Finanzkrise "Unglaubliche Blauäugigkeit"

Mögen die Wall-Street-Händler aus Gier gehandelt haben - die Schuld an der Finanzmarktkrise tragen andere. Das befindet der Wirtschaftsethiker Friedhelm Hengsbach. Im Interview erklärt er, welchem Denkfehler Finanz- wie Politikeliten verfallen sind und warum der milliardenschwere Krisenplan der USA nur an den Symptomen kuriert.

mm.de: Herr Hengsbach, die Krise an den Finanzmärkten hat sich dramatisch beschleunigt. Beobachter sprechen von Schockwellen, von Beben, gar vom Zusammenbruch. Was erleben wir da gerade?

Hengsbach: Was an den Finanzmärkten geschieht, hat es in dieser Dramatik seit 35 Jahren nicht gegeben. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit sind Misskalkulationen einzelner Institute auf das gesamte Finanzsystem übergesprungen, und nun - damit müssen wir rechnen - erreichen die Folgen bald die Realwirtschaft. Das wird den Wohlstand breiter Bevölkerungskreise beeinträchtigen, und zwar sehr deutlich.

Außerdem ist damit eine Vorentscheidung im Wettbewerb zweier Finanzmarktstile gefallen: Einerseits der angelsächsische, der stark vom Aktien- und Derivatehandel getrieben ist, sich am kurzfristigen Shareholder Value orientiert und an hohen Risiken berauscht; andererseits der kontinentaleuropäische Stil, der stärker bankenorientiert ist, auf die Einlagen vieler privater Kunden zurückgreift und mit den Unternehmen personell verflochten ist. Da lautet der Stand: 1 : 0 für die klassischen Universalbanken.

mm.de: Vordergründig ist das Entstehen der Krise leicht nachzuvollziehen: Da wurden unsichere Kredite so verpackt, dass ihr Risiko nicht mehr zu erkennen war und massenweise weiterverkauft; so ist eine Blase entstanden, die nun geplatzt ist. Was aber ist der Hintergrund dieser Entwicklung?

Hengsbach: Gerade die kurze Nachzeichnung verdeutlicht, dass private Institutionen das Potenzial haben, Geschäftsrisiken nicht nur innerhalb des Finanzsystems zu verlagern, sondern auch die Realwirtschaft damit zu infizieren. Da stellt sich die Frage: Welche Rolle hat das Bankensystem als Ganzes? Ist es schlicht die Summe einzelner Geschäftsbanken und Investmentgesellschaften? Oder haben sie auch eine öffentliche Aufgabe? Nämlich die, zusammen mit den Zentralbanken die Geldversorgung und die Geldwertstabilität zu sichern und Wohlstand für alle zu sichern.

"Sorgfaltspflichten verletzt"

mm.de: Welche Antwort geben Sie?

Hengsbach: Das Bankensystem ist ganz klar auch eine öffentliche Einrichtung. Finanzstabilität ist ein öffentliches Gut. Und wie jetzt deutlich wird, kann dies nicht aufgelöst werden in ein individuelles Risikomanagement, das einzelne Geschäftsbanken in die Hand nehmen.

mm.de: Das heißt, der Staat hat zu viel Kontrolle für dieses öffentliche Gut an die Finanzmärkte abgegeben?

Hengsbach: Das sehe ich so. Deswegen tue ich mich schwer damit, die Misere auf die angebliche Gier der Händler und Kunden zu schieben. Viel schwerer wiegt die unglaubliche Blauäugigkeit der Chefbanker, dem freien Spiel der Märkte so wichtige Aufgaben zu überlassen. Das ist eine grobe Fahrlässigkeit.

mm.de: Das müssen Sie erklären.

Hengsbach: Der Schlüssel zu diesem Verhalten ist der Mythos vom freien Markt. In vielen Bereichen und gesellschaftlich eingebettet ist die Marktsteuerung erfolgreich. Aber dieser Erfolg ist nicht auf alle wirtschaftlichen und politischen Bereiche übertragbar - genau das will vielen nicht einleuchten.

Dann kamen diese neuen Produkte mit ihren verteilten und verbrieften Risiken hinzu, deren Funktionsweise nur die wenigsten Akteure verstehen. Dennoch ließ man hier die Marktkräfte frei spielen - ohne die Folgen auch nur erahnen zu können. Das ist der Punkt, da Finanzexperten wie auch Politiker ihre Sorgfaltspflichten verletzt haben; das ist der Punkt, wo sie ihrer Verantwortung nicht nachgekommen sind, die Folgen ihres Handelns abzuwägen und dafür einzustehen.

"Bankchefs stellen sich als Getriebene dar"

mm.de: Aber wurde diese Verantwortung nicht aus Gier hintangestellt?

Hengsbach: Gier ist Bestandteil des Systems, weshalb man sie kaum den Händlern vorwerfen kann, die sich gemäß den Regeln des Systems verhalten haben. Weiter kommen wir mit der Frage: Wer hat das System so vorangetrieben? Den Vorwurf muss man den Investmentgesellschaften machen. Mit Renditevorgaben von 20 bis 25 Prozent leistet man verantwortungslosem Handeln Vorschub, denn die sind realwirtschaftlich normalerweise nicht zu erreichen.

Das beschränkt sich übrigens nicht auf die USA. Lange Zeit galt das Privatkundengeschäft auch in Deutschland als muffig und wenig einträglich. Die Deutsche Bank hat sich im Investmentbanking für Rekordrenditen feiern lassen.

mm.de: Um international wettbewerbsfähig zu sein, wie der Bankchef Josef Ackermann sagen würde.

Hengsbach: Die Vorstände der Investmentbanken stellen sich gerne als Getriebene dar. Aber in erster Linie setzen sie sich selbst und gegenseitig unter Druck. Diesen Druck geben sie dann nach unten weiter - am Ende haben die Händler den Schwarzen Peter, weil sie die Häuslebauer über den Tisch gezogen haben.

mm.de: Sie beschreiben das als Gruppendruck unter halbstarken Chefs der Investmentgesellschaften. Welche Möglichkeiten hätte denn eine einzelne Bank, sich diesem Druck zu entziehen?

Hengsbach: Man hätte früher die Register ziehen können, die jetzt in der Krise gezogen werden. Auch ein Bankvorstand hätte als Mahner gegen dieses Treiben auftreten können. Und nicht erst jetzt nach staatlicher Regulierung im Sinne eines geordneten Marktes rufen. Warum kommen diese Einsichten so spät? Warum durfte sich der Staat früher nicht einmischen, wo er als Retter jetzt willkommen ist?

Es ist ja nicht so, dass der unbedingte Marktglaube und das Privatisierungsfieber unumstritten gewesen wäre. Dass der Markt ohne rechtliche und politische Schranken überhaupt funktioniert, ist ein Aberglaube. Bischof Franz Kamphaus hat dafür mal ein schönes Bild gefunden: Im Mittelalter war der Dorfplatz umrahmt von Kirche, Krankenhaus, Rathaus, Wirtshaus und Schule. Ohne diese Institutionen hätte es nie einen Markt gegeben.

"Rettungsplan belohnt die Zocker"

mm.de: US-Finanzminister Henry Paulson verhandelt ein Programm mit dem Kongress, das ihm ermöglichen soll, den Banken Ramschpapiere für bis zu 700 Milliarden Dollar abzukaufen, um das Finanzsystem zu stabilisieren. Der Staat greift also massiv ein. Ist das der richtige Weg?

Hengsbach: Da ist Skepsis angebracht. Es ist bezeichnend, wie sehr die Prinzipien, die die Finanzmärkte beherrschen, nun auch das Regierungshandeln der USA prägen: Kurzatmigkeit und Übertreibung.

Wenn das Programm die einzige Alternative ist zum Totalzusammenbruch des Finanzsystems, dann ist es gerechtfertigt. Eine der wichtigsten Aufgaben ist es jetzt, dass die Bevölkerung das Vertrauen in das Finanzsystem nicht verliert. Grundsätzlich dürfte man dafür so viel Steuergeld in die Hand nehmen.

Die Probleme an dem Vorstoß liegen aber auf der Hand. Kuriert werden nur die Symptome. Denn nun werden die Zocker belohnt, die alles auf eine Karte gesetzt haben. Damit werden sie einmal mehr ihrer Verantwortung enthoben. Das rechtfertigt ihr Treiben im Nachhinein. Fatal ist dieses Vorgehen vor allem, weil es die Staatsverschuldung in die Höhe schickt und ein hohes Zahlungsbilanzrisiko erzeugt.

mm.de: Was wäre die Alternative?

Hengsbach: Man kommt nicht umhin, die internationale Finanzmarktaufsicht zu stärken. Das bedeutet, dass dort nicht nur die Geschäftsbanken kontrolliert werden, sondern alle Institutionen, die an den Finanzmärkten teilnehmen: Die Hedgefonds, die Zweckgesellschaften, die bankfreien Zonen, alle Nischen, in denen bisher Risiken versteckt wurden. Hier müssen Bilanzierungsregeln eingeführt werden. Dass man den einen auf diese Weise durchgehen lässt, was die anderen nicht dürfen - nämlich mit Risiken ohne Rechenschaft hantieren -, das ist unfair. Für eine schärfere Aufsicht und Kontrolle müssen der IWF und die Bank für internationalen Zahlungsausgleich aufgerüstet werden.

"Nicht alle Leerverkäufe verwerflich"

mm.de: Ist das Verbot von Leerverkäufen sinnvoll?

Hengsbach: Das ist mir zu pauschal gestrickt. Nicht alle Leerverkäufe sind verwerflich. Leerverkäufe können sogar Übertreibungen abfangen. Und wieder einmal wird nur am Symptom herumkuriert. Nicht diese eine Geschäftsvariante ist das Übel, sondern nur die Kurzfristorientierung und die destruktive Wirkung.

mm.de: Man wird kaum verordnen können, dass nun alles in Zeitlupe abläuft.

Hengsbach: Niemand fordert Märkte im Schneckentempo - aber die Überschallgeschwindigkeit, die die Börsen so lieben, fördert Fehlentscheidungen. Was kann man konkret tun? Ein sinnvoller Vorschlag ist, dass neue Finanzprodukte erst einer Börsenaufsicht vorgelegt werden, bevor sie gehandelt werden dürfen. Einmal eingeführt, wird der Handel damit nicht langsamer. Aber es ist gut, wenn sich jemand vorher Gedanken über die Folgen des Produkts macht.

Und schließlich ist schwer einzusehen, warum Wertpapierverkäufe nicht einer Steuer unterliegen - wie jeder Supermarkteinkauf, wie jede Großanschaffung, wie jedes andere Geschäft auch. Eine Steuer hätte sicher eine bremsende Wirkung, die viele Fondsmanager zwar beklagen würden. Sie würde aber den Anreiz erhöhen, die Sicherheit, die Gewinnaussichten und die Fristen der Investments genauer zu prüfen, da sie mit höheren Kosten verbunden wären. Bestimmte Formen der Spekulation würde das eindämmen.

"Größere historische Zäsur"

mm.de: Zum Beispiel?

Hengsbach: Ich denke an feindliche Übernahmen oder an das Heranschleichen an Unternehmen. Eine Spekulationssteuer könnte es erschweren, leistungsstarke Unternehmen zu bloßen Investitionsobjekten und Kapitalanlagen zu degradieren. Es besteht doch die Sorge, dass solche Investitionsobjekte in den Sog der Finanzkrise geraten - und damit realwirtschaftlich beschädigt werden. Zum Schaden der Mitarbeiter, der Kunden, ihres wirtschaftlichen und regionalen Umfelds.

mm.de: Mit welchen Folgen der Finanzmarktkrise müssen wir noch rechnen?

Hengsbach: Wenn wir in ein paar Jahren zurückblicken, könnte es sein, dass die Krise eine tiefere politische Zäsur markiert, nämlich das Ende der Vorherrschaft der USA, die praktisch seit dem Zweiten Weltkrieg die internationalen Beziehungen bestimmt hat. Denn das Bankenbeben fällt zusammen mit deren militärischen, außen- und innenpolitischen Problemen. Wenn die Glaubwürdigkeit der USA leidet - und das wird sicher der Fall sein -, dann schränken sich die Möglichkeiten der bisherigen Supermacht noch mehr ein.

mm.de: Fällt deswegen Paulsons Rettungsplan so gewaltig aus?

Hengsbach: Ich finde, man muss den Rettungsplan vor diesem Hintergrund sehen. 700 Milliarden können die USA ja unmöglich selbst aufbringen, sie müssen sich verschulden. Da fragt man sich: Können sie wie bisher diese Last als strukturelle Zahlungsbilanzdefizite auf den Rest der Welt abladen? Oder ist ein Zeitpunkt erreicht, da die Partner in Europa und Asien nicht mehr mitspielen? Hier werden sich die Gewichte in den kommenden Jahren verschieben.

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