Inflation "Der Höhepunkt kommt erst noch"

Sinkende Ölpreise geben Verbrauchern Hoffnung, dass die Inflation ihren Würgegriff lockert und künftig mehr Geld übrig bleibt. Doch Konsumenten müssen sich gedulden, meint HSBC-Volkswirt Stefan Schilbe. Selbst wenn die Teuerung nachlässt, steht Europa bald vor dem nächsten Problem.

mm.de: Die Verbraucherpreise sind im Juli erneut um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Die Inflation in Deutschland ist damit auf dem höchsten Niveau seit 15 Jahren. Müssen wir uns auf weiter steigende Preise einstellen?

Schilbe: Es bestehen gute Chancen, dass die Inflationsrate bis Jahresende etwas herunterkommt. Die stärksten Preistreiber waren im Juli erneut Benzin, Heizöl und Diesel: Der Rohölpreis hatte Mitte Juli mit 147 US-Dollar je Barrel einen Rekord erreicht, und Autofahrer in Deutschland mussten zeitweise rund 1,60 Euro je Liter Benzin zahlen.

In den vergangenen zwei Wochen ist der Ölpreis aber um knapp 15 Prozent gesunken - dieser Rückgang, der sich bereits an den Zapfsäulen bemerkbar macht, ist aber noch nicht in die monatliche Statistik eingeflossen. Sofern sich der Ölpreis beim aktuellen Niveau von rund 125 Dollar je Barrel stabilisiert oder gar weiter zurückkommt, dürften auch die Verbraucherpreise in Deutschland mittelfristig wieder sinken.

mm.de: Ein Rückgang von mehr als 10 Prozent beim Ölpreis ist beachtlich. Werden wir ab August wieder eine Inflationsrate von weniger als 3 Prozent sehen?

Schilbe: Nach meiner Einschätzung haben wir den Höhepunkt der Inflation in Deutschland noch nicht erreicht. Es ist gut möglich, dass wir im August eine Teuerungsrate von 3,5 Prozent oder mehr sehen.

Das liegt daran, dass eine Verteuerung beim Öl erst mit Verzögerung auf weitere Waren und damit auf den durchschnittlichen Warenkorb durchschlägt: Gas und Strom werden auf Grund dieses nachlaufenden Effekts im August wohl noch einmal teurer werden. Das gleiche gilt für Nahrungsmittel, und auch Dienstleistungen etwa aus dem Gaststätten- und Hotelgewerbe dürften sich noch einmal verteuern.

"Wenig Gründe für Stagflation"

mm.de: Aber ab Herbst dürfen Verbraucher endlich mit einer Beruhigung rechnen?

Schilbe: Sofern der Ölpreis nicht erneut anzieht, spricht vieles dafür. In den USA kühlt sich die Wirtschaft derzeit stark ab, und auch in Euroland sind die Frühindikatoren wie Konsumklima oder der Einkaufsmanagerindex alarmierend schwach. Die Nachfrage nach Öl dürfte mit der Abkühlung der Konjunktur also geringer werden.

Das ist die Basis dafür, dass die Energiepreise wieder sinken und auch die Inflation sich wieder abkühlt. Wir rechnen damit, dass die Inflation in Euroland im kommenden Jahr im Durchschnitt auf 2,5 Prozent zurückfallen wird - die Kehrseite dieser erfreulichen Entwicklung ist allerdings, dass sich auch das Wirtschaftswachstum stark abschwächen wird.

mm.de: Skeptiker befürchten, dass trotz wirtschaftlicher Stagnation die Preise weiter steigen werden. Wie groß ist das Risiko einer solchen "Stagflation"?

Schilbe: Ich sehe derzeit wenig Anhaltspunkte für eine Stagflation. Wir haben in Euroland überwiegend fallende Aktienkurse - gleichzeitig besteht das Risiko, dass in einigen Ländern auch die Immobilienpreise zurückgehen. Außerdem sind Banken mit der Vergabe von Krediten vorsichtiger geworden. Drittens haben die Gewerkschaften im Unterschied zu den 70er Jahren kaum noch die Durchschlagskraft, um mit Verweis auf steigende Preise bis zu zweistellige Erhöhungen der Tariflöhne durchzuboxen.

Das Ergebnis all dieser Faktoren ist, dass die Kaufkraft der Verbraucher eher sinkt als steigt. Woher soll also eine durch steigende Nachfrage herbeigeführte Inflation also herkommen?

In den USA ist die Situation noch prekärer: Die Haushalte sind überschuldet, haben keine Rücklagen und leiden unter fallenden Immobilien- und Aktienpreisen. Zudem ächzen die US-Banken unter Milliardenabschreibungen und sind trotz der niedrigen Leitzinsen sehr zurückhaltend mit der Kreditvergabe. Das alles deutet darauf hin, dass der private Konsum mittelfristig schwach bleiben wird. Das Umfeld in den USA und in Europa ist unter diesem Gesichtspunkt also eher deflationär und nicht inflationär.

"Dürfen uns nicht zu früh freuen"

mm.de: Dennoch: Eine hohe Nachfrage der boomenden Schwellenländer nach Rohstoffen und Energie sowie Spekulationen am Markt könnten den Ölpreis weiterhin antreiben. Steigende Energiepreise wirken als "importierte Inflation" auch in den Ländern, deren Konjunkturkurve schon wieder nach unten zeigt.

Schilbe: Niemand kann den Ölpreis verlässlich vorhersagen. Ich halte es allerdings für unwahrscheinlich, dass boomende Schwellenländer wie China ihre zweistelligen Wachstumsraten dauerhaft halten werden. In vielen Schwellenländern ist die Geldpolitik immer noch viel zu expansiv - die Zinsen in Ländern wie China oder Singapur sind trotz hoher Inflation viel zu niedrig und sorgen damit für hohe Nachfrage, auch nach Rohstoffen. Aber auch dort gibt es Abwärtsrisiken. Selbst wenn die Mehrzahl der Schwellenländer stabil bleibt, werden sie eine Abkühlung in den USA und in Europa nicht überkompensieren.

Letztlich wird auch am Ölmarkt der Preis durch Angebot und Nachfrage bestimmt: Wegen der derzeit abkühlenden Nachfrage spricht vieles dafür, dass sich der Ölpreis je Barrel bis Jahresende eher in Richtung 100 Dollar als in Richtung 150 Dollar bewegt. Politische Krisen etwa im Iran oder im Irak können diese Rechnung natürlich auf den Kopf stellen.

mm.de: Wenn eine Abkühlung der Konjunktur bereits das Gespenst der Inflation vertreibt - sollte die Europäische Zentralbank dann nicht eher die Zinsen senken als erhöhen?

Schilbe: Die EZB hält sich weiterhin die Möglichkeit offen, ihrer jüngsten Zinserhöhung auf 4,25 Prozent eine weitere Erhöhung folgen zu lassen. Sie will unbedingt verhindern, dass sich über steigende Inflationserwartungen und höhere Lohnforderungen möglicherweise eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzt. Vor diesem Hintergrund könnte es durchaus noch eine weitere Zinserhöhung in Euroland in diesem Jahr geben. Aber das wäre in der Tat ein gewagter Schritt, da sich das Wirtschaftsklima aktuell bereits abkühlt.

mm.de: Angenommen, die Teuerungsrate in Deutschland fällt 2009 wieder in Richtung der von der EZB angestrebten 2 Prozent zurück: Dann könnten sich die Beschäftigten in Deutschland endlich wieder über Lohnerhöhungen freuen, die nicht sofort durch höhere Preise für Benzin, Energie und Nahrungsmittel wieder aufgefressen werden. Kann ein stark fallender Ölpreis auf diese Weise die Binnenkonjunktur in Deutschland auf Touren bringen?

Schilbe: Ich wäre da nicht allzu optimistisch. Eine fallende Inflation wird voraussichtlich mit einer deutlichen wirtschaftlichen Abkühlung einhergehen. In einigen EU-Ländern wie Spanien sehen wir bereits wieder steigende Arbeitslosenzahlen. Das bedeutet, dass auch die Löhne wieder unter Druck geraten dürften. Wir sollten uns also nicht zu früh freuen: Wir sind 2009 möglicherweise die Inflationssorgen los, aber gleichzeitig wieder mitten in einem zyklischen Abschwung.

Teuerung: Inflation bleibt auf 15-Jahres-Hoch

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