US-Autos Sponsored by Uncle Sam

Die Lage von General Motors, Ford und Chrysler ist so verzweifelt, dass sie kein Geld haben, um spritsparende Modelle zu entwickeln. Deshalb wollen sie die Regierung dazu bringen, für Kredite bis 50 Milliarden Dollar zu bürgen. Ihre Chancen stehen nicht schlecht. Denn was den Banken recht ist, ist den Autoherstellern billig.

Hamburg - "Sollte Gott nicht eines Tages doch noch Hollywood zerstören, dann schuldet er Sodom und Gomorrha eine Entschuldigung." Der US-Fernsehstar Jay Leno nimmt die Dinge nicht bierernst. Millionen von Zuschauern kennen sein loses Mundwerk aus der "Tonight Show".

Da überrascht es eher, dass er in der neuesten Ausgabe des Technologiemagazins "Wired" in seine Glaskugel blickt und der amerikanischen Autoindustrie einen ernst gemeinten Rat gibt. Bisher hatte er nicht als automobiler Augur von sich reden gemacht, allenfalls als Sammler von Oldtimern und durch eine PR-Aktion für die Wasserstofftechnik von BMW .

Die US-Autobauer, so sein Rat, sollten sich wieder um alle Modellklassen kümmern. Sie bauten die besten Transporter und Geländewagen der Welt, und bei Sportwagen könnten sie sich locker mit Porsche und Co. messen. Inzwischen hätten sie aber den Kontakt zu den Kunden verloren. Die Qualität sei schlecht, und heute seien eher europäische Autogrößen gefragt. Da müssten seine Landsleute endlich etwas bieten.

Der Hinweis ist so naheliegend, dass man irgendwie noch eine Pointe erwartet. Die kommt aber nicht. Auch so wird es den US-Autokonzernen ohnehin schwerfallen, Lenos Rat zu befolgen. An Erkenntnis mangelt es wohl nicht. In der Tat fehlen Modelle, die Ressourcen schonend fahren und so auch den Geldbeutel der Käufer entlasten.

Aber nachdem General Motors (GM) , Ford  und Chrysler sich inzwischen schon gegen Gerüchte wehren müssen, ihnen drohe die Zahlungsunfähigkeit, fehlen auch die Gelder, um schnell mit der ausländischen Konkurrenz gleichzuziehen. Ford und GM zusammen haben im zweiten Quartal einen Verlust von 24,1 Milliarden Dollar eingefahren. Alle drei Hersteller wurden inzwischen von der Ratingagentur Standard & Poor's heruntergestuft, was Kredite weiter verteuert. Die großen Drei von Detroit, sie gelten heute als Ramschpapiere.

25 Milliarden sind nicht genug

So verzweifelt ist die Lage, dass sich die Hersteller um staatliche Kreditgarantien bemühen. Nach übereinstimmenden Medienberichten, unter anderem vom "Wall Street Journal" und Bloomberg, wollen sie, dass Washington für nicht weniger als 50 Milliarden Dollar geradesteht. Ein GM-Sprecher bestätigte, dass diverse Entwicklungsprojekte auf der Kippe stünden, weil die Kapitalbeschaffung schwerfalle.

Was in Deutschland ein ordnungspolitischer Frevel wäre, wird in den USA mit großem Ernst diskutiert. Bereits im vergangenen Jahr beschloss der Kongress ein Energiegesetz, das Kreditgarantien für die heimische Autoindustrie vorsah. Die lagen allerdings nur bei etwa der Hälfte, sprich 25 Milliarden Dollar.

Da es sich eben um ein Energiegesetz handelte, sollte mit dem Geld gezielt die Entwicklung umweltfreundlicherer Autos angeschoben werden. Doch die Bush-Regierung, die im letzten Jahr ihrer Amtszeit nicht eben durch übertriebenen Eifer auffällt und schon früher ökologische Programme ablehnte, ist trotz der Ermächtigung des Kongresses nicht aktiv geworden.

Inzwischen hat die Autoindustrie offenbar ihre Lobbyhebel in Bewegung gesetzt, um noch mehr Geld herauszuschlagen. Auf die Bush-Administration kann sie dabei kaum setzen. Aber die Präsidentschaftskandidaten müssen sich derzeit zu allen denkbaren Teilbereichen amerikanischer Politik positionieren.

So hat sich Barack Obama, der Kandidat der Demokraten, recht früh für die Finanzspritze ausgesprochen. Die Gründe sind offensichtlich: Die Automobilindustrie ist ein personalintensives Geschäft, es stehen viele Jobs auf dem Spiel. Bereits vor Jahren zeichnete sich ab, dass die Modellpolitik nicht mehr zeitgemäß ist. Nur mit beispiellosen Rabattschlachten ließen sich die Verkaufsziele noch halten. Die Kreditkrise sowie gleichzeitig steigende Öl- und Rohstoffpreise befeuerten die Probleme. Die Konsequenzen sind drastisch. Allein General Motors will im Lauf der kommenden Monate 74.000 Stellen in den USA streichen.

Nicht nur die Sorge um die zahlreichen Fabrikarbeiter dürfte Obama umtreiben. Michigan und Ohio zählen zu den wahlentscheidenden Bundesstaaten. Ihre Industrie ist stark von großen Autozulieferern geprägt.

Geschenk an die Aktionäre

Da verwundert es kaum, dass auch der republikanische Kandidat John McCain gegenüber den Autobauern einlenkt. Zunächst hatte er sich in der Frage staatlicher Hilfen noch gegen Obama positioniert, im Einklang mit seinem Parteigenossen, Präsident Bush.

Inzwischen plädiert aber auch McCain für ein Hilfsprogramm. Mit einer bestechenden Argumentationslinie: Die Regierung hat in der Finanzkrise den großen Banken unter die Arme gegriffen - wie könnte sie es den Autoherstellern verwehren?

Dennoch wird die Debatte in den USA sehr kritisch geführt. Die günstigeren Kredite mit staatlicher Absicherung, so rechnen Branchenexperten vor, könnten bereits zu einem Zinssatz von 4,5 Prozent zu haben sein. Damit würden die Unternehmen beim Zinsendienst bis zu fünf Milliarden Dollar jährlich sparen.

Das kann man als Investition in den Industriestandort USA verstehen, aber genauso gut als Geschenk an die Aktionäre und Vorstände dieser Unternehmen. Deren laufende Projekte wären billiger umzusetzen. Viele Kommentatoren fragen, was der Staat damit zu schaffen hat.

Das Beratungsunternehmen Global Insight hält dem die Kosten für die Allgemeinheit entgegen, wenn einer dieser Konzerne tatsächlich in die Pleite steuert: Von der Arbeitslosigkeit über Steuerausfälle bis hin zur sozialen Versteppung ganzer Landstriche.

Eine Vision, die nicht nur Wahlkämpfer, sondern auch den Kongress ausreichend schrecken könnte.

Die Chancen stehen daher gut für die US-Autoriesen, mit ihrem Anliegen erfolgreich zu sein. Und für Jay Leno, dass in seiner Heimat bald wieder Autos gebaut werden, für die sich die Kundschaft interessiert. Sponsored by Uncle Sam.

Autobranche: Misstöne im Streichkonzert

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