Conti/Schaeffler Wie Schaeffler Conti-Aktien wieder loswird

Am Markt herrscht Unsicherheit, ob Schaeffler tatsächlich für alle angedienten Conti-Aktien 75 Euro zahlen wird - schließlich soll die Beteiligung auf höchstens 49,9 Prozent beschränkt werden. Doch Schaeffler dürfte Anleger in Kürze beruhigen - eventuell überzählige Aktien werden an Banken weitergereicht.

Hamburg - Die Entscheidung fiel in der Nacht. Am Donnerstag um 1:21 Uhr gab Conti  eine Ad-hoc-Mitteilung heraus, genau zehn Minuten später die nächste. Man sei sich über den Einstieg Schaefflers einig geworden, hieß es in der ersten. Conti-Vorstand Manfred Wennemer bittet um seinen Ausstieg, besagte die zweite.

Wenig später teilte Schaeffler mit, die Gruppe habe mit Continental eine Investorenvereinbarung geschlossen. Der Vereinbarung zufolge bessert Schaeffler seine Offerte von bisher 70,12 Euro um 7 Prozent auf 75 Euro je Aktie auf - damit wird der gesamte Conti-Konzern mit rund zwölf Milliarden Euro bewertet.

Die Aktionäre haben unverändert bis zum Ablauf der "weiteren Annahmefrist" am 16. September Gelegenheit, das Angebot anzunehmen, heißt es in der Mitteilung. Nach Absprache mit der Bafin muss Schaeffler nicht einmal die bereits veröffentlichten Angebotsunterlagen ändern.

Kurs bleibt deutlich unter 75-Euro-Angebot

So weit, so gut. Allein die Börse schien der Investorenvereinbarung nicht zu trauen: Der Aktienkurs von Continental  fiel am Donnerstagmittag wieder unter die Marke von 74 Euro, nachdem er zunächst deutlich zugelegt hatte.

Der Logik folgend müsste die Conti-Aktie eigentlich bei knapp 75 Euro notieren, denn dies ist der Preis, den Schaeffler offenbar bis zum 16. September in bar für jede angediente Conti-Aktie zahlen will - ohne dass für den Conti-Aktionär dabei Kosten oder Gebühren anfallen, wie es auf der Schaeffler-Homepage heißt.

Die Spesen der depotführenden Banken würden über eine gesonderte Ausgleichszahlung durch Schaeffler beglichen. Wer also jetzt Conti-Aktien für 73,80 Euro kauft, bekommt für diese in rund vier Wochen 75 Euro in bar, ohne Abzug weiterer Gebühren. Börsianer blieben dennoch zurückhaltend.

Der Grund dafür liegt in einem weiteren Detail der Investorenvereinbarung. Die Schaeffler-Gruppe hat zugesagt, ihr Engagement bei Continental innerhalb der nächsten vier Jahre auf eine Minderheitsbeteiligung von bis zu 49,9 Prozent zu beschränken. Schaeffler hält bereits rund 8 Prozent an dem Autozulieferer und hat kein Interesse daran, mehr als weitere 41,9 Prozent bei sich zu versammeln.

Bleiben Anleger auf ihren Aktien sitzen?

Bleiben Anleger auf ihren Aktien sitzen?

Was also passiert, wenn freie Aktionäre der Schaeffler-Gruppe nun mehr Aktien anbieten, als Schaeffler für seine Beteiligung von maximal 49,9 Prozent benötigt? Ist garantiert, dass alle Aktionäre, die Schaeffler ihre Aktien anbieten, dafür auch 75 Euro in bar bekommen?

In Finanzkreisen kursieren verschiedene Optionen. Möglicherweise könnte Schaeffler das Angebot "reportieren" und nur einen Teil der angedienten Aktien annehmen, begründete ein Analyst die Zurückhaltung der Börsianer. Sprich: Wer Schaeffler 1000 Conti-Aktien für 75 Euro je Aktie anbieten will, werde möglicherweise nur 500 Aktien bei Schaeffler los.

Diese Variante würde für Conti-Aktionäre erhebliche Risiken bergen: Denn sollte bekannt werden, dass viel mehr Aktionäre Schaeffler ihre Aktien andienen haben, als Schaeffler tatsächlich annimmt, sprechen Börsianer von einem technischen "stock overhang". Das Risiko, dass die Conti-Aktie nach Ablauf der Angebotsfrist am 16. September deutlich fällt, wäre groß. "Viele Aktionäre wollen dieses Risiko nicht eingehen und verkaufen ihre Aktien lieber jetzt gleich an der Börse", sagt der Analyst, der nicht genannt werden will.

"Jeder Aktionär bekommt 75 Euro in bar"

Doch diese Sorge dürfte Schaeffler in Kürze den Aktionären nehmen. Alles läuft darauf hinaus, dass Schaeffler jedem Aktionär, der seine Aktien fristgerecht anbietet, 75 Euro in bar je Aktie zahlen wird. Dies bestätigte eine mit der Transaktion vertraute Person am Donnerstag manager-magazin.de.

Demnach werde Schaeffler zunächst alle angebotenen Aktien zu 75 Euro annehmen und den Anteil, der die Schwelle von 49,9 Prozent übersteigt, wieder an Finanzinstitute weiterveräußern. Diese würden sich verpflichten, die Conti-Aktien innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren "marktschonend" wieder zu verkaufen, Schaeffler aber zusichern, dass die Aktien nicht unter einem Preis von 75 Euro verkauft werden, solange Schaeffler dem nicht zustimmt. "Wenn Schaeffler ein Angebot von 75 Euro pro Conti-Aktie unterbreitet, wird dies auch für alle Aktionäre gelten", hieß es in Finanzkreisen.

Kreditrahmen reicht locker aus

Kreditrahmen reicht aus

Dass Schaeffler die Übernahme von Conti finanziell stemmen kann, gilt unterdessen als sicher. Denn wer Aktionären ein Übernahmeangebot macht, muss für den teuerstmöglichen Fall, also sogar eine Komplettübernahme von Conti, gerüstet sein.

Deshalb hatte Schaeffler bereits vor Wochen die Royal Bank of Scotland (RBS)  mit der Finanzierung beauftragt. Diese garantiert, dass Schaeffler im Ernstfall geschätzte 16 Milliarden Euro zur Verfügung stehen.

Dazu hat die RBS ein Konsortium mit weiteren Banken geschlossen, die einen Beitrag zur Finanzierung dieser Summe fest zugesagt haben. Neben der RBS gehören die Dresdner Bank, die Commerzbank , die Landesbank Baden-Württemberg, Merrill Lynch , die UBS  und Unicredit zu dem Konsortium. Selbst wenn Schaeffler 100 Prozent der Conti-Aktien zu einem Preis von je 75 Euro übernähme, würden dafür nach Berechnungen von Reuters nur rund zwölf Milliarden Euro fällig.

Schaeffler braucht zunächst nur sechs Milliarden Euro

Eine Komplettübernahme ist zu diesem Zeitpunkt jedoch unwahrscheinlich. Sie widerspräche nicht nur der Aussage in der geschlossenen Investorenvereinbarung, sondern würde für Schaeffler auch zusätzliche Kosten bedeuten. Bei einer Übernahme von mehr als 50 Prozent müsste Schaeffler Conti komplett in der eigenen Bilanz konsolidieren. Außerdem müssten möglicherweise die Kredite, die Conti zur Übernahme des Autozulieferers VDO eingegangen ist, neu verhandelt werden, die Zinsbelastungen dürften dann steigen.

"Schaeffler wird also zunächst nicht mehr als knapp die Hälfte von Conti übernehmen - dies wird das Familienunternehmen dann rund sechs Milliarden Euro kosten", hieß es aus Finanzkreisen. Dies sei zwar immer noch eine Menge Geld für ein Unternehmen mit knapp neun Milliarden Euro Jahresumsatz. Doch da Schaeffler margenstark ist und allein das Privatvermögen der Familie Schaeffler auf mehr als fünf Milliarden Euro taxiert wird, sei ein Kredit in dieser Größenordung kein Problem.

Conti-Aktionäre können also damit rechnen, dass der Preis von 75 Euro je Aktie trotz der Beschränkung auf eine Minderheitsbeteiligung tatsächlich gilt. Ob Schaeffler sich auf lange Sicht mit einer Minderheitsbeteiligung zufrieden geben wird, gilt jedoch als unwahrscheinlich.

Beispiel Porsche - David schluckt Goliath

Beispiel Porsche: David schluckt Goliath

Dass sich ein Familienunternehmen dann auf lange Sicht einen Dax-Konzern einverleibt, dessen Wert weit über dem Jahresumsatz der Schaeffler-Gruppe liegt, ist ein mutiges Unterfangen, wurde aber bereits vorgemacht.

In der Autobranche gibt Porsche bereits das Maß vor. Rechnerisch bewerteten die Stuttgarter mit ihrem Übernahmeangebot vom März 2007 den Volkswagen-Konzern mit rund 36,3 Milliarden Euro - Porsche selbst setzte im Geschäftsjahr 2006/07 nur 7,4 Milliarden Euro um.

Zum Zeitpunkt des Angebots hatte Porsche allerdings bereits mehr als 30 Prozent der VW-Stimmrechte sicher und machte das Angebot nur pro forma, um für eine weitere Erhöhung freie Hand zu haben. Der Börsenkurs hatte die gebotenen rund 100 Euro je Aktie längst überholt, daher machte kaum ein VW-Aktionär von dem Porsche-Angebot Gebrauch.

Auch Conti stemmte hohe Schulden

Auch Continental selbst hat das Schuldenspiel bereits vorgemacht: Im vergangenen Jahr übernahm der Konzern von Siemens den Autozulieferer VDO für 11,4 Milliarden Euro. Die Nettoverschuldung des Konzerns aus Hannover verzehnfachte sich im Geschäftsjahr 2007 beinahe auf rund 10,8 Milliarden Euro.

Schaeffler hat Erfahrung mit feindlichen Übernahmen. Der Kauf des Schweinfurter Wälzlagerherstellers FAG Kugelfischer im Jahr 2002 war die erste erfolgreiche Attacke dieser Art, die von einem deutschen Familienunternehmen geführt wurde.

Mit dem Deal verlagert sich die Macht in der deutschen Wirtschaft weiter nach Süden. Mit Continental und Volkswagen werden die beiden großen Dax-Konzerne mit Sitz in Norddeutschland künftig von süddeutschen Familienunternehmen kontrolliert. Der Hannoveraner Reisekonzern Tui muss aller Voraussicht nach im September den deutschen Leitindex verlassen, weil die Marktkapitalisierung und der Börsenumsatz deutlich unter der erforderlichen Schwelle liegen, um noch zu den 30 Großen zu gehören..

Conti-Übernahmekampf: Die Chronik

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