Finanzkrise Was können wir noch glauben?

"Bad mouthing" und "naked short selling", also üble Gerüchte und ungedeckte Leerverkäufe, diese beiden Phänomene sehen Investmentbanker als eine der Ursachen für den Crash der Finanzwerte. Plumpe Ausrede, oder verkommt die Börse tatsächlich zu einer Spielwiese mieser Spekulanten?
Von Andreas Nölting

Hamburg - Die Börse ist ein Ort, an dem rationale Zukunftserwartungen gehandelt werden. So sollte es sein. Analysten geben ihre Einschätzungen zu künftigen Erlös- und Kostenpositionen von Unternehmen, diskontieren die erwarteten Zahlungsströme und errechnen so den "fairen Wert" eines Konzerns oder seiner Aktie. Institutionelle Investoren, Fondsmanager oder private Anleger kaufen und verkaufen dann die Papiere, Händler setzen die Order um. Das ist die pure Theorie.

Dieser Tage allerdings können wir den Glauben verlieren, dass es an der Börse irgendwie "rational" zugeht - also fundamental begründete Erwartungen gehandelt werden und Unternehmen, deren Zahlenwerk Schwächen aufweisen, unter Druck geraten oder solche, die vermeintlich proper dastehen, auf der Kurstabelle nach oben schießen.

"Die Börse ist ein Spielcasino", heißt es immer mal wieder. Doch diese Stimmen haben wir bisher den Lafontaines, Schreiners oder den Globalisierungsgegnern zugeschrieben, also Menschen, die das System Marktwirtschaft nicht unbedingt wohlwollend betrachten.

Was wäre, wenn sie recht haben und an der Börse eben nicht die Vernunft, sondern tatsächlich üble, mächtige Zocker regieren?

"Bad mouthing", "naked short selling"

"Bad mouthing" und "naked short selling" heißen die (nicht unbedingt neuen) Phänomene, die in Finanzkreisen zurzeit als zentrale Ursache für den heftigen Crash der Bankenwerte verantwortlich gemacht werden - also üble Propaganda und Leerverkäufe, ohne die Aktie überhaupt zu besitzen.

Beispiel Morgan Stanley : Da legt die US-Investmentbank vor drei Tagen sehr ordentliche Zahlen vor. Im dritten Quartal sei der Gewinn um nur drei Prozent auf 1,43 Milliarden Dollar gesunken, teilte die Nummer zwei der Branche mit. Pro Aktie lag der Gewinn mit 1,32 Dollar deutlich über den 0,78 Dollar, die Analysten erwartet hatten. Was ist die Folge? Die Aktie rauscht um 40 Prozent in den Keller.

Oder Goldman Sachs . Der Branchenprimus und Musterknabe der Wall Street vermeldet zwar einen Gewinneinbruch um 70 Prozent, schreibt aber immerhin noch schwarze Zahlen (845 Millionen Dollar Gewinn im dritten Quartal) und betont, im eigenen Portfolio kaum mehr "toxische Papiere" zu haben. Die Folge: Auch Goldman bricht zweistellig ein.

Der Fondsmanager William Smith nennt die Geschäftszahlen von Morgan Stanley und Goldman zwar "hervorragend", fügt aber hinzu: "Tatsache ist: Das ist jetzt völlig egal." Er prognostiziert, dass Morgan Stanley sich schon bald unter das Dach einer anderen Großbank flüchten wird.

Die Zahlen sind egal? Offenbar!

"Markt, der von Angst und Gerüchten geprägt ist"

Die Zahlen sind egal? Offenbar! Inzwischen reichen schon unbelegte Gerüchte, um die Finanzmärkte weltweit in Panik geraten zu lassen. Das funktioniert so: Hedgefonds streuen bei Journalisten erfundene (aber irgendwie plausibel klingende) Geschichten über drohende Schieflagen, Milliardenabschreibungen und Liquiditätsprobleme.

"CNBC hebt das dann sofort ungeprüft ins Programm und vermeldet die vermeintliche Sensation", schimpft ein US-Investmentbanker gegenüber manager-magazin.de. Die Hedgefonds wiederum haben die betreffende Aktie vorher "leer" verkauft - sie besitzen das Papier also nicht einmal, warten auf die fallenden Kurse und kaufen dann wesentlich billiger die betreffende Aktie oder Option auf. So wird miese Propaganda zum lukrativen Geschäft.

"Wir stecken mitten in einem Markt, der von Angst und Gerüchten geprägt ist", schimpft daher Morgan-Stanley-Boss John Mack in einem am Donnerstag bekannt gewordenen internen Schreiben. "Investoren, die mit ungedeckten Leerverkäufen auf Kursverluste setzen, treiben derzeit unsere Aktien herunter."

US-Börsenaufsicht handelt in höchster Not

"Stoppt den Wahnsinn", heißt es auch in einer gerade veröffentlichten Studie von Glenn Schorr, Analyst der Schweizer Großbank UBS. Er greift den beiden Konkurrenten Morgan und Goldman unter die Arme, spricht von einer starken Liquidität- sowie Kapitalposition und hält den Kurseinbruch der Aktien beider Häuser für irrational. Die Welt solle sich darüber Sorgen machen, dass gute Häuser heruntergeredet würden, so weniger Banken auf der Bildfläche blieben, in der Folge die Kapitalkosten stiegen und damit der Wirtschaft den Lebenssaft nähmen.

Die US-Börsenaufsicht geht nun in höchster Not gegen die Shortseller vor. "Wir müssen klarmachen, dass wir überhaupt kein Verständnis für Marktmissbrauch haben", sagt SEC-Chairman Christopher Cox. Seit heute müssen Verkäufer und Broker die verkauften Aktien tatsächlich vorlegen. Ansonsten drohen deftige Strafen.

Die betroffenen Investmentbanken allerdings zweifeln die Wirksamkeit dieser Maßnahme an. "Das wird nichts bringen", meint ein Banker verzweifelt gegenüber manager-magazin.de, "die Hedgefonds finden immer wieder neue Wege, die strengeren Auflagen zu umgehen."

Womöglich ist das Phänomen "bad mouthing" längst in Deutschland angekommen. Heute Morgen etwa meldeten die Agenturen, dass auf dem Börsenparkett das Gerücht verbreitet werde, die Fusion von Commerzbank  und Dresdner Bank stehe vor dem Aus. Beide Häuser dementierten vehement.

Was können wir überhaupt noch glauben?

Shortseller: Wie Zocker die Kurse bewegen

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