Nobelpreisträger Die Muhammad-Yunus-Show

Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus hat das Lindauer Ökonomentreffen beherrscht. Dabei berichtete er über Wirtschaft ohne Geldverdienen. Seiner Popstar-Aura hatte nur ein Starökonom etwas entgegenzusetzen - auch wenn er seinen Zuhörern nicht so ein wohliges Gefühl vermittelte.
Von Karsten Stumm

Lindau im Bodensee - Seine Fanmeile hat das gesamte Konferenzgelände belegt. Die "Inselhalle" in Lindau, in der sich in den vergangenen Tagen 15 Nobelpreisträger mit 300 Jungökonomen trafen. Sie erstreckte sich über die Restaurants, in denen er abends zum Dinner zu Gast war - und man deshalb nur noch trickreich einen Platz fand. Bei ihm, an seinem Tisch. Und nahm auch Lindaus Stadtkino ein, in das seine Vorlesung aus der Inselhalle hin übertragen werden musste. Zu groß war die Masse der Menschen, die Muhammad Yunus zuhören wollten. Public Viewing in Lindau.

Der Friedensnobelpreisträger avancierte zum Star jener Nachwuchsforscher, die lernen, was Yunus voller Leidenschaft bekämpft. Professionelles Banking beispielsweise, um Profit einzustreichen. Yunus würde das nie machen. Deshalb ist er für viele Wirtschaftsforscher so etwas wie ein lebendiges Faszinosum.

Yunus hat einen anderen Plan, und den arbeitet er ab. Er organisiert Minikredite für die Ärmsten in Bangladesh, damit die sich selbst aus ihrer Lage befreien können. Seit Jahrzehnten. Millionenfach. Deshalb hat er den Friedensnobelpreis bekommen. Vielleicht auch darum, weil seine Organisation, die Grameen Bank, nicht mal viel an ihren Krediten verdient. "Wir bereichern uns nicht auf Kosten der Armen, auch wenn wir sie aus der Armut befreien", sagt Yunus beim Dinner.

Als er auf die Bühne im großen Saal der Lindauer Festhalle tritt, brandet Applaus auf. Er spürt, dass ihn die Menschen sehen wollen. Er ist das gewohnt, denn als Friedensnobelpreisträger gehört er zu den Guten. Sein Name steht in einer Reihe mit denen Martin Luther Kings, Nelson Mandelas und der Mutter Teresa, und so macht er es, wie er es immer macht in solchen Fällen: Er steht eine Zeit lang still da, lächelnd, die Scheinwerfer nur auf ihn gerichtet. "Das reicht als Nobelpreisträger", sagt er später. "Früher habe ich laut gerufen, und niemand wollte mich verstehen. Heute kann ich flüstern und jeder hört die Botschaft."

Nur die Ärmsten sind kreditwürdig

Er weiß, dass er heute auch ein bisschen zur anregenden Unterhaltung der Nachwuchsökonomen auf der Lindauer Bühne steht. Weil er macht, was nach ihren Modellen nicht funktionieren kann. "Es ist gut auf einem Foto neben ihm zu stehen", sagt ein junger Australier nach Yunus' Auftritt. Er promoviert gerade über die internationale Finanzkrise.

Yunus hat sich nicht an die gängige Kleiderordnung gehalten. Er trägt den Koti, eine traditionelle Tracht seiner Heimat, keinen Business-Anzug wie seine Zuhörer. Das muss er auch nicht. Er ist anders als sie. "Das Geschäftsmodell unserer Grameen Bank sieht vor, dass wir Kredite an Menschen nicht nur schlechter, sondern sogar sehr schlechter Bonität vergeben. Wir schauen, ob die Leute überhaupt nichts haben, keine Möbel, kein dichtes Dach, nur dann bekommen sie einen Kredit", sagt er dann. Yunus lächelt dabei das entspannte Lächeln eines Bankers, der gerade einen guten Deal gemacht hat.

Yunus spricht frei, er braucht kein Manuskript, denn er redet über Social Business, wie er es nennt. Das ist sein Leben, das kennt er auswendig.

"Wenn Sie so wollen, vergeben wir Sub-Sub-Subprime-Kredite, aber unsere Ausfallrate ist minimal. Gut 97 Prozent der Darlehen werden zurückgezahlt. So stehen wir besser da als die US-Hypothekenbanken, die sich mit ihrem Modell der Kreditvergabe jetzt in eine Finanzkrise hineinmanövriert haben", sagt Yunus. Der Saal bebt. Im Public-Viewing-Kino sollen Leute applaudierend aufgesprungen sein, hört man später.

Vielleicht ist der 68-Jährige, der einst selbst als Professor an der Universität von Chittagong Ökonomie lehrte, der einzige Ökonom der Gegenwart, der neben Joseph Stiglitz die Kölnarena füllen könnte. Stiglitz ist auch ein guter Redner, und so hat auch er die Tagung in Lindau geprägt.

Steuerzahler als Notanker der Banken

"Die Banker haben total versagt. Sie haben die aktuelle Finanzkrise selbst heraufbeschworen, weil sie ihr eigenes Geschäft nicht verstanden haben. Weil sie sehr, sehr schlechte Risikoanalysen zu dessen Grundlage gemacht haben", sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2001.

Stiglitz ist ein freundlicher Mann, doch er macht keine Kompromisse mehr, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Vor zwei Jahren sagte er seine Teilnahme an der damaligen Lindauer Konferenz wenige Minuten vor dem geplanten Abflug dorthin ab. Erst vom Flughafen in New York aus. Die Sicherheitskräfte dort wollten ihm seinen Laptop abnehmen als er eincheckte. Den aber wollte er um keinen Preis als Gepäckstück aufgeben. Dieses mal hat er das Problem anders gelöst, und so traf er in Lindau auch einen der ältesten lebenden Wirtschaftsnobelpreisträger, seinen Doktorvater Robert Solow. In den vergangenen Jahen waren sie durchaus nicht immer einer Meinung. Aber über die aktuelle Finanzkrise sind sie es.

"Mir scheint, dass eine der grundlegenden Ursachen der aktuellen Finanzkrise die Banken selbst sind", sagte der 84-Jährige. "Das Finanzsystem hat es verstanden, sehr komplizierte und riskante Geschäfte zu entwickeln. Es hat begonnen, Risiken zu verursachen, anstelle die Finanzierungsrisiken der Wirtschaft mit ihren Produkten im Griff zu behalten, was eigentlich ihre Aufgabe wäre."

Bankierssohn Daniel McFadden erzählte Solow bei Tisch, sein Vater habe "das finanzielle Wohl seiner Kunden so im Auge gehabt, wie ein Arzt die Gesundheit seiner Patienten. Ich glaube, das ist heute anders", sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2000; er lehrt an der Berkeley-Universität in Kalifornien. "Ich fürchte, dass die Steuerzahler nach dieser Krise sich bereits darauf vorbereiten sollten, in der nächsten, die kommt, wieder einen Teil der Rechnung bezahlen zu müssen", warnte Stiglitz schließlich.

Das allerdings wäre gut angelegtes Geld, fand Myron Scholes. Die Milliarden, die Amerikas Kongress derzeit auf Kosten der Steuerzahler zur Rettung Banken freigebe, schmerzten zwar kurzfristig. Auch in Deutschland müssen die Bürger für ihre Banker geradestehen. Der Bund hat allein in diesem Jahr Milliarden Euro für die IKB ausgegeben. Auch diese deutsche Mittelstandsbank war in der Finanzkrise ins Straucheln geraten. Langfristig, glaubt Scholes, brächten die Milliardenausgaben der Steuerzahler aber auch etwas. "Das ist meiner Meinung nach ein Lern- und Innovationsprozess", sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1997.

Die Fehlspekulation des Nobelpreisträgers

Scholes hatte unter all den ausgezeichneten Denkern in Lindau wohl die ungewöhnlichste Praxiserfahrung im Bankengeschäft. Er hatte einst den Hedgefonds LTCM mitgegründet, und dieser Name hat einen seltsamen Klang in der Finanzbranche. Seine Spekulationen liefen 1998 schief, mitten in Russlands Währungskrise. Da war Scholes gerade frischgebackener Nobelpreisträger, ausgezeichnet für sein Modell zur Bewertung von Finanzderivaten, das LTCM als Geschäftsgrundlage diente.

Ende September 1998 musste Amerikas Zentralbank schließlich Scholes' Long-Term-Capital-Management-Fund retten, in Absprache mit führenden Großbanken. Der damalige US-Notenbankpräsident Alan Greenspan senkte sogar notgedrungen Amerikas Leitzinsen.

"Die Banken haben in den vergangenen Jahren aber auch erhebliches zur Wohlfahrt der Welt beigesteuert", verteidigte Scholes die Geldbranche in den vergangenen Tagen weiter. Finanztransaktionen und das Sparen beispielsweise seien viel einfacher und effizienter geworden. "Zu starke Regulierung der Banken würde vielleicht auch solche Innovationen abwürgen", sagte Scholes.

Einer solchen Begrenzung der Bankenmacht räumte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ohnehin keine großen Chancen ein. "Jede Form der Regulierung muss damit klarkommen, dass die Finanzmärkte heute enorm globalisiert und dezentralisiert seien. Das Verhalten von Millionen von Investoren rund um den Erdball durch Regulierungen zu steuern, ist eine äußerst schwierige Angelegenheit", sagte der Vorstandschef der bedeutendsten deutschen Bank.

"Mit Myron Scholes würde ich wirklich gern noch einmal diskutieren", entgegnete Bankenkritiker Stiglitz am letzten Abend der Lindauer Tagung. "Ohne Druck haben Banker selten etwas gelernt. Und man muss wohl nicht vor Überregulierung warnen, wenn man noch nicht mal den Status einer funktionierenden Regulierung erreicht hat."

15 Nobelpreisträger: Ökonomentreffen in Lindau

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.