Fannie/Freddie "Jetzt ist bei den Amis alles kaputt"

Die US-Regierung übernimmt die Kontrolle über zwei der größten Finanzinstitute. Die Börse feiert die Verstaatlichung von Fannie Mae und Freddie Mac: Keine Not ist so groß, dass die Steuerzahler nicht einspringen. Der Staat lädt sich Billionenrisiken auf, Ausgang ungewiss.

Hamburg - Die Wahrheit von Montag war am Vortag bereits überholt. Noch heute ist auf der Website von Freddie Mac unter "Frequently Asked Questions" zu lesen, wie gesund der US-Hypothekenfinanzierer sei.

Frage: "Tragen die amerikanischen Steuerzahler ein finanzielles Risiko für Freddie Mac?" Antwort: "Nein. Viele unabhängige Studien bestätigen, dass Freddie Mac angemessen kapitalisiert ist und seine Geschäftsrisiken gut beherrscht. Die Anleihen und Wertpapiere von Freddie Mac stellen keine Staatschulden dar und werden nicht von der Bundesregierung garantiert."

Die Ereignisse vom Wochenende kamen zwar nicht überraschend, ließen der Firma aber wohl nicht genügend Zeit, um eine neue Version der Wahrheit ins Internet zu stellen. Freddie Mac  steht ebenso wie das ältere Schwesterinstitut Fannie Mae  auf unbestimmte Zeit unter Zwangsverwaltung der Aufsichtsbehörde FHFA.

Die Aktionäre verlieren ihre Rechte, die Chefs müssen gehen. Der Staat beteiligt sich an Fannie und Freddie und kauft ihnen mit Hypotheken besicherte Anleihen (Mortgage-Backed Securities, MBS) ab. Die vor 40 Jahren begonnene Privatisierung der ursprünglich staatlichen Institute wird damit zum Irrweg gestempelt. Fannie Mae wurde 1938 von der Roosevelt-Regierung als Teil des "New Deal" ins Leben gerufen, um die wirtschaftliche Depression zu überwinden.

Billionenrisiko für den Staat

Billionenrisiko für den Staat

Wie lange die Hypothekenfinanzierer diesmal unter staatlicher Obhut bleiben und welche Risiken der Staat auf sich nimmt, ist noch nicht klar. Fannie und Freddie haben zusammen 5,4 Billionen Dollar an Hypotheken oder MBS unterzeichnet, das ist mehr als die ohnehin üppige Verschuldung der US-Bundesregierung und halb so viel wie die amerikanische Wirtschaftsleistung in einem Jahr.

Die Commerzbank schätzt, dass der Staat Kreditausfälle von bis zu 450 Milliarden Dollar aus dem Portfolio von Fannie und Freddie verkraften muss - immerhin so viel wie das jährliche Haushaltsdefizit in Washington.

Warum lädt sich der Staat überhaupt die Billionenrisiken dieser Giganten auf? "Unsere Wirtschaft wird sich nicht erholen, bevor das Schlimmste der Immobilienkrise überstanden ist", erklärt Finanzminister Henry Paulson. "Fannie Mae und Freddie Mac sind der Schlüssel dafür, dass wir die Kurve kriegen."

Dabei tragen die beiden Firmen mit den großmütterlich-niedlichen Abkürzungen (Fannie Mae steht für Federal National Mortgage Association, Freddie Mac für Federal Home Loan Mortgage Corporation) keine Schuld an der Krise - im Gegenteil: Sie waren bislang der Fels in der Brandung, der dafür sorgte, dass der Hypothekenmarkt überhaupt noch funktioniert. Das war möglich, weil sie eine öffentliche Aufgabe übernahmen und der Markt niedrige Zinsen auf ihre Anleihen akzeptierte - in der nun bestätigten Annahme, der Staat werde im schlimmsten Fall für Fannie und Freddie einspringen.

Ihr Marktanteil legte stark zu, nachdem um 1990 die klassischen Bausparkassen (Savings and Loans) reihenweise Pleite gingen. Auch in der aktuellen Krise sorgten Fannie und Freddie dafür, dass Hauskäufer weiterhin Hypotheken aufnehmen konnten, nachdem die für den Subprime-Boom verantwortlichen Privatbanken wie Countrywide oder New Century kollabiert waren.

"Jetzt wird aufgeräumt"

"Jetzt wird aufgeräumt"

Doch nun hat der Marktsog auch Fannie und Freddie, die dank der staatlichen Aufsicht keinen einzigen Subprime-Kredit vergeben hatten, erwischt. Es sei "im Zweifel", ob ihre Kapitaldecke ausreicht, um diese Aufgabe weiterhin zu erfüllen, während gleichzeitig ständig neue Verluste anfallen, drückt sich der FHFA-Chefaufseher James Lockhart aus - und straft damit Freddie Macs offizielle Selbstbeschreibung Lügen.

Ein Frankfurter Devisenhändler bringt es auf den Punkt. "Jetzt ist bei den Amis alles kaputt", sei die Wahrnehmung am Markt - während an den Aktienmärkten genau die umgekehrte Stimmung vorherrsche: "Jetzt wird erst einmal richtig aufgeräumt und danach wird alles wieder besser." Deshalb legten vor allem die Kurse von Bankaktien (mit Ausnahme von Fannie Mae und Freddie Mac, die zu Handelsbeginn in New York um mehr als 80 Prozent fielen) weltweit teils zweistellig zu. Wann hat es das schon einmal gegeben: Der Staat enteignet faktisch die Aktionäre von Großbanken, und die Börse applaudiert?

Bei der letzten großen Rettungsaktion, dem Notverkauf der gescheiterten Investmentbank Bear Stearns an den Konkurrenten J. P. Morgan Chase unter Mithilfe der US-Zentralbank im März, reagierte die Börse genau umgekehrt: Zuerst fielen die Aktienkurse, weil den Anlegern klar wurde, wie schlimm es um die Banken steht. Erst danach setzte eine Bärenmarktrally ein, die zeitweise schon als Erholung gepriesen wurde, weil die Aktionäre den Tiefpunkt erreicht sahen.

Inzwischen ist der Glaube an die Selbstheilungskräfte des Markts schwer beschädigt. Da wirkt es umso beruhigender, dass die Regierung an der Doktrin "too big to fail" festhält - kleine Unternehmen können ruhig Pleite gehen, wenn sie sich übernehmen. Große dagegen, die für die Stabilität des Systems wichtig sind, werden um jeden Preis gerettet.

Es ist eben nicht alles kaputt. Der Staat kann sich praktisch unbegrenzt verschulden, ohne dass die Gläubiger an der Rückzahlung der Kredite zweifeln. Zur Not kann immer noch die Dollar-Presse angeworfen werden.

Märkte: Bankenrettung lässt Knoten platzen

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