Bank of America Der Gigant aus dem Süden

Eine Provinzbank schwingt sich zur Nummer eins der amerikanischen Finanzbranche auf. Mit dem Kauf von Merrill Lynch zeigt die Bank of America der verhassten Wall Street, wer in der Krise den längeren Atem hat. Die gigantische Geldmaschine mit der Macht von 60 Millionen Kunden schlägt die Raffinesse der Investmentbanker.

Hamburg - Kenneth Lewis zieht nicht mit der Südstaatenfahne nach New York. Er ruft auch nicht "The South will rise again", den Schlachtruf der Rednecks, die den Yankees aus dem Norden die Niederlage im Bürgerkrieg von 1865 heimzahlen wollen.

Doch der Chef der Bank of America  aus dem beschaulichen Charlotte im Südstaat North Carolina macht klar, dass er als Sieger in die Finanzmetropole kommt. Sein Haus übernimmt die traditionsreiche Investmentbank Merrill Lynch  für knapp 50 Milliarden Dollar.

Es ist die größte Bankenübernahme in den USA seit vier Jahren - und das beste daran: Merrill-Chef John Thain musste aus Angst vor einer Pleite selbst um den Notverkauf seiner Bank bitten, nachdem er Lewis laut Presseberichten noch im Juli mit einem höheren Angebot abblitzen ließ.

Allein die Bereitschaft, inmitten der Kreditkrise einen solchen Deal anzugehen, lässt Lewis und seine Leute schon wie die großen Gewinner des Niedergangs der alten Wall-Street-Adressen aussehen. "Die Bank of America scheint einen cleveren Kauf, den sie zuvor schon wollte, zu einem guten Preis erreicht zu haben", sagt Adam Posen, Volkswirt und Vizedirektor der Washingtoner Denkfabrik Peterson Institute, im Gespräch mit manager-magazin.de.

Lewis zählt auf: Die Bank of America verfügt schon über die größten Spareinlagen der USA, ist die Nummer eins im Kreditkartengeschäft, seit der Übernahme von Countrywide im Juli die größte private Hypothekenbank - und holt mit Merrill Lynch auch noch den weltgrößten Börsenbroker ins Haus. "So entsteht auf einen Schlag eine beispiellose Firma, die man sonst in Jahrzehnten aufbauen müsste", jubelt Lewis. Aus beiden Unternehmen entstehe "das in der Welt führende Finanzinstitut", sekundierte Merrill-Chef Thain.

Die Rache der Underdogs

Die Rache der Underdogs

Lewis, dem Sohn einer Krankenschwester aus Mississippi, ist die Rolle als neuer Star der Branche nicht gerade auf den Leib geschneidert. Er gibt sich bescheiden, ist stolz darauf, in seiner Jugend Gemüse verpackt und Damenschuhe verkauft zu haben. Zu Beginn seiner Bankerkarriere 1969, so will es die Legende, hatte er die Wahl zwischen einem Job bei der großen Filialkette Wells Fargo und einem bei der North Carolina National Bank, einem kleinen Institut aus Charlotte. Er wählte die "Underdogs", angeblich weil das besser zu seinem Charakter passe.

Inzwischen haben die Underdogs von damals jedoch mit einer Serie von Zukäufen alle anderen US-Banken hinter sich gelassen und Lewis - unter dem neuen, den Ansprüchen angemessenen Namen Bank of America - an die Spitze der Branche gebracht.

Aus seiner Abneigung gegen die New Yorker Brokerdealer machte er jedoch nie einen Hehl. Er möge das Investmentbanking nicht, ließ er vor Jahren verlauten - und bewahrte die Bank of America vor einem Desaster, indem er große Teile ihres Subprime-Kreditgeschäfts abstoßen ließ. Noch im Oktober 2007 gab er zum Besten: "Ich hatte im Investmentbanking schon so viel Spaß, wie ich gerade noch aushalten kann."

Der Kauf von Merrill Lynch sieht nun wie eine Kehrtwende aus. Doch das lässt Lewis nicht gelten. "Jetzt mag ich das Investmentbanking wieder", sagt er. Schließlich passe Merrill Lynch einfach gut zum Privatkundengeschäft der Bank of America. "Merrill Lynch ist viel, viel mehr als eine Investmentbank", lässt Lewis wissen.

Die Hälfte ihres Umsatzes mache Merrill mit ihrer Vermögensverwaltung - "der besten Vermögensverwaltung der Welt", wie Lewis meint. Soweit sie im Privatkundengeschäft Nutzen stifte, habe eben auch eine Investmentbank ihre Berechtigung. Dank der 16.000 Anlageberater von Merrill Lynch, die Lewis als "Kronjuwelen" bezeichnet, könne die Bank of America ihren wohlhabenden Kunden alles aus einer Hand anbieten, und das weltweit.

Das Rezept der Krisengewinner

Das Rezept der Krisengewinner

Außerdem stößt die Bank mit knapp 10 Prozent der amerikanischen Spareinlagen an die Grenze des US-Wettbewerbsrechts. Noch mehr Geschäftsbanken zu übernehmen, würden ihr wohl die Kartellbehörden verbieten.

Die Bank of America gilt trotz ihrer 250.000 Mitarbeiter und 6100 Filialen als Effizienzwunder in der Branche. Sie bedient ihre 59 Millionen Kunden (Lewis zählt "etwa jeden zweiten amerikanischen Haushalt" dazu) mit einfachen, standardisierten Produkten.

Der Stolz der Bank sind sprechende Geldautomaten, nicht raffinierte Kreditderivate wie Auction Rate Securities (ARS), Collateralized Debt Obligations (CDO), Structured Investment Vehicles (SIV) oder was immer die Jungs von der Wall Street aus der Buchstabensuppe gefischt haben mögen.

Wichtigste Rivalin ist inzwischen die ähnlich aufgestellte New Yorker Bank J. P. Morgan Chase, die schon im März mit der Übernahme von Bear Stearns ein Schnäppchen machte - nicht mehr die Citigroup . Die erschien noch vor einem Jahr als übermächtig, hat sich aber an ihrem Investmentbanking übernommen und versucht sich in einer Radikalkur gesundzuschrumpfen: 400 Milliarden Dollar an Vermögenswerten sollen verkauft werden, das profitable deutsche Privatkundengeschäft beispielsweise ging schon an die französische Crédit Mutuel.

So sehen Sieger aus: Alle Großbanken, die wenig mit dem Investmentbanking zu tun haben, profitieren von den stabilen Erträgen im Einlagegeschäft. Je stärker der Fokus auf das Massengeschäft in Filialen, desto größer die Chance, gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Die Bank of America spielt dank ihrer Größe in einer Liga mit der britischen HSBC  und der spanischen Santander  - wenngleich die Finanzkrise auch ihr Milliardenabschreibungen und eine gewaltige Erhöhung der Risikovorsorge abrangen.

Die großen Geschäftsbanken sind auch wie im Fall Merrill Lynch am ehesten in der Lage, eine gefallene Investmentbank zu übernehmen. Ihr Vorteil gegenüber den Wall-Street-Häusern: Sie haben eine solide Basis aus Spareinlagen, die von der Einlagensicherung gestützt sind. Außerdem haben sie Zugriff auf direkte Kredite der Zentralbank in letzter Not.

Das Urteil der Anleger

Das Urteil der Anleger

So weit stimmt die Story. Doch manchen Beobachtern wird das Tempo, in dem die Bank of America sich immer größere Brocken einverleibt, unheimlich: Allein in diesem Jahr kamen schon die Chicagoer Geschäftsbank La Salle und der Hypothekenriese Countrywide hinzu - und jetzt auch noch Merrill Lynch? "Sie könnten mehr abgebissen haben, als sie kauen können", drückt sich Aktienstratege Marc Pado von Cantor Fitzgerald aus.

"Der Deal könnte sich auf lange Sicht auszahlen, kurz- und mittelfristig bringt er aber eine Menge Risiko", urteilt Analyst Matthew O'Connor von der UBS. Merrill Lynch hat noch rund 60 Milliarden Dollar an Kreditderivaten mit Immobilienbezug in den Büchern, obwohl die Bank schneller als andere Wall-Street-Häuser reinen Tisch zu machen versuchte: Sie verbuchte seit Beginn der Finanzkrise mehr als 40 Milliarden Dollar Abschreibungen.

Im Juli kündigte Merrill an, ihre CDOs für 22 Cent je Dollar Nennwert an den Geierfonds Lone Star zu verkaufen - ein damals als mutig gerühmter Schritt, der Hoffnung weckte, die Talsohle des Kursverfalls sei erreicht. "Doch Lone Star nimmt nur die ersten 25 Prozent der Verluste auf die eigene Kappe", moniert Nouriel Roubini, Wirtschaftsprofessor der Universität New York. "Wenn die Papiere noch mehr Wert verlieren, kehren die Verluste zurück in die Merrill-Bilanz." Sie könnten auch nur fünf Cent je Dollar Nennwert erzielen. "Es gibt keinen Boden für die Verluste", sagt Roubini.

Hinzu kommt Countrywide als Klotz am Bein. Die Milliardenverluste der Hypothekenbank blieben bislang außerhalb der Bilanz, doch ab diesem Quartal muss die Bank of America sie verbuchen. Außerdem sind etliche Privatkläger, Staatsanwälte, die Börsenaufsicht SEC und das FBI hinter Countrywide her - laut Lewis wurden all diese Risiken ausgiebig geprüft und seien zu schultern.

Selbst wenn die Immobilienmärkte sich stabilisieren sollten, hätte die Bank of America Bedarf an neuem Kapital, räumt auch Bankchef Lewis ein. Nach der Übernahme von Countrywide und Merrill Lynch müsse man "alle Mittel" in Betracht ziehen, um die Kernkapitalquote wieder über die angepeilte Marke von 8 Prozent zu bringen. Das könnte die Ausgabe neuer Aktien oder Anleihen einschließen, vielleicht auch den Verkauf von Anteilen der China Construction Bank , die Lewis erst jüngst auf gut 10 Prozent erhöhte.

Die Anleger scheinen ihr Urteil gefällt zu haben. Allein am Montag, nachdem der Merrill-Deal vereinbart wurde, verlor die Bank of America an einem Tag 33 Milliarden Dollar Börsenwert. Doch das ficht einen Kenneth Lewis nicht an. Er denkt langfristig und strategisch. "Schließlich ging es uns auch darum, zu verhindern, dass jemand anderes zuschlägt." Denn dann wäre es nichts mit dem Titel als Nummer eins.

Investmentbanken: Wer macht das Licht aus?

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