Kaufkraft Arme und reiche Europäer

Wohlstand und Kaufkraft in Europa sind extrem ungleich verteilt, wie eine Studie zeigt. Im Schnitt stehen jedem Liechtensteiner in diesem Jahr rund 45.000 Euro für persönliche Ausgaben zur Verfügung. Das ist etwa das 56-fache dessen, was ein Mensch in Moldawien ausgeben kann und auch viel mehr als Deutschen zur Verfügung steht.

Hamburg - In Moldawien wird anders kalkuliert. Einst war Moldawien eine der wohlhabendsten Sowjetrepubliken, heute muss jeder Einwohner des seit Anfang der 1990er Jahre unabhängigen Landes mit umgerechnet rund 2,20 Euro am Tag zurecht kommen. Auf das Jahr hochgerechnet sind das gerade einmal 800 Euro. Auf diese Summe beläuft sich nämlich die Kaufkraft eines jeden Moldawiers im statistischen Mittel in diesem Jahr. Zum Vergleich: In der Steueroase Liechtenstein bringt es jeder Einwohner auf 44.878 Euro verfügbares Einkommen, also das Geld, das jedem nach Steuern und Sozialabgaben noch zur Verfügung steht.

Damit zeigt die jüngste Studie "Kaufkraft Europa 2008/2009" der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) vor allem eines: Einkommen und Wohlstand in Europa sind nach wie vor extrem ungleich verteilt. Während ein Mensch in Moldawien gerade einmal über ein Fünfzehntel des durchschnittlich verfügbaren Einkommens eines Europäers von 12.500 Euro verfügt, bringt es der Verbraucher im Fürstentum Liechtenstein auf knapp das Vierfache dieser Durchschnittssumme.

Nach den Ergebnissen der jetzt veröffentlichten GfK-Erhebung stehen den europäischen Verbrauchern für das Jahr 2008 aus den Haushalts-Nettoeinkommen insgesamt rund acht Billionen Euro für Konsumausgaben zur Verfügung. Staatliche Leistungen wie Arbeitslosengeld, Kindergeld oder Renten seien inbegriffen, heißt es. Für die Studie hat die Gesellschaft 41 europäische Länder untersucht.

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Spitzengruppe der ersten Drei unverändert: Liechtenstein führt das Kaufkraft-Ranking weiter vor Luxemburg und der Schweiz an. Unter den Top Ten zählen Island und Großbritannien laut GfK zu den Absteigern. Lag das kaum mehr als 300.000 Einwohner zählende Island im Jahr 2007 noch auf Rang vier, rutscht es in diesem Jahr auf Platz sieben ab.

Großbritannien fiel von Rang acht auf den elften Platz ab und ist damit nicht mehr unter den Top Ten vertreten. "Die Veränderungen bei Großbritannien und Island sind allerdings maßgeblich währungsbedingt", schreibt die GfK.

Norwegen wiederum habe von gegenläufigen Währungseffekten profitieren können. Der Aufstieg des skandinavischen Landes um einen Rang auf Platz vier hinge auch damit zusammen, dass sich die norwegische Krone zum Euro positiv entwickelt habe. Da die GfK die Kaufkraft in Euro ausweist, bedeute also eine sinkende Kaufkraft in Euro nicht zwingend, dass die Einwohner in dem betroffenen Land auch tatsächlich "ärmer" geworden sind.

Die Menschen in Moldawien dürfte dieser Hinweis vermutlich wenig trösten, ebenso wenig wie die statistische Erkenntnis, dass die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen in der Rangfolge weiter nach oben geklettert sind und sich die Kaufkraft in den Ländern Osteuropas überhaupt stärker nach oben entwickelt hat als in Westeuropa. Dabei liegen die absoluten Werte in diesen aufstrebenden Regionen Europas aber noch weit unter dem Westniveau.

Für international agierende Unternehmen aber, schreiben die Konsumforscher, hätten die Zahlen mit Blick auf ihre geschäftspolitischen Entscheidungen durchaus eine wichtige Bedeutung. Bräuchten sie doch möglichst genaue Vorhersagen, wieviel Geld in den einzelnen Ländern zur Verfügung steht.

Wenn dem so ist, sollten diese Unternehmen vielleicht einmal einen Blick auf Deutschland werfen. Man selbst mag es kaum glauben: Trotz jahrelanger Reallohnverluste haben es die Einwohner hier zu Lande in Sachen Kaufkraft aber unter die Top Ten in Europa geschafft.

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