Siemens vs. Pierer Die Schlammschlacht ist eröffnet

Es ist ein einmaliger Vorgang in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Siemens bricht offiziell den Stab über seine alte Chefriege um Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld. Der Konzern macht sie und neun weitere Ex-Topmanager für Milliardenschäden durch die Schmiergeldaffäre haftbar. Es droht ein schmutziger Kleinkrieg.

Hamburg - In einer dürren, gerade 18 Zeilen umfassenden Pressemitteilung bricht Siemens  endgültig mit seinen alten Chefs. "Die Siemens AG verlangt Schadensersatz von ehemaligen Mitgliedern des früheren Zentralvorstands", heißt es darin. Und weiter: "Das Unternehmen begründet die Ansprüche mit der Verletzung ihrer Organisations- und Aufsichtspflichten vor dem Hintergrund des Vorwurfs illegaler Geschäftspraktiken und umfangreicher Bestechungen im ausländischen Geschäftsverkehr."

In dieser Form hat noch kein bedeutendes Unternehmen in Deutschland eine ganze Riege ehemaliger Chefs praktisch zu Unpersonen erklärt. Siemens macht sie für den Milliardenschaden verantwortlich, der im Zuge der Korruptionsaffäre für das Unternehmen entstanden ist.

Nach Ansicht des Unternehmens hätten die ehemaligen Vorstände erkennen müssen, dass sich ein System im Konzern ausbreitete, mit dem Siemens auf illegale Weise an Aufträge im Ausland gelangte. 1,3 Milliarden Euro sind auf dubiose Weise von Konten des Konzerns zunächst in schwarze Kassen gelangt, und niemand im Vorstand will es bemerkt haben - daran will die heutige Führung um Peter Löscher nicht mehr glauben.

Penibel korrekt benennt Siemens in alphabetischer Reihenfolge die aus Sicht des Konzerns Schuldigen: "Prof. Johannes Feldmayer, Dr. Thomas Ganswindt, Dr. Klaus Kleinfeld, Prof. Dr. Edward G. Krubasik, Rudi Lamprecht, Heinz-Joachim Neubürger, Prof. Dr. Heinrich v. Pierer, Dr. Jürgen Radomski, Dr. Uriel Sharef und Prof. Dr. Klaus Wucherer."

Zudem will das Unternehmen auch Ex-Zentralvorstand Günter Wilhelm für Zahlungen an die Siemens-freundliche Arbeitnehmerorganisation AUB haftbar machen. Wie aus Unternehmenskreisen verlautete, sollen alle noch laufenden Beraterverträge mit den von schadensersatzforderungen betroffenen Ex-Vorständen gekündigt werden.

Forderungen von bis 20 Millionen Euro

Forderungen von bis 20 Millionen Euro

In Medienberichten war bereits spekuliert worden, dass auch die Forderungen von Siemens jeweils mehrere Millionen Euro betragen könnten. Einen Bericht, wonach Feldmayer mit bis zu 20 Millionen Euro haften soll, wollte ein Konzernsprecher nicht kommentieren. Feldmayer wird gleich doppelt beschuldigt: In der Auslands-Schmiergeldaffäre und im Skandal um Zahlungen an die Siemens-freundliche Gewerkschaft AUB. Allen Betroffenen solle vor Erhebung von Schadensersatzklagen die Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben werden, hieß es.

Nun droht ein schmutziger Kleinkrieg, in dem die Beschuldigten um ihre Ehre kämpfen werden. Ein besonders schmerzhafter Tiefschlag ist die jetzt wohl unvermeidliche Schadensersatzklage für Heinrich "Mr. Siemens" von Pierer, der von 1992 bis 2004 an der Spitze des Unternehmens stand und danach den Aufsichtsrat leitete.

Von Pierer ließ umgehend ankündigen, dass er die angekündigten schadensersatzforderungen des Technologiekonzerns nicht hinnehmen will. "Herr von Pierer nimmt die Entscheidung des Aufsichtsrates mit großer Betroffenheit und mit Bedauern zur Kenntnis", sagte Pierers für Pressefragen zuständiger Anwalt Winfried Seibert am Dienstag in München.

Die Manager planen Gegenmaßnahmen. "Selbstverständlich wird er sich gegen die gegen ihn erhobenen Vorwürfe und Forderungen zur Wehr setzen." Auch auf eine entsprechende schadensersatzklage stellt sich Seibert bereits ein. "Ich sehe gar nicht, dass die daran vorbeikommen", sagte der Anwalt.

Am Wochenende hatten die Beschuldigten schon durchblicken lassen, weshalb sie keinen Grund für die Vorwürfe des Konzerns sehen. Es sei fraglich, ob durch die Schmiergeldzahlungen tatsächlich ein Schaden - oder doch ein Gewinn für den Konzern entstanden sei, argumentierte ein Anwalt gegenüber dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. Schließlich habe Siemens so ja Aufträge erhalten.

Anwaltskosten steigen weiter

Anwaltskosten steigen weiter

Im Konzernumfeld geraten viele angesichts solcher Aussagen in Rage. "Der Schaden, der dem Unternehmen entstanden ist, lässt sich noch nicht einmal vollständig beziffern", sagt ein Insider. "Der Name des Konzerns ist beschädigt worden, die Reputation hat gelitten." Offiziell beziffert Siemens den durch Steuernachzahlungen, Geldbußen und Anwaltskosten entstandenen Schaden auf 1,9 Milliarden Euro.

Auch aus Sicht des Münchener Oberstaatsanwalts Anton Winkler hat die Schmiergeldaffäre Siemens mehr geschadet als genutzt. "Es mag sein, dass durch Korruption Aufträge und Gewinne hereingekommen sind", sagte er gegenüber manager-magazin.de. "Aber die jetzige Siemens-Führung sagt ja selbst, diese hätte man auch ohne Schmiergeld erzielen können." Die durch Korruption vermutlich entstandenen Gewinne würden durch Bußgelder ohnehin abgezogen.

Gegen elf frühere Manager läuft auch ein Bußgeldverfahren der Münchner Staatsanwaltschaft. Diese wirft ihnen eine Verletzung ihrer Aufsichtspflicht vor. Den Topmanagern droht ein Bußgeld bis zu einer Million Euro. Diese Ermittlungen bilden für Siemens zum Teil die Grundlage für zivilrechtliche Ansprüche.

Außerdem steht weiter eine Strafe durch die US-amerikanische Börsenaufsicht SEC aus, Analysten rechnen mit mehreren Milliarden Euro. Siemens rechnet auch mit weiteren Strafzahlungen aus weiteren Ländern.

Allein für Anwälte und Berater hat der Konzern im abgelaufenen Quartal weitere 119 Millionen Euro aufgewendet. Seit Beginn der Affäre steigert sich allein dieser Posten auf inzwischen 770 Millionen Euro. Und ein Ende ist nicht in Sicht, da der Abschlussbericht der ermittelnden US-Kanzlei Debevoise & Plimpton noch nicht vorgelegt wurde.

mit Material von dpa und ap

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