Energiebranche Leben wie EDF in Frankreich

Deutschlands Energiekonzerne geraten in die Bredouille. Abgeschottet durch Staatsmauern ist die französische Konkurrenz um EDF schon mächtig aufgekommen. Jetzt aber glauben die westlichen Nachbarn, Eon und RWE endgültig übertrumpfen zu können - ausgerechnet mithilfe der Umweltschutzpläne Brüsseler Bürokraten.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Was für ein Geschäft. Für satte 15,6 Milliarden Euro hat der französische Energiekonzern Electricité de France  (EDF) seinen Konkurrenten British Energy  übernommen, sich beste Aussichten zum Bau neuer Kraftwerke auf der anderen Seite des Ärmelkanals gesichert - und wieder mal die deutsche Konkurrenz ausgestochen. Denn für British Energy hatte auch einmal die RWE  geboten, dann aber frustriert abgewunken.

"Wir lassen uns nicht auf einen Bieterwettstreit ein", sagte RWE-Chef Jürgen Großmann noch vor Tagen am Rande einer Festveranstaltung in Mülheim an der Ruhr zu manager-magazin.de. Er hätte ihn wohl auch verloren.

Das EDF-Management um Vorstandschef Pierre Gadonneix blätterte so viel Geld für das britische Unternehmen auf den Tisch, wie es sonst wohl kaum ein Strommanager gegenüber seinen Aktionären hätte rechtfertigen können.

Der Kaufpreis ist in etwa 15 Mal so hoch wie der British-Energy-Vorsteuergewinn, den das Unternehmen voraussichtlich in diesem Jahr erwirtschaften wird. Branchenüblich sind nach Angaben von Investmentbankern derzeit Kaufangebote, die in etwa das Siebenfache des Vorsteuergewinns ausmachen. Doch Gadonneix muss kritische Aktionäre gar nicht fürchten, EDF ist im Staatsbesitz. "Der Kauf ist als strategische Operation zu werten, die EDF eine Spitzenrolle auf weltweiter Ebene gibt", urteilen dann auch die französischen Analysten von Crédit Mutuel-CIC. Ein reines Machtspiel also.

Dass sich die Franzosen das zutrauen, dürfte einen einfachen Grund haben. Sie rechnen damit, in Zukunft die Konkurrenz nicht zuletzt aus Deutschland einfach in Schach halten zu können. Und ihre Waffe dazu ist ausgerechnet der Umweltschutz.

Während EDF munter auf Atomkraft mit nahezu keinem nennenswerten Kohlenstoffausstoß setzt und seinen Bestand an Meilern nun auch in Großbritannien kräftig ausbauen darf, müssen die deutschen Stromkonzerne bei dieser Technik zuschauen; im Jahr 2000 hatte die rot-grüne Bundesregierung den Atomausstieg beschlossen. Stattdessen betreiben Eon und Co. neben kleineren regenerativen Kraftwerken auch in Zukunft zunehmend modernere, aber konventionelle Kohlekraftwerke. Genau die aber macht die Europäische Union teuer.

Allein im Laufe der vergangenen zwölf Monate ist der Preis für das Recht, eine Tonne Kohlenstoff in die Atmosphäre zu pusten, von rund 23 Euro auf zwischenzeitlich fast 30 Euro in die Höhe geschnellt, hat die Europäische Energiebörse in Leipzig ermittelt. Das entspricht einem Plus von etwa 30 Prozent. Dabei ist die wirklich scharfe Stufe des europäischen Emissionszertifikatehandels noch gar nicht in Kraft.

Französischer Beutehunger

Französischer Beutehunger

Erst ab dem Jahr 2013, mit Beginn der dritten Handelsperiode für Emissionszertifikate, werden deren Preise wohl so richtig anziehen. Nach Plänen der Europäischen Kommission muss dann jedes europäische Unternehmen die jeweils nötigen Verschmutzungsrechte für seine Produktion an der Börse ersteigern; in den ersten beiden Perioden wurden sie noch frei oder zumindest zum größten Teil frei zugeteilt.

"Schon jetzt kann man an den Großhandelspreisen für künftige Stromlieferungen ablesen, was da für eine Kostenlawine auf uns zurollt", sagt Alfred Richmann, Geschäftsführer des Verbands der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft in Essen. "Auch auf die deutschen Energieversorger." Die französische Konkurrenz dagegen spart die Milliardenausgaben, weil sie weiterhin auf ihre CO2-armen Atomkraftwerke setzen darf. "Im Gegenzug verdient EDF so viel, dass sie nach fünf Auktionsjahren praktisch jedes andere Energieunternehmen kaufen könnte - außer vielleicht Gazprom ", warnte RWE-Chef Großmann zuletzt. "Sollte die Auktionierung der Emissionsrechte kommen, erhält vor allem Frankreich Vorteile."

Die stoßen mittlerweile selbst dem Düsseldorfer Milliardenkonzern Eon  übel auf. Denn die Franzosen um EDF und Suez Electrabel  agieren auch noch aus einem Wettbewerbsbiotop heraus. Der jüngste EDF-Beutezug in Großbritannien gelang, obwohl etwa das Staatsunternehmen EDF auf dem Heimatmarkt quasi unangetastet ist. Die Liberalisierung der Energiemärkte Europas ist an Frankreich abgeprallt. "Nationale Champions in staatlicher Hand sind ein Rückschritt und Hemmschuh für Europa. Wir brauchen keine Unternehmen, die sich hinter staatlichen Schutzzäunen verschanzen", sagte Eon-Chef Wulf Bernotat deshalb zuletzt - und weiß doch, dass er daran nichts ändern kann.

Immerhin: Eon und RWE hoffen noch, durch die Hintertür einen weiteren Fuß auf die britische Insel setzen zu dürfen. EDF musste der Regierung in London zusichern, einen Teil der übernommenen British-Energy-Standorte auch EDF-Konkurrenten zugänglich zu machen. Womöglich sogar für Atomkraftwerksbau. Doch selbst dann hecheln die deutschen Stromriesen ihrer doppelt geschützten französischen Konkurrenz wohl hinterher - dem Schutz durch Staatszaun und Umweltschutz.

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