Nobelpreisträger "Das ganze Bankensystem reformieren"

In abgeschiedener Idylle am Bodensee beraten ab heute 15 Nobelpreisträger mit 300 Nachwuchsökonomen. manager-magazin.de ist exklusiv dabei. Ehrengast Josef Ackermann von der Deutschen Bank muss einiges aushalten. Mitten in der Finanzkrise rechnen die Forscher schonungslos mit den Bankern ab.
Von Karsten Stumm

Lindau im Bodensee - Es war exakt 21.18 Uhr gestern Abend, als Edmund Phelps "Wen juckt's?" sagte, sich wegdrehte - und zwei verdutzte Journalisten mit ihrer Frage im Raum zurückließ. Dabei hatten die Reporter doch von ihm wissen wollen, was gerade Hunderttausende Menschen umtreibt: Ob bald eine große Bank wegen dieser Finanzkrise Pleite machen würde, und was dann mit dem Geld der Leute wäre.

Wer, wenn nicht Phelps, hätte ihnen die Frage beantworten sollen? Schließlich hatten ihm die Schweden vor zwei Jahren den Wirtschaftsnobelpreis verliehen. Deswegen war er hier. Doch Phelps lacht nur noch ein kurzes, kaum hörbares Lachen. Er wollte nicht mehr reden. Nicht mehr um diese Zeit.

Phelps ist ein netter Kerl mit kauzigem Humor, und er sagt, dass er wegen der Finanzkrise schon seine Forschung habe umstellen müssen. Das hasst er. Und kaum Urlaub hatte. Jetzt soll dieses Biest, diese Finanzkrise, nicht auch noch seinen Feierabend auffressen, witzelte er, winkte den beiden Journalisten ein letztes Mal zu - und mit ihm ging gestern um 21.18 Uhr auch der Auftakt zu einem der ungewöhnlichsten Ökonomentreffen der Welt langsam zu Ende, das heute so richtig beginnt.

Im beschaulichen Bodensee-Örtchen Lindau treffen ab heute 14 Wirtschaftsnobelpreisträger und ein Friedensnobelpreisträger auf 300 hoffnungsvolle Nachwuchsökonomen aus 58 Staaten. Von der Weltbank, der Europäischen Zentralbank, internationalen Akademien der Ökonomie bis hin zu Max-Planck-Instituten aufwändig ausgewählt unter vielen, vielen Bewerbern. Es könnte keinen besseren Zeitpunkt dafür geben, als sie jetzt hier zu versammeln.

"Es ist noch lange nicht vorbei"

"Es ist noch lange nicht vorbei"

Außerhalb der Universitäten schreiben Banken täglich Milliardensummen ab, die sie vor Monaten in Kreditpapiere investiert hatten, die sich jetzt als heiße Luft enttarnen. Die ihnen nun weltweit niemand mehr zu vernünftigen Preisen abkaufen will und die Banker deshalb zu neuen Wertberichtigungen treiben, immer weiter und weiter. Weltweit angesehene Investmentbanken wie Lehman Brothers  scheinen schon mit dem Rücken zur Wand zu stehen. "Es wird für die Banken schlimmerweise schwieriger und schwieriger, in dieser Lage neues Kapital zu bekommen", sagt Myron Scholes, Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 1997.

"Wir stecken nicht nur deshalb mitten in der zweitschlimmsten Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg", meint Starökonom Phelps dann auch, "und das heißt: Es ist noch lange nicht vorbei." "Nicht zuletzt, weil wir in so etwas wie eine Komplexitätsfalle hineingeraten sind, in der also zu viele Beteiligte mitmischen", sagt Georgetown-Professor Wolfgang Schürer, Vorsitzender des Lindauer Stiftungsvorstands. Wer sind die Beteiligten? Die Banken, sicher. Aber auch der Staat. Und Ratingagenturen, also die Bonitätsschätzer der heißen Kredite. Diese wechselhafte Anatomie der Weltkrise wollen sie hier diskutieren, ganz in Ruhe im Sommeridyll am Bodensee.

Es hätte klappen können, das mit der Ruhe. Das große Festzelt des Nobelpreisträgertreffens steht direkt an Lindaus Seepromenade. Den kleinen Steg hinaus auf den See hat man nach zehn Schritten unter seinen Füßen. Die Abendsonne spiegelt sich von dort ein bisschen ins Rötliche hinein im See. Alles ist friedlich. Aber entspannt, nein, entspannt können die 300 Nachwuchsökonomen auch hier nicht sein.

Zu mächtig ist der Klang der Namen der Nobelpreisträger, denen sie die Hand schütteln dürfen an diesem Abend. Ihrer Idole aus Studienzeiten. Sie fühlen, dass das etwas Besonderes ist. Sie wollen keine Fehler machen. Nicht jetzt. Erschienen sind die Herren Jungforscher am Seeufer dann lieber im Anzug, streng mit Binder. Und die Damen? Im gedeckten Hosenanzug, die kleine Perlenkette um den Hals gelegt, das Weißweingläschen fest umklammert. Alle wie aus Porzellan. So schwankte die Atmosphäre zwischen Abiturball und Weltwirtschaftsgipfel in Davos.

"Das System ist faul"

"Das System ist faul"

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sorgte heute morgen für den Schwenk in Richtung Wirtschaftsgipfel.

"Die Komplexität der Finanzwelt ist derzeit zu hoch", sagte er heute eindringlich zur Tagungseröffnung; er wurde nebenbei in den Ehrensenat der Stiftung Lindauer Nobelpreisträger am Bodensee aufgenommen. Die Finanzmärkte, ergänzte Nobelpreisträger Scholes, hätten sich in eine geradezu vertrackte Lage manövriert. "Über Jahrzehnte haben die Banker immer neue und buntere Produkte entwickelt, die ihre Gewinne schön in die Höhe trieben. Aber sie haben kein einziges Produkt auf den Markt gebracht, das Menschen helfen würde, in Krisen nicht unter der Last ihrer Finanzprobleme zusammenzubrechen", sagte Joseph Stiglitz, der im Jahr 2001 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet worden ist.

Sogar gegen den Widerstand der Finanzgemeinde Amerikas habe die ehemalige US-Regierung um Ex-Präsident Bill Clinton beispielsweise für die Einführung trickreicher Finanzangebote kämpfen müssen, deren Verzinsung sich nach der Inflationsrate richtet. In Phasen hoher Teuerungsraten, die derzeit nahezu in allen großen Volkswirtschaften herrschen, hätten Sparer so immerhin ein Mindestmaß an Sicherheit. Stiglitz zählte seinerzeit zu Clintons Wirtschaftsberatern. "Dieses ganze Bankensystem gehört reformiert", sagte Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. "Das ganze westliche Bankensystem ist nur auf Profit ausgerichtet, und wenn sie mal kein Geld verdienen, soll dafür der Steuerzahler einspringen. Ich ahne: Da ist etwas faul", sagte Yunus.

Geradezu blind seien viele Banker in die aktuelle Krise geschlittert, warf Myron Scholes den Managern der Geldinstitute dann auch vor. "Viele müssen nicht nur lernen, ihre eigenen Risiken besser einzuschätzen, sondern auch zu wissen, was ihre Bankierskollegen zur gleichen Zeit unternehmen, um deren Kreditrisiken im Griff zu behalten." Das muss der Moment gewesen sein, als Nobelpreiskollege Stiglitz auflachte, wie einer, der den Glauben verloren hat.

"Die Banken haben doch in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Fähigkeit bewiesen, ihre Risikoanalysen nur weiter anhand der eigenen Geschäftsbücher zu entwickeln, als seien sie allein in dieser Welt", sagte Stiglitz. "Das genau ist auch der Grund, warum man ihnen eines nie durchgehen lassen darf: Sich angeblich selbst zu regulieren. Sie brauchen Aufsicht."

Es war der Abend, an dem die Fußnoten ihrer Doktorarbeiten lebendig werden würden.

15 Nobelpreisträger: Ökonomentreffen in Lindau

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