist Masse im Privatkundengeschäft, verbunden mit einer strengen Kostenkontrolle, Trumpf.

Das Investmentgeschäft wie Aktien- und Anleihenhandel, Beratung bei Fusionen und Übernahmen oder die Begleitung von Börsengängen spielt eine untergeordnete Rolle im Konzern - obwohl er wegen seiner schieren Größe auch im Investmentbanking ganz vorn mitspielt und der Name J. P. Morgan sogar als Inbegriff der Investmentbank schlechthin gelten kann.

Der legendäre Bankgründer John Pierpont Morgan schuf nicht nur die Industrieriesen General Electric  und US Steel , die für den Aufstieg Amerikas zur Wirtschaftsmacht stehen. Er versammelte 1907 New Yorker Banker und sorgte für die Schaffung eines Notfonds, um den damaligen Börsenkrach zu beenden. Auch in der Aktienrally der 20er Jahre, die der Weltwirtschaftskrise voranging, führte J. P. Morgan & Co. die Wall Street an.

Mit dem Glass-Steagall-Gesetz war damit 1935 Schluss: Geschäfts- und Investmentbanken wurden voneinander getrennt, auch J. P. Morgan musste sich entscheiden - und wählte das biedere, aber sichere Geschäft mit Spareinlagen. Die Lizenz zum Spekulieren bekam die ausgegliederte Bank Morgan Stanley , die ebenfalls noch heute existiert - und sich mit 75 Jahren Verspätung nun ebenfalls für den Status einer Geschäftsbank entschieden hat.

Überblick: Welche Banken bislang strauchelten

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