Finanzkrise "Amerika wird um Hilfe flehen"

AIG in höchster Not verstaatlicht, nur noch zwei der einst fünf großen US-Investmentbanken selbstständig. Und selbst diese beginnen zu wanken. Die Finanzkrise hat sich dramatisch zugespitzt. Adam Posen, Vizechef der Washingtoner Denkfabrik Peterson Institute, äußert sich im Interview zu den Folgen der Krise, ihren möglichen Gewinnern und den bitteren Lehren daraus.
Von Jochen Eversmeier

mm.de: Professor Posen, die US-Notenbank rettet den Versicherer AIG , Lehman Brothers  lässt die Regierung in die Pleite rutschen. Ist das konsequent?

Posen: Ich finde, die jüngsten Entwicklungen sind gute Nachrichten für die US-Wirtschaft. Es ist gut, dass das Finanzministerium klar markiert hat, wo die staatliche Unterstützung in Not geratener Unternehmen endet - und wo sie nötig ist. AIG war "just too big to fail", also zu groß, um zu scheitern.

mm.de: Von den ehemals fünf großen amerikanischen Investmentbanken sind seit dem Wochenende nur noch zwei unabhängig, und auch diese drohen, vom aktuellen Hurrikan an den Finanzmärkten hinweggefegt zu werden: Was bedeutet das für die Wall Street?

Posen: Natürlich sind nun einige hochnäsige Wall-Street-Broker drastisch auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden. Doch das Aufgehen von Bear Stearns , Lehman Brothers  und Merrill Lynch  in andere Geldhäuser unterscheidet sich letztlich nicht wirklich von den letzten Konsolidierungswellen und Zusammenbrüchen im US-Finanzmarkt. Wer fragt heute noch nach E.F. Hutton, Drexel Burnham, Chemical Bank und anderen?

Der Umbruch spiegelt zudem den globalen Trend zu großen, ausdifferenzierten Finanzkonzernen einerseits und hoch spezialisierten Finanzinvestoren andererseits. Mit hoch spezialisiert meine ich zum Beispiel Hedgefonds oder Private-Equity-Unternehmen im Gegensatz zu vermeintlichen Spezialisten, die dem globalen Wettbewerbsdruck hinterherlaufen. Warburg Pincus oder Tudor sind solche erfolgreichen Privatfirmen, Lehman war dagegen ein nicht wettbewerbsfähiger Zwitter.

Für das Selbstverständnis der Wall Street bedeutet das: Der Glaube, finanzielle Risiken besser zu beherrschen und in Finanzierungsfragen ausgebuffter zu sein, als irgendjemand sonst auf der Welt, hat einen schweren Schlag erlitten. Die Wall Street wird künftig mehr Hilfe von außen brauchen. Dies wird sichtbar werden in künftigen Regulierungsdiskussionen oder in Besitzerwechseln, weil weitere amerikanische Finanzhäuser frisches Kapital benötigen werden.

"Unsicherheiten dürften abnehmen"

mm.de: Welche Folgen für die US-Wirtschaft erwarten Sie?

Posen: Die jüngsten Bereinigungen im Bankensektor werden dabei helfen, den Preisverfall der Vermögenswerte zu stoppen und einen Boden zu bilden. Gewiefte Investoren haben sich bislang von Käufen notleidender Unternehmen oder Vermögenswerte ferngehalten, weil sie unsicher über das Verhalten des Staates waren. Diese Unsicherheit dürfte nun stark abnehmen.

Ich denke zudem, dass es dem Selbstbewusstsein und dem realen Marktgeschehen gut tun wird, wenn das System entdeckt, dass es den Bankrott von Lehman Brothers überleben kann. Es wird bei den Unternehmensinvestitionen in den nächsten Quartalen sicher Bremsspuren geben, während das US-Finanzsystem konsolidiert und während einige kleinere Regionalbanken zusammenbrechen, weil sie nicht groß genug oder nicht vernetzt genug sind, um von anderen aufgefangen zu werden. Aber all das wird in Ausmaß und Dauer begrenzt bleiben. Was wir in diesen Tagen erleben, das ist definitiv der Tiefpunkt der Krise.

mm.de: Wie stark werden die beiden verbleibenden unabhängigen Investmentbanken, Goldman Sachs  und Morgan Stanley , noch in den Abwärtsstrudel gerissen? Oder sind sie die Gewinner der Krise?

Posen: Goldman Sachs und Morgan Stanley werden zu den großen Gewinnern zählen, wenn sie nicht kurzfristig von Shortsellern aus dem Markt gebombt werden. Wenn Sie die aktuellen Turbulenzen überstehen, wird ihr wirklicher Wert und ihre Stärke unter dem Strich viel klarer werden. Zudem wird es im Inland weniger Konkurrenz für ihre Dienstleistungen geben. Aber zugleich werden im Ausland ihre Neigung zu prahlen und ihr Mantra, etwas ganz Besonderes zu sein, schrumpfen, und zwar im Einklang mit dem abnehmenden Ansehen des gesamten US-Finanzsystems. Das wiederum wird in den nächsten Jahren zu mehr Wettbewerb im Auslandsgeschäft von Goldman und Morgan führen.

"Reines Investmentbanking ist tot"

mm.de: Hat das pure Investmentbanking noch eine Zukunft?

Posen: Das Geschäftsmodell des reinen Investmentbankings ist tot, und Goldman und Morgan können nur überleben, weil sie bereits jetzt mehr sind als traditionelle Investmentbanken und eher wie Hedgefonds agieren. Die Verbriefung von Krediten in Wertpapierform wird bis zu einem gewissen Maß ein großes Geschäft bleiben, allerdings als standardisiertes Massengeschäft mit niedrigen Gebühren. Das Geschäft mit Börsengängen sowie Fusionen und Übernahmen wird für eine Weile äußerst zäh laufen und in jedem Fall unter starkem Konkurrenzdruck stehen - und zwar von Hedgefonds, Private Equity, Universalbanken und anderen Finanzfirmen.

mm.de: Werden deutsche Banken mit ihrem breiteren Geschäftsmodell zu den Gewinnern gehören?

Posen: Die großen deutschen Institute, die wirklich profitorientiert arbeiten und das passende Personal haben - also vor allem die Deutsche Bank , aber auch Unicredit-HypoVereinsbank, wenn Sie Letzteres noch als deutsches Haus sehen wollen - sind vergleichsweise gut in Form. Sie werden von den Amerikanern angefleht werden, einen oder mehrere Teile des unterkapitalisierten US-Finanzsystems zu übernehmen. Und sie werden in Europa Marktanteile im Investmentbanking gewinnen - auf Kosten ihrer amerikanischen Rivalen.

Dies gilt aber alles nur dann, wenn sie auch willens sind, weiterhin als globale Spieler aufzutreten, wie das bei der Deutschen Bank und Unicredit bislang der Fall war. Wenn sie sich aber unter dem Eindruck der aktuellen Krise nach innen zurückziehen und an der klassischen Kreditvergabe kleben bleiben, dann werden sie ihre Chance verpassen.

mm.de: Wen sehen Sie noch als Gewinner der Krise?

Posen: Es sieht ganz danach aus, als ob die Bank of America  einen cleveren Einkauf, den sie sowieso plante, zu einem Schnäppchenpreis realisieren konnte. Die kanadischen, japanischen, Schweizer und anderen westeuropäischen Banken, die bereits eine nennenswerte US-Präsenz haben, sind in einer ebenso guten Startposition wie die Deutsche Bank, um Marktanteile zu gewinnen und zusätzlich günstige Kaufgelegenheiten auszunutzen.

Der größte Gewinner ist allerdings die amerikanische Öffentlichkeit, die nun das Ende der staatlich finanzierten Notverkäufe gesehen hat und erst Schritte zur notwendigen Restrukturierung des US-Finanzsystems vor Augen hat.

"Finanzaufsicht dringend verbessern"

mm.de: Welche Schritte müssen das sein?

Posen: Das Finanzministerium und die Federal Reserve waren klug beraten, ihre Entscheidung Lehman bankrottgehen zu lassen, mit diversen Maßnahmen zu begleiten. De facto wurden Clearing-Stellen eingerichtet, um die Positionen von Schuldnern und Kreditgebern zu entflechten, und außerdem viele Wege gefunden, zusätzliche Liquidität in die Märkte zu pumpen. Viele von diesen Maßnahmen sind bereits auf dem Weg, formalisiert und als genereller Standard etabliert zu werden.

Man kann darüber hinaus nur hoffen, dass es künftig einen speziellen Mechanismus zur Betriebsschließung geben wird, alternativ zum "bankruptcy code", speziell für Finanzunternehmen, die keine traditionellen Banken sind, wie sie vor 20 Jahren nach der Savings and Loan Crisis mit dem Federal Deposit Insurance Corporation Improvement (FDICIA) geschaffen wurden. Ein solcher spezieller Mechanismus würde eine Situation wie bei Bear Stearns verhindern helfen, in der die Behörden zu viel Angst vor einer Schließung des Geldhauses hatten, weil die Gegenparteirisiken zu komplex und undurchschaubar waren.

Aber der Fahrplan sollte sich nicht auf neue Regeln zur Schuldumwandlung und Bankenschließung beschränken. Das vordringliche Ziel sollte sein, möglichst weite Teile des Finanzsystems in einem mehrstufigen Verfahren besser als bisher zu überwachen, und zwar angepasst für möglichst alle Arten von Finanzunternehmen und über nationale Grenzen hinweg.

Dieser Prozess müsste Eigenkapitalanforderungen und Liquiditätsvorschriften für diese Institutionen so gestalten, dass sich diese nur im Gegenzug für deren Einhaltung über das Diskontfenster der Fed Liquidität beschaffen können. Zudem sollten die Bewertungen von Ratingagenturen, als Basis dafür, was sicheres Kapital ist, abgeschafft werden.

"Versäumnisse der Greenspan-Fed"

mm.de: Wie kann künftig verhindert werden, dass sich Banken mehr Geld, als gesund ist, leihen und damit riskante Finanzwetten abschließen?

Posen: Es gibt gültige Verordnungen, die das verhindern sollen. Sie müssten nur verschärft werden. Dummerweise ist die Fed gerade dabei, diese Normen zu entschärfen, zum Beispiel für Töchter großer Finanzkonzerne. Das halte ich für einen riesigen Fehler.

mm.de: Können Banken überhaupt hinreichend kontrolliert werden? Wäre es nicht ehrlicher zu sagen, dass es immer Lücken geben wird?

Posen: Es wird immer einzelne Lücken geben, aber es sollte keine ausgedehnten Systemrisiken und Bankenpleiten mehr geben, wenn die Regulierung verbessert und verschärft sein wird. Es gibt keinen Grund zu verzweifeln, weil Regulierung versagt und hinter Ereignissen zurückbleibt. Die aktuelle Krise jedenfalls ist vor allem deshalb entstanden, weil die Fed unter Alan Greenspan entschieden hat, die Spielregeln für klassische Banken und andere Finanzunternehmen wie zum Beispiel Investmentbanken unterschiedlich zu gestalten. Für Erstere wurde das Kontrollniveau de facto abgesenkt, ohne dass für die anderen Finanzfirmen eine ausreichende Kontrolle oder Aufsicht geschaffen worden wäre.

Die Fed unter Ben Bernanke hat daran nichts geändert, die amtierende Bush-Administration hat dieses Stillhalten begünstigt, und der Kongress (und die alte Clinton-Administration) waren der Regulierungen überdrüssig, vor allem nach dem Sarbanes-Oxley Act, der 2002 als Reaktion auf die Bilanzskandale von Konzernen wie Enron oder Worldcom geschaffen wurde und vor allem das Vertrauen in die veröffentlichten Finanzdaten von Unternehmen wiederherstellen sollte. Aber das waren alles nur passive Antworten auf die aktive Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflichten durch die Greenspan-Fed. Die war aber ein ideologisch motivierter, politischer Fehler und kein unausweichliches Versagen von Regulierung.

Überblick: Welche Banken bislang strauchelten

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