Dienstag, 25. Juni 2019

Finanzbranche "Die Krise wird sich noch verschärfen"

Das US-Finanzsystem befindet sich in seiner größten Krise seit 1929. Ohne die Intervention von US-Regierung und Notenbank wäre das System vermutlich längst kollabiert, sagt Folker Hellmeyer. Die Beteiligten spielten auf Zeit, meint der Chefanalyst der Bremer Landesbank. Die Finanzkrise werde sich aber weiter verschärfen.

mm.de: Herr Hellmeyer, beim Notverkauf der US-Investmentbank Bear Stearns Börsen-Chart zeigen hat die US-Regierung noch rund 30 Milliarden Dollar Steuergelder hinzugeschossen. Jetzt lässt sie Lehman Brothers Börsen-Chart zeigen in die Insolvenz fallen. Zeichnet sich hier ein Politikwechsel ab?

"Größte Krise seit 1929": Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank
Hellmeyer: Ich kann darin keinen Politikwechsel des US-Finanzministeriums erkennen. Das Verhalten der US-Regierung signalisiert aber ganz klar: Ohne die Mithilfe der anderen Banken sieht sie sich nicht in der Pflicht, die Kohlen allein aus dem Feuer zu holen. Und die anderen Banken hatten ihre Unterstützung ja schlichtweg verweigert.

Für mich ist die Lehman-Insolvenz daher vielmehr ein Indiz dafür, dass die Investmentbank in den Augen der Politik nicht die prominente Rolle für das US-Finanzsystem spielte wie seinerzeit Bear Stearns oder andere Finanzinstitute. "Too big to fail", diese Ansicht galt für Lehman offenbar nicht.

mm.de: Nun sind Schulden von 550 Milliarden Dollar, die Lehman aufgetürmt haben soll, nicht gerade ein Pappenstiel.

Hellmeyer: Das ist durchaus richtig. Aber dennoch stellt der Fall Lehman in der Krise eine andere Größenordnung dar als etwa Merrill Lynch Börsen-Chart zeigen, Citigroup oder die beiden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae Börsen-Chart zeigen und Freddie Mac Börsen-Chart zeigen. Beim Verkauf und der Abwicklung der Bank dürfte vermutlich auch nur ein Fünftel der Forderungen tatsächlich verloren gehen.

mm.de: Steht zu befürchten, dass Lehman seine hochproblematischen Wertpapiere aus der Immobilienkrise zu Dumpingpreisen noch auf den Markt werfen muss, und welche Konsequenzen hätte das?

Hellmeyer: Davon gehe ich nicht aus. Ich erwarte, dass im Zuge des Insolvenzverfahrens die überlebensfähigen Teile der Bank verkauft und dabei die kritischen Positionen so marktschonend wie möglich abgewickelt werden.

mm.de: Die US-Investmentbank Merrill Lynch konnte sich über Nacht noch unter das Dach der Bank of America retten. In bedrohlicher Schieflage befinden sich dagegen nach wie vor der US-Versicherer AIG Börsen-Chart zeigen und die Bausparkasse Washington Mutual Börsen-Chart zeigen. Beobachter schließen auch hier die Insolvenz nicht aus. Greift jetzt der befürchtete Dominoeffekt, steht das US-Finanzsystem vor einem Kollaps?

Hellmeyer: Fakt ist, das US-Finanzsystem befindet sich in seiner größten Krise seit 1929. Ohne die Intervention der US-Regierung sowie der US-Notenbank wäre das System sehr wahrscheinlich schon längst kollabiert. Sie versuchen das Schlimmste abzuwenden, um den Schaden für die Realwirtschaft in Grenzen zu halten.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung