Investmentbanken Wer macht das Licht aus?

Einem Hurrikan gleich hat die Finanzkrise drei der fünf großen unabhängigen US-Investmentbanken hinweggefegt. Damit steht das Geschäftsmodell der verbliebenen Häuser Goldman Sachs und Morgan Stanley ebenfalls am Scheideweg.

Hamburg - Soll es dieses Mal das rote Sportcoupé sein? Oder doch gleich der Landsitz in New Jersey? Es ist nicht lange her, da ähnelte manches Gespräch über den eigenen Job in den Bars und Cafés rund um die New Yorker Wall Street dem Brainstorming für einen endlos langen Wunschzettel. Das Geschäft boomte, und Bonuszahlungen in Rekordhöhe ließen die Fantasie mancher Investmentbanker überschäumen.

Nun schleppen dieselben Finanzstrategen ihre Umzugskartons aus den Büros in Manhattan. Manch einer wird sie bei einem anderen Institut bald wieder auspacken. Doch viele stehen vorerst ohne Job da.

In nicht einmal zwei Jahren sind die US-Investmentbanken und ihre Mitarbeiter von den Stars der Wall Street zu Prügelknaben des Weltfinanzsystems geworden. Im Zuge der Finanzkrise ging zunächst Bear Stearns  in die Knie. In dieser Woche meldete Lehman Brothers  Insolvenz an, und Merrill Lynch  wird von der Bank of America  geschluckt. Sie alle hatten sich mit hypothekenbesicherten Wertpapieren verzockt, die wegen der Immobilienflaute praktisch wertlos wurden.

Vielerorts wachsen die Zweifel

Das Erdbeben an der Wall Street wirft die Frage auf, ob das traditionsreiche Geschäft der Investmentbanken in der gegenwärtigen Form überhaupt eine Zukunft hat. Nach dem Crash wachsen vielerorts die Zweifel.

Zwei große unabhängige Institute sind an der Wall Street verblieben: Goldman Sachs  und Morgan Stanley . Es sind die größten dieser Sorte Geldhaus, die in den vergangenen Jahren Schlagzeilen mit immer größeren Deals in ganz verschiedenen Bereichen machten.

"Das Geschäftsmodell der Investmentbanken ist zusammengebrochen", sagte der New Yorker Ökonom Nouriel Roubini nach der Lehman-Insolvenz. Er erwartet noch Hunderte Bankenpleiten. "Auch die verbleibenden Investmentbanken werden nicht überleben", befindet der Universitätsprofessor, der sich als "Dr. Doom" (Untergang) einen Namen gemacht hat und als einer der ersten das Platzen der Immobilienblase voraussagte.

"Das Modell erlebt sein Waterloo"

"Das Modell erlebt sein Waterloo"

In ihrer Blütezeit kam den Investmentbanken zugute, dass US-Finanzaufsicht und Zentralbank sie im Vergleich zu klassischen Geschäftsbanken weniger streng kontrollierten. Das ist anders geworden, seit die Geldhäuser reihenweise Milliardenabschreibungen auf ihre vergifteten Papiere vornehmen müssen. Nun gibt es strengere Auflagen für Eigenkapital und Liquidität.

"Da stellt sich die Frage, wie die Banken noch Geld verdienen wollen", sagt Roubini. Bisher gründete sich ein Großteil der Gewinne auf Deals, die die Banker mit Fremdkapital stemmten. Um sich mit den Kreditbündeln einzudecken, gaben die Banken massenweise eigene Papiere aus. "Das bisher vorherrschende Modell erlebt sein Waterloo", sagt der Direktor des Frankfurter Center for Financial Studies, Jan Pieter Krahnen, gegenüber manager-magazin.de.

Darunter leiden nun auch Goldman Sachs und Morgan Stanley immer stärker. Morgan Stanley hat im dritten Quartal einen Gewinnrückgang um sieben Prozent auf 1,43 Milliarden Dollar hinnehmen müssen, damit aber noch für eine positive Überraschung an der Wall Street gesorgt. Der Umsatz stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 7,96 auf 8,05 Milliarden Dollar, wie die Bank am Dienstag nach Börsenschluss und damit einen halben Tag früher als geplant bekanntgab.

"Stärker von der Lehman-Insolvenz betroffen"

Auch Goldman hatte am Dienstag noch schwarze Zahlen vorgelegt. Doch der Gewinn sackte im dritten Quartal 2008 um satte 71 Prozent auf 810 Millionen Dollar. Im Vorjahresquartal konnte die Bank noch einen Gewinn von 2,81 Milliarden Dollar ausweisen. Die Nettoerträge sanken um 51 Prozent auf 6,04 Milliarden Dollar.

Goldman hatte lange als Gewinner der Krise gegolten. Das Institut hatte auf ein Ende des Immobilienbooms gewettet. Zudem gilt die Bank als weniger anfällig für den Druck renditehungriger Investoren, weil eigene Mitarbeiter ein Großteil der Aktien halten und langfristig denken.

Trotzdem geraten die verbleibenden Banken nun in den Abwärtsstrudel. "Sie sind von der Lehman-Insolvenz zunächst stärker betroffen als etwa die europäischen Häuser, weil diese weniger eng mit Lehman zusammengearbeitet haben", sagt Martin Faust, Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance and Management gegenüber manager-magazin.de. "Das Vertrauen der internationalen Anleger in die US-Investmentbanken hat generell stark gelitten. Das belastet jetzt auch Goldman Sachs und Morgan Stanley."

Kommen die Gewinner aus Europa?

Fressen oder gefressen werden

Dramatisch ist die Lage für die weiter bestehenden Investmentbanken auch geworden, weil sie im Gegensatz zu Geschäftsbanken mit hohem Privatkundenanteil kaum über Einlagen verfügen. Das geht auf eine Gesetzgebung nach der Weltwirtschaftskrise der frühen 30er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück, die eine Trennung zwischen Investmentbanken und Geschäftsbanken vorschrieb.

Diese Trennung löst sich zwar bereits seit einigen Jahren auf - auch wegen neuer Gesetze. Doch in der Finanzkrise klappen die verbliebenen reinen Investmentbanken zusammen, die ihr Geschäft noch nicht dem der Geschäftsbanken angenähert haben. Die aktuellen Ereignisse beschleunigen den Wandel.

"Der Umbruch reflektiert den Trend hin zu großen, ausdifferenzierten Finanzkonzernen einerseits und hochspezialisierten Finanzinvestoren andererseits", sagt der Vizedirektor des US-Thinktanks Peterson Institute for International Economics, Adam Posen, gegenüber manager-magazin.de. Anders als Roubini sieht Posen in Goldman und Morgan große Gewinner der Krise, weil Konkurrenten weggefallen sind. Aber sie müssen sich ändern. "Das Modell der reinen Investmentbank ist tot."

Doch genau dies könnte den weiterhin tätigen Instituten zum Verhängnis werden. Fressen oder gefressen werden, heißt es derzeit an der Wall Street. Der Prozess, den die Banken selbst bis zur Perfektion orchestrierten, ereilt sie selbst.

Kommen die Gewinner aus Europa?

"Die verbleibenden US-Investmentbanken werden sich nicht einfach die Marktanteile der untergegangenen holen können", sagt denn auch Krahnen. Er und andere Branchenkenner rechnen damit, dass klassische Geschäftsbanken wie die Bank of America, die jetzt bei Merrill Lynch zugriff, weitere Investmentbanken übernehmen oder sie zwingen, stärker zu kooperieren.

In der Defensive sind die Wall-Street-Broker auch, weil andere Teile ihres Kerngeschäfts zuletzt dahingeschmolzen sind. Beratung bei Übernahmen, Fusionen und Börsengängen - all diese Bereiche sind eingebrochen, da sich die Weltwirtschaft merklich abkühlt und die Börseneuphorie in Agonie und Panik umgeschlagen ist. Ironie des Schicksals ist dabei, dass die Zockerabteilungen der Banken nicht nur sich selbst, sondern auch den Kollegen im eigenen Haus das Wasser abgruben.

Zehntausende Banker haben deshalb bereits in New York und London ihre Jobs verloren. Die Angestellten deutscher und anderer europäischer Großbanken sind bisher weitgehend verschont geblieben.

Ihr Geschäftsmodell, das klassische Bankgeschäft mit Kreditvergabe und Sparen mit dem Investmentbanking unter einem Dach versammelt, hat sich bisher als vergleichsweise krisenfest erwiesen. Schon sehen manche Branchenbeobachter die Institute als Gewinner der dramatischen Ereignisse an der Wall Street.

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