US-Rettungsprogramm "Kein Freibrief für die Banken"

"Hunderte Milliarden Dollar" wird die US-Regierung ausgeben, um die Banken des Landes von faulen Krediten zu befreien. Experten sind sich einig: Eine Sanierung dieser Größenordnung darf kein Freikauf sein. Der Kongress werde die Finanzhäuser nicht aus der Verantwortung entlassen.

Hamburg - Henry Paulson machte keine Umschweife. "Wir reden hier von hunderten Milliarden Dollar", sagte der US-Finanzminister und ehemalige Investmentbanker von Goldman Sachs, als er am Freitag über die geplante Rettungsaktion der US-Regierung für die schwer angeschlagenen Banken des Landes sprach. Die Hilfe müsse "groß genug werden, um wirklich etwas zu bewirken".

Für die Banken bietet sich damit die einmalige Gelegenheit, ihre Bilanzen zu bereinigen und die während der Jagd nach immer höheren Renditen angehäuften Problempapiere wieder loszuwerden. Das Risiko, dass diese Papiere noch weiter an Wert verlieren, übernimmt der US-Steuerzahler.

"Für Paulson und Fed-Chef Ben Bernanke ist das eine Gratwanderung", sagt Irwin Collier, Professor am John-F.-Kennedy-Institut und Experte für US-Geldpolitik an der Freien Universität Berlin. Einerseits wissen sie, dass sie dem Steuerzahler Risiken in Milliardenhöhe aufbürden. Andererseits wissen sie auch, dass noch weitere Banken pleite gehen dürften, wenn sie ihre derzeit illiquiden Vermögenswerte nicht aus der Bilanz bekommen.

Zumutungen, um Schlimmeres zu verhindern

Wenn Banken reihenweise in Konkurs gehen und Kreditinstitute sich untereinander kein Geld mehr leihen, wären ein Zusammenbruch des Finanzsystems und eine tiefe Rezession die Folge: Dies würde den Mann auf der Straße noch härter treffen. "Um Schlimmeres zu verhindern, mutet man dem Steuerzahler jetzt einiges zu", sagt Collier.

Der US-Experte ist jedoch überzeugt davon, dass die betroffenen Banken nicht einfach ihre Papiere beim Staat abladen und sich damit aus der Verantwortung ziehen können. "Ein Rettungsprogramm dieser Größenordnung muss vom US-Kongress genehmigt werden - und der wird die Bedingungen und Auflagen für die Hilfe diktieren. Es wird keine billige Entschuldung und kein Freibrief für die Banken werden", schätzt Collier.

Tausch gegen Darlehen zu hohen Zinsen

Tausch gegen Darlehen zu hohen Zinsen

Möglicherweise werde die Zentralbank die Problempapiere der Banken gegen Darlehen eintauschen, für die die Kreditinstitute hohe Zinsen zahlen müssen. Die Verpflichtungen der Banken gegenüber der Zentralbank sollten auch davon abhängen, wie sich die Risikopapiere in Händen der staatlichen Zweckgesellschaft langfristig entwickeln. "Die Banken müssen ein Interesse daran haben, den Ausfallbetrag so klein wie möglich zu halten", ergänzt Jan Pieter Krahnen, Direktor am Frankfurter Center for Financial Studies US-Rettungsplan: "Banken müssen in der Haftung bleiben".

Entscheidender Faktor für eine Entspannung der Situation sei, dass problematische Papiere wie etwa die hypothekenbesicherten Mortgage Backed Securities (MBS) wieder in "ruhige Hände kommen", also bei einem Investor mit längerem Zeithorizont landen. "Man braucht Zeit, um diese Positionen abzuwickeln", sagt Collier. "Zeit, die die angeschlagenen US-Banken derzeit nicht haben."

Die US-Regierung spielt mit ihrem Rettungsprogramm wieder einmal auf Zeit. Erholen sich die Immobilienpreise in den USA, könnte die Wette aufgehen. Fallen sie jedoch auch in den kommenden Jahren weiter, drohen dem Staat milliardenschwere Abschreibungen auf die übernommenen Papiere. Doch Paulson und Bernanke bleibe nichts anderes übrig, als jetzt rasch und pragmatisch zu handeln und damit den Banken wieder Handlungsspielraum zu verschaffen, meint Collier. Mittel- und langfristig soll eine Stabilisierung des Hypothekenmarktes dafür sorgen, dass die Rettungsaktion für den Steuerzahler nicht allzu teuer ausfällt.

Der Fluch der Fristenveränderung

Die Rettungsaktion soll außerdem das "im System liegende Risiko" überwinden, sagte Paulson. Das bedeutet: Der Staat will durch das Einsammeln der problematischen Papiere in eine Zweckgesellschaft einige Risiken wieder zurückdrehen, die Banken durch ihr Handeln geschaffen haben.

Einige Banken haben solche systemischen Risiken durch eine "exzessive Fristentransformation" erzeugt, meint Martin Hellwig, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gemeinschaftsgüter in Bonn. Viele der MBS mit langer Laufzeit wurden nicht von Investoren mit langem Zeithorizont gehalten, sondern landeten bei den berüchtigten Special Investment Vehicles (SIV), die sich wiederum kurzfristig über Titel auf dem Markt für Commercial Paper refinanzierten.

Dieses Vorgehen sei nichts anderes als eine Form der "Yield Panic" auf der Jagd nach immer höheren Renditen gewesen - die mit der Fristentransformation verbundenen Risiken wurden dagegen vernachlässigt. Als dieses Refinanzierungsmodell zusammenbrach, geriet der Markt für MBS noch stärker unter Druck: Die Abschläge bei den Bewertungen sind inzwischen weit höher als die tatsächlichen Zahlungsausfälle bei den zugrunde liegenden Hypotheken.

Das Sammeln dieser Papiere in einem staatlichen Fonds mit langem Zeithorizont biete die Chance, dass sich der Markt langsam wieder beruhige und schrittweise auch wieder Vertrauen bei den Banken einkehre, sagt Collier. Die MBS-Papiere würden wieder dort landen, wo sie hingehörten: Bei einem Investor mit längerem Atem.

US-Rettungsplan: "Banken müssen in der Haftung bleiben"

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