Junghans Wem die Stunde schlägt

Wieder kreist der Pleitegeier über einem traditionsreichen Schwarzwälder Uhrenhersteller. Das einst weltweit größte Branchenunternehmen Junghans, eine Firma mit fast 150-jähriger Geschichte, ist insolvent - nun wird ein Investor gesucht.

Furtwangen - Ziel sei es, bis zum Jahresende einen Interessenten zu finden, sagte ein IG Metall-Sprecher am Dienstag. Er fügte hinzu: "Das Unternehmen soll erhalten und fit für die Zukunft gemacht werden." Sollte sich kein Uhrenhersteller finden, werde auch der Einstieg eines Finanzinvestors nicht ausgeschlossen.

Junghans hatte wegen finanzieller Probleme der Muttergesellschaft Egana Goldpfeil Insolvenz angemeldet. Die rund 110 Mitarbeiter hätten derweil mit großer Kritik darauf reagiert, dass sie von der Geschäftsführung erst nach dem Gang zum Insolvenzverwalter über die finanzielle Schieflage informiert wurden. Trotz aller Verunsicherung würden die Geschäfte des 1861 gegründeten Unternehmens aber weiterlaufen, erklärte der Gewerkschaftssprecher.

Das Unternehmen folgt mit der Insolvenz einer ganzen Reihe klangvoller Namen aus der Branche - die meisten von ihnen wurden Opfer des eigenen Marktes und der Billigimporte aus Fernost, die den Firmen mit jahrhundertealter Tradition den Garaus gemacht. "Das ist heute nur noch ein Kümmerwurm von dem, was die Uhrenindustrie im Schwarzwald einmal ausgemacht hat", meint Eduard Saluz, Leiter des Deutschen Uhrenmuseums in Furtwangen.

Der Niedergang kam schleichend. Im 18. Jahrhundert reichte das Gebiet der Hersteller von St. Georgen im Norden bis Neustadt im Schwarzwald im Süden, die Hochburg der Uhrenproduktion war der Raum Furtwangen. Der Umstieg von hölzernen Bauteilen auf metallene und Innovationen in der Fertigung hatten Erfolg: Benötigte ein Uhrmacher zunächst noch eine knappe Woche, galt Mitte des 19. Jahrhunderts die Faustregel, dass ein Meister, ein Geselle und ein Lehrling in der Woche 18 Uhren ähnlicher Bauart auf den Tisch legen konnten.

"Zu dieser Zeit kam fast jede dritte Uhr in Europa aus dem Schwarzwald", erklärt Helmut Kahlert, Fachmann für die Geschichte der Uhrenindustrie. Mit der Gründung der "Großherzoglichen Badischen Uhrmacherschule Furtwangen" sollte die Vielzahl der Bauteile verringert werden und andere Uhrentypen wie Tischuhren und Taschenuhren im Schwarzwald selbst produziert werden. Und auch im holprigen, aber erfolgreichen Übergang ins Fabrikzeitalter versorgten Schwarzwälder Uhrenfabriken weite Teile der Welt mit ihren Erzeugnissen. Mit dem Ersten Weltkrieg und dem anschließenden Wegfall des russischen Marktes schlug diese Blütezeit in eine Krise um.

Die Gag-Uhr überlebt

Die Gag-Uhr überlebt

"Mitte der 70er Jahre kam mit den Kunststoffgehäusen und der Schwemme von Quarzuhrwerken aus Asien ein schwerer Einschnitt, zehn Jahre danach dann ein weiterer Einbruch", erzählt Kahlert. Der Wechselkurs, Konjunktureinbrüche, die steigende Konkurrenz aus Billiglohnländern und der beschleunigte technologische Umbruch gaben der Branche weitere Stöße. Immer mehr Unternehmen aus dem Schwarzwald stellten ihre Produktion ein oder verlagerten Teile nach Asien.

Die Ironie des Niedergangs: Durch die Erfindung der Quarzuhr hat sich die Schwarzwälder Uhrenbranche ihr eigenes Grab geschaufelt. "Seitdem es Quarz gibt, ist es nicht mehr nötig, eine Uhr zu tragen", meint Museumsleiter Saluz. Schließlich werde die Zeit heute an zahllosen Orten angezeigt. Erstmals sei zudem die billigste Uhr auch gleichzeitig die beste und die genaueste gewesen: "Der Schwarzwald hat die Welt von der Uhr erlöst." Aber Saluz macht auch Hoffnung: Der Schwarzwald sei heute vor allem ein hervorragender Industriestandort, weil die Uhrenindustrie das Fundament gelegt habe. "Wer Zahnräder fertigte, bietet jetzt Autogetriebe an, wer Maschinen für Uhren produzierte, stellt heute Werkzeugmaschinen her."

Der Bundesverband Schmuck und Uhren ist da optimistischer: "Wir sind nach mehreren schwächeren Jahren wieder vorsichtig zufrieden", meint Hauptgeschäftsführer Alfred Schneider. Die Junghans-Insolvenz habe nichts mit der Situation im Schwarzwald zu tun, sondern sei wohl den Problemen der Muttergesellschaft zu schulden. Die Umsätze der deutschen Uhrenindustrie bewegten sich dagegen mit 253 Millionen Euro "im Korridor des Vorjahreszeitraums". Auch er kann allerdings nicht verhehlen, das im Vergleich zu den 90er Jahren Bilanzen verhagelt und Beschäftigtenzahlen eklatant gesunken sind.

Nur in den Nischen nisteten sich Hersteller wie die Uhrenmanufaktur Hermle aus Gosheim (Kreis Tuttlingen) ein. Nach eigenen Angaben mischt sie nach wie vor als einer der größten Produzenten von mechanischen Stand-, Tisch- und Wanduhren und Marktführer von mechanischen Uhrwerken im Rennen um die Zeit mit.

Auch die schwarzwaldtypische Kuckucksuhr blieb bislang weitgehend vom Abwärtstrend verschont. Nach wie vor werden bei den wenigen Herstellern Qualität, Handwerkskunst und Verwendung hochwertiger Materialien groß geschrieben. "Es war immer eine Gag-Uhr, ein wirtschaftlicher Underdog", meint Experte Kahlert. "Jetzt ist es dagegen so ziemlich die einzige Uhr, die im Schwarzwald tatsächlich noch gefertigt wird."

manager-magazin.de mit Material von dpa, dpa-afx

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