MAN-Historie "Lasst die Wirtschaft in Ruhe!"

In der neuen MAN-Historie wird ein schillerndes Bild des Vorstands Paul Reusch gezeichnet: Der gewiefte Konzernlenker der Weimarer Jahre sah Hitler skeptisch, war aber stramm deutschnational und antidemokratisch. manager-magazin.de präsentiert Auszüge aus dem Buch, in denen es auch um Reuschs Mitschuld an der Nazi-Herrschaft geht.
Von Johannes Bähr

Durch die Übernahmen in den Jahren 1919 bis 1921 hatte sich die Beschäftigtenzahl des GHH-Konzerns (der Vorläuferkonzern der heutigen MAN, Red.) mehr als verdoppelt, von 31.905 (1918/19) auf 74.740 (1920/21).1 Innerhalb der deutschen Montanindustrie war die GHH nach der Rhein-Elbe-Union (Stinnes-Konzern), Krupp, Thyssen und Phoenix die fünftgrößte Gruppe. Von der Konkurrenz unterschied sie sich vor allem durch den außerordentlich hohen Anteil der verarbeitenden Industrie. Ein weiteres Merkmal der Konzernstruktur war das große Gewicht der neuen Tochtergesellschaften gegenüber dem Oberhausener Stammunternehmen. Der Anteil der Oberhausener Betriebe an der Beschäftigtenzahl des Konzerns lag nur noch zwischen 48 Prozent (1924/25) und 57 Prozent (1929/30). Ihrer regionalen Gliederung nach war die GHH-Gruppe im Rheinland und in Süddeutschland stark vertreten, in Mittel- und Ostdeutschland dagegen überhaupt nicht.

Die Holdinggesellschaft des Konzerns, die Gutehoffnungshütte Aktienverein für Bergbau und Hüttenbetrieb (GHH AV), hatte seit Januar 1923 ihren Sitz in Nürnberg, im Gebäude des Eisenwerks Nürnberg vorm. J. Tafel. Unter den großen Unternehmen der Ruhrindustrie war diese Konstruktion ein einzigartiger Fall. Paul Reusch führte die Verlagerung durch, nachdem das Ruhrgebiet Anfang 1923 von französischen und belgischen Truppen besetzt worden war.

Die Konzernholding blieb aber auch nach dem Ende der Ruhrbesetzung in Nürnberg. Möglicherweise sollte damit demonstriert werden, dass die GHH sich im Unterschied zu Krupp oder Hoesch eben nicht mehr nur als ein Ruhrkonzern verstand. […].

Nach wie vor war die GHH ein Familienunternehmen. Die Holdinggesellschaft GHH AV befand sich weiterhin im Besitz der Familie Haniel, die auch 1939 noch 65 Prozent des Aktienkapitals hielt.3 Aus dem operativen Geschäft hielten sich die Haniels – wie schon vor dem Ersten Weltkrieg – heraus. Sie beschränkten sich darauf, ihren Einfluss über den Aufsichtsrat geltend zu machen, den die Familie vollständig dominierte. Zwischen dem Vorstandsvorsitzenden Paul Reusch und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Karl Haniel, der dieses Amt von 1921 bis zu seinem Tod im Jahr 1944 innehatte, bestand ein enges Vertrauensverhältnis.4 Die Abstimmung zwischen beiden verlief in der Regel reibungslos.

Karl Haniel stellte sich auch dann hinter Reusch, wenn der Vorstandsvorsitzende aus dem Kreis der Eigentümerfamilie angegriffen wurde.5 Mit Begehrlichkeiten der Aktionäre musste Reusch nicht rechnen, da die Haniels sich als Eigentümer der GHH nie von kurzfristigen Gewinnerwartungen leiten ließen. So konnte Reusch eine Strategie verfolgen, die auf eine langfristige Absicherung des Unternehmens ausgerichtet war. Innerhalb der Konzernführung war Paul Reusch die unbestrittene Autorität.

GHH zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise

Der "Kommerzienrat" gab die Strategie der GHH vor und verstand es, die so unterschiedlichen Unternehmen des Konzerns auf eine gemeinsame Linie zu bringen. Den GHH-Vorstand ließ Reusch zwischen 1918 und 1920 durch die Berufung von sieben stellvertretenden Mitgliedern erweitern. Sie bildeten eine Führungsreserve für den expandierenden Konzern.

Unter den neuen Vorstandsmitgliedern nahm Hermann Kellermann, der Leiter des Bergbaus der GHH, schon bald eine besondere Rolle ein. Er wurde Reuschs engster Vertrauter im Vorstand und stieg zum zweitwichtigsten Mann in der Konzernführung auf. 1942 wurde er, freilich ungeplant, Reuschs Nachfolger als Vorstandsvorsitzender der GHH AV. Neben Kellermann gehörte der 1924 in den Vorstand berufene Georg Lübsen zum engeren Kreis um Reusch. Zwischen beiden kam es später zu Spannungen, doch blieb Lübsen bis 1947 Vorstandsmitglied der GHH AV wie auch der GHH Oberhausen AG.6

Die GHH zwischen Inflation und Weltwirtschaftskrise

Für Paul Reusch war die Revolution von 1918/19 eine traumatische Erfahrung. Mit dem Kaiserreich brach die Welt zusammen, der er Zeit seines Lebens verhaftet blieb. In dem neuen Staat, der Weimarer Republik, hat Reusch nie mehr gesehen als einen großen Scherbenhaufen. Der Konzernchef hatte im Kaiserreich dem nationalistischen Alldeutschen Verband angehört, war aber politisch nicht besonders aufgefallen. Nach dem "Schock" von 1918/19 trat er noch radikaler als die meisten anderen Ruhrindustriellen für die Wiederherstellung der alten Ordnung ein. Schon bei den Streiks und Unruhen der ersten Nachkriegsmonate fiel Reusch durch scharfe Töne auf. Als im Februar 1919 aufständische Arbeiter in Sterkrade einrückten, forderte er, Militär einzusetzen, und warf der Reichsregierung vor, dass sie mit den "Spartakisten" verhandelte.7 Reusch stellte sich nicht nur gegen solche radikalen Proteste, er war auch gegenüber den Gewerkschaften zu keinen Kompromissen bereit. Das neue kollektive Arbeitsrecht der Weimarer Republik lehnte Reusch ebenso ab wie die Einführung des Achtstundentags und das Betriebsrätegesetz von 1920. Für ihn stand fest, dass der Unternehmer "Herr im Haus" bleiben sollte, wie in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Diese politische Rückwärtsgewandtheit stand in einem eigentümlichen Kontrast zu der vorausschauenden Unternehmensstrategie des Konzernchefs.

Tabelle 1: Beschäftigte der Oberhausener Werksbetriebe/GHH Oberhausen AG nach Produktionsbereichen 1914–1929

30. 6. 1914 30. 6. 1922 30. 6. 1929
Kohlenbergbau 14.988 16.169 14.095
Eisenhütte 2068 2030 2005
Walzwerke 4830 6876 5213
Abt. Sterkrade (Weiterverarbeitung) 3583 6580 4379
Abt. Gelsenkirchen 1161 967 1413
Andere 3558 7689 5788
Insgesamt 30.188 40.314 32.895

1923 brachte die Besetzung des Ruhrgebiets die GHH in Bedrängnis bis hin zu einem weitgehenden Stillstand der Produktion. Damals rückten französische und belgische Truppen in das Ruhrgebiet ein, weil Deutschland nach Ansicht der Siegermächte seinen Reparationsverpflichtungen nicht genügend nachgekommen war. Im Rahmen ihrer Politik der "produktiven Pfänder" ließ die französische Regierung unter Poincaré mit Waffengewalt Kohlen, Stahl, Maschinen und Bahnmaterial als Reparationsgüter abtransportieren. Im Gegenzug ordnete die Reichsregierung den passiven Widerstand im Ruhrgebiet an. Als französisches Militär am 11. Januar 1923 Oberhausen besetzte, wurde der Sitz der GHH innerhalb von zwei Tagen nach Nürnberg verlegt. Die Voraussetzungen dazu waren schon im April 1921 durch einen Vorratsbeschluss der Generalversammlung geschaffen worden, nachdem französische Truppen wenige Wochen vorher Düsseldorf und Duisburg besetzt hatten.8

Ihre Beteiligungen im Ausland gab die GHH im Juli 1923 an die holländische Tochtergesellschaft N.V. Rollo ab, da Reusch glaubte, dass sie als niederländisches Eigentum besser geschützt seien.9 In Oberhausen wurden nach der Besetzung zunächst die Lieferungen der GHH in andere Gebiete des Reichs unterbunden, später dann auch die Transporte zwischen den einzelnen Werksbetrieben. Im Mai 1923 verhaftete die Besatzungsmacht das GHH-Vorstandsmitglied Hermann Kellermann wegen angeblicher Hinterziehung der Kohlensteuer. Er wurde zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt und blieb fast sechs Monate in Haft. Am 1. Juli 1923 rückten französische und belgische Truppen in die Oberhausener Werke ein und zwangen die Arbeiter zum Verlassen der Betriebe.10 Das Reich zahlte den von der Besatzungsmacht ausgesperrten Arbeitern die Löhne fort, was die ohnehin schon galoppierende Inflation weiter anheizte. Ein Kilo Kartoffeln kostete am3. September 1923 schon 92.000 Mark, drei Wochen später dann 1,24 Millionen Mark.11

Aufnahme einer Auslandsanleihe

Durch das Absinken der Reallöhne und die kritische Versorgungslage verarmte ein großer Teil der Bevölkerung des Ruhrgebiets. In Oberhausen stieg die Zahl der Fürsorgeempfänger innerhalb weniger Monate von 11.200 (1. August 1923) auf 75.145 (1. Dezember 1923) an. Die soziale Not entlud sich in Unruhen und Plünderungen.12 Da die Reichsbank mit dem Druck von Banknoten nicht mehr nachkam, gaben damals in Deutschland viele Unternehmen und Gemeinden eigene Geldscheine, so genanntes Notgeld, aus. In der letzten Phase der Inflation wurde in großen Mengen ungedecktes Notgeld in Umlauf gebracht. Die GHH gab Mitte August 1923 ungedecktes Notgeld in Höhe von 750 Trillionen Mark aus, bis Reusch anordnete, nur noch gedecktes Notgeld zu emittieren.13 Am 25. September 1923 beendete eine neue Reichsregierung unter Gustav Stresemann den passiven Widerstand an der Ruhr. Nur so war es möglich, wenige Wochen später eine Stabilisierung der deutschen Währung durchzuführen.

Reusch schloss sich der rechtsnationalen Opposition gegen die Politik Stresemanns an, den er als "Kanzler der Kapitulation" bezeichnete. Aus Protest gegen den Abbruch des passiven Widerstands im Ruhrgebiet trat er aus Stresemanns Partei, der Deutschen Volkspartei (DVP), aus.14 Damals war nicht mehr zu übersehen, dass der Vorstandsvorsitzende der GHH radikalere Positionen vertrat als die meisten anderen Konzernchefs an der Ruhr. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach blieb im Gegensatz zu Reusch weiterhin Mitglied der DVP, obwohl er während der Ruhrbesetzung monatelang inhaftiert worden war.15 Nachdem es durch die Währungsstabilisierung vom November 1923 gelungen war, die Inflation zu beenden, geriet die deutsche Eisen- und Stahlindustrie in eine "Stabilisierungskrise". Ihre Kapazitäten waren nicht mehr ausgelastet.16 Trotzdem stieg die Eisen- und Stahlproduktion in Deutschland zwischen 1924 und 1927 um fast zwei Drittel an. Sie übertraf nun den Vorkriegsstand, obwohl nach dem Ersten Weltkrieg mehrere Reviere abgetrennt worden waren. Diesen Zuwachs konnte der deutsche Markt nicht aufnehmen, und er ließ sich wegen des Kostendrucks auf dem Weltmarkt und der bestehenden Handelshemmnisse auch über den Export nicht absetzen.17 […]

Tabelle 2: Beschäftigte des GHH-Konzerns und Beschäftigte, Gewinn und Produktion der GHH Oberhausen AG 1924/25–1932/3318

Ge-schäfts-jahr GHH-Kon-zernBeschäf-tigte* Gewinne  und Verluste    nach Steuer-bilanz-in RM Divi-dendein % des Grund-kapitals Kohlen-förder-ungin t Roheisen-erzeu-gung in t Rohstahl-erzeu-gung in t
1913/14 30.188# 3.843.711 814.497 818.497
1924/25 67.768 511.289 – 3.809.245 798.146 938.569
1925/26 50.194 –8.230.177 5 3.693.684 650.262 755.723
1926/27 58.801 11.608.747 6 4.229.315 930.490 1.076.750
1927/28 62.462 –5.272.077 7 4.213.521 1.001.524 1.174.361
1928/29 61.029 2.390.152 7 4.142.625 923.805 1.066.340
1929/30 55.456 k.A. 10 3.162.934 852.744 1.003.031
1930/31 43.956 k.A. – 2.331.311 521.477 608.885
1931/32 31.092 –16.762.218 – 2.157.287 312.471 418.061
1932/33 31.406 –12.912.160 – 2.574.783 258.167 338.538
* am Ende des Geschäftsjahres
** im Monatsmittel # GHH AV

Nach Reuschs unternehmerischem Konzept hätten die Absatzprobleme der GHH im Montanbereich durch die verarbeitenden Konzerngesellschaften aufgefangen werden müssen. Den Ausbau der GHH zu einem vertikal gegliederten Konzern hatte er stets mit dem Vorteil der Risikostreuung begründet: "Während einer Hochkonjunktur leidet die Verfeinerungsindustrie nicht unter Knappheit des Materials, und während einer Tiefkonjunktur ist dem Rohstoff der Absatz gesichert, so daß wir uns der augenblicklichen Wirtschaftslage niemals anzupassen brauchen."24 In einer Absatzkrise von der Dimension, wie sie ab 1924 bestand, konnte dieses Kalkül nicht aufgehen, da der Anteil der anderen Konzernunternehmen am Absatz der GHH nur selten bei mehr als 10 Prozent lag.25

Nicht nur die GHH-Montanbetriebe hatten jetzt große unausgelastete Kapazitäten, sondern auch die verarbeitenden Konzerngesellschaften. Die vertikale Struktur der Unternehmensgruppe brachte unter diesen Bedingungen nicht die Vorteile, mit denen Reusch gerechnet hatte. Statt einer Risikostreuung kam es eher zu einer Risikohäufung. Das wichtigste verarbeitende Unternehmen des GHH-Konzerns, die MAN, fuhr Verluste ein und bei der Deutschen Werft musste nach hohen Verlusten in den Jahren 1924 und 1925 sogar das Kapital zusammengelegt werden.26 Schon während der Inflationszeit hatte die GHH ihren neuen Tochtergesellschaften immer wieder mit Krediten aushelfen müssen.27 Die Bezuschussung der Tochterunternehmen setzte sich in den folgenden Jahren fort.

Statt sichere Absatzmöglichkeiten zu bieten, brachten die weiterverarbeitenden Konzerngesellschaften der GHH finanzielle Belastungen ein. Die Steuerbilanzen der GHH Oberhausen AG, bei der damals auch die Verbindlichkeiten der Dachgesellschaft GHH AV bilanziert wurden, wiesen für die Geschäftsjahre 1925/26 und 1927/28 jeweils hohe Verluste aus.28 Die Gewinne, die die GHH Oberhausen AG in ihren veröffentlichten Bilanzen für diese Jahre angab, entsprachen nicht der tatsächlichen Ertragslage des Unternehmens. Trotz des großen Kapitalbedarfs der Konzerngesellschaften konnte die GHH ihr Aktienkapital nicht weiter erhöhen. So blieb als Ausweg nur die damals häufig gewählte Finanzierungsform der Auslandsanleihe. Im Oktober 1925 nahm die GHH in den USA eine 7-prozentige Anleihe über 10 Millionen Dollar auf.29

Der Geheimbund "Ruhrlade"

In der technischen Entwicklung knüpfte die GHH an ihre Erfolge in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg an. Das galt besonders für den Brückenbau des Werks Sterkrade. 1926 errichtete Sterkrade in Rotterdam die größte Hubbrücke der Welt. 1927/29 folgte die Köln-Mülheimer Straßenbrücke über den Rhein. Mit einer Mittelöffnung von 313 Metern war sie damals die am weitesten gespannte Brücke auf dem europäischen Festland.30 Viel bewunderte Brücken baute Sterkrade auch in Skandinavien, auf dem Balkan (Eisenbahnbrücke über die Donau zwischen Belgrad und Pancevo, 1928/31, Straßenbrücke über die Save bei Belgrad, 1930/34) und in Lateinamerika (Brücke über den Rio Dulce in Argentinien, 1924/25).31

Tabelle 3: Umsatz der GHH Oberhausen AG 1924/25–193219

Jahr Umsatz* in RM Anteil Export Anteil Konzernwerke
1924/25 166.459.480 29,0 % 7,7 %
1925/26 161.474.339 31,6 % 6,3 %
1926 190.540.006 33,4 % 8,2 %
1927 206.831.950 28,2 % 11,2 %
1928 219.088.518 30,8 % 9,2 %
1929 213.158.038 37,0 % 9,7 %
1930 141.988.750 41,0 % 9,7 %
1931 110.290.628 45,6 % 8,1 %
1932 76.092.628 29,8 % 10,7 %
* Verrechnete Lieferungen

Die Eingliederung der MAN in den GHH-Konzern wirkte sich auch auf technischem Gebiet aus. So wurde in der neuen Werft Walsum bei Oberhausen 1922 der erste vollelektrifizierte Dieselschlepper für die Rheinschifffahrt gebaut, die "Franz Haniel XXVIII".32 Das Schiff wurde von zwei Dieselmotoren der MAN angetrieben. Zwischen 1927 und 1929 baute das MAN-Werk Gustavsburg in Oberhausen einen 117 Meter hohen "Hochofengasbehälter". Der Gasometer wurde zum Wahrzeichen der Stadt und blieb bis 1988 in Betrieb. Heute wird der "Eiffelturm Oberhausens" für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt.33 Neue Wege ging die GHH bei der Verwertung von Hochofengas.

Nach dem Ersten Weltkrieg gründete das Unternehmen eine eigene Überwachungsstelle für Wärmewirtschaft. Um Energie zu sparen, wurden zunächst die Wärmestellen in den Hüttenbetrieben mit Hochofengas beheizt. Später wurde ein neues Verwertungskonzept entwickelt. Die GHH nutzte ab 1926 die Hochofenschlacke systematisch zur Herstellung von Zement und Pflastersteinen, das Hochofengas zur Erzeugung von Strom und das Kokereigas zur Produktion von Ölen und Teer. Für dieses Recycling entstand 1926 ein eigenes Unternehmen, die AG für Kohleverwertung.

In den folgenden Jahren wurde die AG für Kohleverwertung dann in die Ruhrchemie AG und die Ruhrgas AG aufgegliedert.34 Die schwierige Marktlage der deutschen Montanindustrie führte dazu, dass sich 1926 vier der größten Unternehmen, der Branchenführer Rhein-Elbe-Union und die Konzerne Phoenix, Rheinstahl und Thyssen, zur Vereinigten Stahlwerke AG zusammenschlossen. Der neue "Stahlverein" war der größte Montankonzern Europas.35 Paul Reusch lehnte eine Beteiligung der GHH an diesem Zusammenschluss ab. Auch die Konzerne Hoesch, Klöckner, Krupp und Mannesmann traten nicht in die Vereinigten Stahlwerke ein. Doch Reusch bezog so deutlich wie kein anderer Ruhrindustrieller eine Gegenposition zum Stahlverein.36 Als horizontaler Zusammenschluss von Konzernen einer Branche waren die Vereinigten Stahlwerke schon ihrem Aufbau nach ein Gegenmodell zur vertikal gegliederten GHH-Gruppe. Reusch hielt den "Stahltrust" auch wegen seiner Größe für ineffizienter als die GHH.

Nachdem Reusch im Juli 1924 zum Vorsitzenden des einflussreichen Langnamvereins gewählt worden war und das Amt eines Sprechers der Nordwestlichen Gruppe des Verbandes der deutschen Eisen- und Stahlindustriellen übernommen hatte, besaß er eine Verbandsmacht wie noch kein Vorstandsvorsitzender der GHH vor ihm.45 Einige Jahre später ging Reusch daran, einen exklusiven Club der mächtigsten Ruhrindustriellen zu gründen, der sich im Januar 1928 unter dem ominösen Namen "Ruhrlade" konstituierte. Die Mitglieder der Ruhrlade trafen sich in unregelmäßigen Abständen auf einem ihrer Schlösser oder Landsitze. Die Exklusivität der Runde garantierte Verschwiegenheit und entsprechend offene Gespräche. Neben den drei Gründern Paul Reusch, Fritz Thyssen (Aufsichtsratsvorsitzender der Vereinigten Stahlwerke) und Gustav Krupp von Bohlen und Halbach gehörten diesem Kreis noch neun weitere Generaldirektoren, Vorstände und Aufsichtsratsvorsitzende an, darunter auch Karl Haniel.46

Reusch stellt die Systemfrage

Die Ruhrlade war bald mehr als nur ein Club. Sie agierte auch als Interessenorganisation gegenüber Behörden und Politik sowie als Sammelstelle für Spenden und Zuschüsse. Eine geheime Gegenregierung der Schwerindustrie war sie jedoch – entgegen mancher damaliger wie späterer Mutmaßungen – nicht.47 Als Vorsitzender des Langnamvereins, des Arbeitgeberverbandes Nordwest und der Ruhrlade hatte Paul Reusch, zumindest nach außen hin, nun die Rolle eines Sprechers der rheinisch-westfälischen Schwerindustriellen inne. Mit wenigen Ausnahmen standen diese Industriellen dem Staat von Weimar kritisch bis unversöhnlich gegenüber. Sie machten die Sozialgesetzgebung und die Gewerkschaften für die schwierige Lage ihrer Branche verantwortlich. Arbeitszeitverkürzungen und übermäßige Lohnerhöhungen hätten die deutsche Wirtschaft in eine Krise gestürzt, die nach Ansicht der meisten Schwerindustriellen nur durch eine Änderung des Tarifvertragsprinzips und eine Beseitigung der damals bestehenden staatlichen Zwangsschlichtung überwunden werden konnte.48 Reusch vertrat diese Position noch radikaler als die meisten anderen Ruhrindustriellen. In einem programmatischen Artikel forderte er im Dezember 1926: "Laßt die Wirtschaft doch endlich einmal in Ruhe!"49

Reusch ging es um weit mehr als den üblichen Lobbyismus einer Interessengruppe. Sein Eintreten für die "Freiheit der Wirtschaft" war auch als Kampfansage an das demokratische System der Weimarer Republik gemeint. Er griff den Interventionsstaat von Weimar frontal an, der es eben nicht mehr der Wirtschaft überließ, die Arbeitsverhältnisse nach Gutdünken zu regeln. Bei der Übergabe einer Denkschrift des Reichsverbandes der Deutschen Industrie an den neuen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 29. Dezember 1925 legte Reusch dem früheren kaiserlichen Generalfeldmarschall nahe, verstärkt mit dem Notstandartikel 48 unter Ausschaltung des Parlaments zu regieren.50 Seine politischen Kontakte pflegte Reusch über die 1922 errichtete Verwaltungsstelle Berlin der GHH. Ihr Leiter Martin Blank knüpfte ein dichtes Netz von Verbindungen zu Politikern, Behörden, Medien und Wirtschaftsverbänden in der Hauptstadt. Er holte Informationen aus allen Richtungen ein und wertete sie für seinen Konzernchef aus. Blank, der später als FDP-Abgeordneter dem Deutschen Bundestag angehörte, bewies dabei großes Geschick. Reusch hatte es vor allem ihm zu verdanken, dass er damals als der bestinformierte Industrielle Deutschlands galt.51 Als Sprachrohr für die radikalen Forderungen Reuschs fungierte der Geschäftsführer des Langnamvereins, Max Schlenker.

Zu einer dramatischen Zuspitzung kam es im Ruhreisenstreit vom Herbst 1928, der größten Aussperrung in der Geschichte der Weimarer Republik.52 Ein staatlicher Schlichter hatte damals seinen Schiedsspruch in einem Lohntarifkonflikt der nordwestdeutschen Eisen- und Stahlindustrie vom Reichsarbeitsminister für verbindlich erklären lassen. Der von Reusch geleitete Arbeitgeberverband Arbeit Nordwest (die nordwestdeutsche Gruppe des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller) sperrte anschließend trotzdem rund 213.000 Metallarbeiter aus. Reusch hatte den Aussperrungsbeschluss gegen Bedenken Krupps und Vöglers durchgesetzt. Dass sich Arbeit Nordwest offen über die Autorität des Staates hinwegsetzte, war ein beispielloser Vorgang. Angesichts der Not der ausgesperrten Arbeiter und des volkswirtschaftlichen Schadens wurde der Arbeitgeberverband von allen Seiten heftig angegriffen.

Selbst der Industrie nahe stehende Parteien gingen auf Distanz. Die satirische Wochenzeitschrift "Simplicissimus" titelte mit einer Reusch-Karikatur, unterlegt durch die Parole "Alle Räder stehen still – wenn Mein starker Arm es will".53 Der Druck der Öffentlichkeit und der Politik zwang Reusch schließlich nach mehr als vier Wochen Aussperrung zum Einlenken.54 Reusch gehörte inzwischen zu den prominenten Vertretern der antidemokratischen Sammlungsbewegungen gegen das "System" der Weimarer Republik. Er war einer der Mitbegründer des Bundes zur Erneuerung des Reichs (Luther-Bund), der eine autoritäre Staatsform anstrebte und Konzepte zum Umbau der Verfassung ausarbeitete.55 Eine enge Freundschaft verband Reusch mit dem Schriftsteller und Philosophen Oswald Spengler, der durch sein Buch "Untergang der Abendlandes" zu einer Kultfigur der nationalen Rechten wurde. Beide waren sich bei den Kampagnen gegen die Politik Gustav Stresemanns näher gekommen.56 Befreundet war Reusch auch mit Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht, der sich dann in der Harzburger Front den Nationalsozialisten andiente.

Gleichzeitig stand Reusch aber dem eher gemäßigten Großindustriellen Paul Silverberg nahe, und mit seinem liberalen schwäbischen Landsmann Robert Bosch verband ihn eine jahrzehntelange Freundschaft. Bosch und Reusch hatten nicht nur schwäbische Tugenden gemeinsam. Sie waren sich auch darin einig, dass es – wie Bosch 1919 an Reusch schrieb – "das beste wäre, wenn ein bedeutender Mann aufstünde, der unser Volk aus den gegenwärtigen Stürmen und Wirren herausführen würde".57 Ebenso wie Reusch war Bosch der Ansicht, dass der Staat nicht in die Wirtschaft einzugreifen hatte. Während Bosch dies aber im liberalen Sinn verstand und für eine generelle Begrenzung staatlicher Macht eintrat, wollte Reusch einen starken, autoritären Staat, der die Wirtschaft abschirmte.58

Zwiespältig war auch das Bild, das sich die Öffentlichkeit von Reusch machen konnte. Der "Löwe von Oberhausen" galt als unerbittlicher Kontrahent der Gewerkschaften und Befürworter autoritärer Lösungen. Zugleich machte er aber auch durch großzügige Schenkungen und Stiftungen von sich reden. Besonders viel verdankt ihm das Deutsche Museum, mit dessen Gründer Oskar von Miller Reusch befreundet war und dessen Vorstandsrat er von 1921 bis 1926 leitete.59

Die GHH in der Weltwirtschaftskrise

Die GHH in der Weltwirtschaftskrise

Als mit dem Börsencrash an der Wallstreet im Oktober 1929 die große Weltwirtschaftskrise begann, konnte man auch bei der GHH das Ausmaß dieser Depression zunächst nicht erkennen. Einige Zeit schien es so, als könne der Konzern wegen seiner vertikalen Ausrichtung vergleichsweise glimpflich durch die Krise kommen. Bei den weiterverarbeitenden Unternehmen brach der Umsatz erst später ein als bei den Montanbetrieben. Besonders hart wurde aber die Deutsche Werft getroffen, da der Schiffbau praktisch zusammenbrach. Der Umsatz des Unternehmens ging zwischen 1931 und 1932 um 75 Prozent zurück. Bei der MAN lag der Umsatz im Geschäftsjahr 1931/32 um 46 Prozent unter dem Vorjahrsstand.60

Reuschs Strategie, die GHH durch den vertikalen Konzernaufbau gegen Krisen abzusichern, erwies sich gegen die Schläge der Jahre 1931 und 1932 als wirkungslos. Bei der GHH Oberhausen AG nahm die Rohstahlproduktion zwischen den Geschäftsjahren 1928/29 und 1932/33 um insgesamt 68 Prozent ab, die Roheisenproduktion um 51 Prozent und die Kohlenförderung um 49 Prozent.61 Die Stahlproduktion ging damals bei der GHH stärker zurück als bei den Vereinigten Stahlwerken und ungleich stärker als bei Krupp.62 Nun rächte sich, dass die GHH in ihre Montanbetriebe nicht so viel investiert hatte wie zum Beispiel Krupp, weil die Gelder in die neuen, weiterverarbeitenden Tochtergesellschaften geflossen waren.63 […]

Im gesamten Konzern fielen zwischen Mitte 1929 und Mitte 1932 rund 30.000 Arbeitsplätze weg, das war ein Rückgang um 49 Prozent. Bei der GHH Oberhausen AG sank die Beschäftigtenzahl im gleichen Zeitraum um 47 Prozent. Die Entlassungen betrafen die Arbeiter stärker als die Angestellten. Kamen 1929 im GHH-Konzern noch durchschnittlich 6,7 Arbeiter auf einen Angestellten, so waren es im Februar 1931 nur noch 5,8.65

Im Frühjahr 1931 begann in Oberhausen das Zechensterben. Die GHH reagierte auf den Absatzeinbruch bei den Bergbauabteilungen, indem sie zum 1. April 1931 die Zechen Oberhausen und Hugo schloss. Die Zeche Oberhausen – sie war fast achtzig Jahre vorher als erste des Unternehmens entstanden – wurde später als Schaubergwerk eingerichtet und bildete dann das erste Bergbaumuseum dieser Art. Im Januar 1932 musste auch die Zeche Vondern die Förderung einstellen, und ein Jahr später folgte die Zeche Sterkrade. Von sieben Zechen der GHH Oberhausen AG überstanden nur drei (Jacobi, Ludwig, Osterfeld) die Weltwirtschaftskrise.66 Auch von den sieben Hochöfen der Eisenhütte Oberhausen waren Ende 1932 nur noch zwei in Betrieb.67 Anders als die Zechen wurden die Hochöfen aber nicht geschlossen, sondern nur stillgelegt.

Die Entlassungen in den Zechen und Hüttenbetrieben der GHH waren nicht nur für die Betroffenen eine Katastrophe, sondern auch für die gesamte Stadtregion Oberhausen. Die erst 1929 durch die Eingemeindung von Sterkrade und Osterfeld gebildete Stadt Groß-Oberhausen hing stark von den Montanbetrieben der GHH ab. Elend und Protest spiegeln sich in den Wahlergebnissen wieder. Die NSDAP wurde 1932 in der Arbeiterstadt Oberhausen die zweitstärkste Partei nach dem Zentrum. Auf NSDAP und KPD entfielen insgesamt 48 Prozent der Stimmen.68

Paul Reusch und das Ende der Weimarer Republik

Nach dem Scheitern der letzten parlamentarischen Regierung der Weimarer Republik im März 1930 wurde Heinrich Brüning zum Reichskanzler ernannt. Er leitete die von der Industrie schon lange geforderte Wende in der Lohnpolitik ein. Auch war Brüning vom Reichspräsidenten ermächtigt worden, den Artikel 48 der Reichsverfassung anzuwenden und Gesetze ohne Zustimmung des Parlaments per Notverordnung zu erlassen, was Reusch schon 1925 dem Reichspräsidenten empfohlen hatte. Trotzdem waren die Schwerindustriellen um Reusch nicht lange bereit, Brüning zu stützen. Dass der Kanzler sein Kabinett von der SPD tolerieren ließ, war für sie nicht akzeptabel. Am 30. Juli 1931 verfassten die Ruhrindustriellen unter Federführung Reuschs ein Schreiben an den Reichskanzler, in dem sie ankündigten, ihn fallen zu lassen, falls er sich nicht vollständig von der SPD trennen würde.

Als Brüning nicht einknickte, gingen die Wirtschaftsverbände mit einer gemeinsamen, im Sinne Reuschs verfassten Erklärung vom 29. September 1931 zum Angriff über.70 Durch eine der letzten Handlungen der Regierung Brüning sah sich Reusch nachträglich noch in seiner Kritik bestätigt. Friedrich Flick konnte im Mai 1932 die GBAG zu einem Preis an das Reich verkaufen, der um ein Mehrfaches über dem Börsenwert des Unternehmens lag. Da die GBAG faktisch die Vereinigten Stahlwerke kontrollierte, ging mit diesem Geschäft der bei weitem größte Ruhrkonzern in den Besitz des Reichs über, während der überschuldete Flick durch die großzügigen Zahlungen des Reichsfinanzministers vor dem Konkurs bewahrt blieb ("Gelsenberg-Affäre"). Reusch kritisierte diese Transaktion in einem viel beachteten Artikel als "einen Schritt auf dem Weg zum Staatskapitalismus " und forderte, "daß die freie Wirtschaft bis aufs letzte verteidigt werden muß".71 Das richtete sich nicht nur gegen Flick und die mittlerweile abgetretene Regierung Brüning, sondern eben auch gegen die Sonderstellung der Vereinigten Stahlwerke, die mit mehr Unterstützung des Staats rechnen konnten als die GHH.

Geheimtreffen mit Adolf Hitler

Reusch hatte 1930 den Vorsitz des Langnamvereins und der nordwestdeutschen Gruppe des Eisen- und Stahlindustriellenverbands abgegeben. Als Konsequenz aus der Niederlage im Ruhreisenstreit und den dramatischen Veränderungen im politischen Gefüge der Weimarer Republik wollte er jetzt unmittelbaren Einfluss auf die Politik nehmen. Dafür bediente er sich auch der GHH-eigenen Zeitungen. Die verhängnisvolle Reichstagswahl vom 14. September 1930 hatte zu einem Erdrutsch in der Parteienlandschaft geführt. Die NSDAP war jetzt die mit Abstand stärkste Rechtspartei. Reusch blieb davon nicht unbeeindruckt. Früher hatte er die Partei Hitlers wegen ihres kruden, antikapitalistisch eingefärbten Wirtschaftsprogramms ("Brechung der Zinsknechtschaft ") verachtet.

Als er im Frühjahr 1921 um eine Spende für die NSDAP angegangen worden war, hatte Reusch geantwortet: "Wir haben keine Veranlassung, unsere eigenen Totengräber zu unterstützen."72 Auch nach dem Wahlsieg der NSDAP von 1930 war Reusch kein Anhänger dieser Partei, aber er hatte nun Sympathien für sie.73 Als Nationalsozialisten und Deutschnationale im Oktober 1931 bei einer Kundgebung in Bad Harzburg unter aktiver Mitwirkung von Hjalmar Schacht ein Bündnis eingingen, waren gleich vier politische Lobbyisten aus Reuschs Umfeld anwesend, darunter auch der Leiter des Berliner GHH-Büros Martin Blank.74 1932 fanden eine Reichspräsidentenwahl und zwei Reichstagswahlen sowie Landtagswahlen in Preußen und Bayern statt. Die Industrie wollte ihren ganzen Einfluss geltend machen, doch war das Unternehmerlager politisch zersplittert.

Die Gruppe um Reusch stand der rechtskonservativen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nahe, deren Vorsitzender, der Pressezar Alfred Hugenberg, aber ein Intimfeind Reuschs war. Solange Hugenberg den Vorsitz hatte, wollte sich der Konzernchef nicht in der DNVP engagieren. Reusch und einige ihm nahe stehende Unternehmer wie der Krupp-Schwager Tilo von Wilmowsky erwogen nun die Gründung einer neuen Rechtspartei, die das Spektrum zwischen der Zentrumspartei und den Nationalsozialisten abdecken sollte.75 Vor der Reichstagswahl vom März 1932 trieb Reusch die Sorge um, dass sich die rechten Parteien untereinander eine Schlammschlacht liefern und noch weiter auseinanderdriften würden. Als aussichtsreichste Kandidaten galten der rechtskonservative Hindenburg und der rechtsradikale Hitler. Die GHH-eigenen Tageszeitungen "Münchener Neueste Nachrichten", "Fränkischer Kurier" und "Schwäbischer Merkur" traten für eine Wiederwahl Hindenburgs ein und bedachten die beiden anderen Kandidaten der Rechten, Hitler und Reuschs Favorit Duesterberg (DNVP), mit weniger freundlichen Artikeln.76 Am 25. Februar 1932 wies Reusch den Hauptschriftleiter des "Schwäbischen Merkurs", Georg Dörge, an, sich "den übrigen Kandidaten der Rechtsparteien rein objektiv gegenüberzustellen und jede Gehässigkeit und Anrempelung zu vermeiden".77 Hindenburg erhielt im ersten Wahlgang keine Mehrheit. Es kam zu einer Stichwahl zwischen Hindenburg, Hitler und Thälmann (KPD). Reusch behagte es überhaupt nicht, dass Hitler auch im zweiten Wahlgang gegen Hindenburg kandidierte.78 Er wollte persönlich auf Hitler einwirken, um eine weitere Eskalation des Wahlkampfs zwischen den rechten Parteien zu verhindern.

Am 19. März 1932 traf er sich mit ihm in der Münchner NSDAP-Zentrale, dem "Braunen Haus". Was in der zweistündigen Unterredung besprochen wurde, lässt sich nur aus Briefen Reuschs und seinen Weisungen an die Redaktionen der GHH-eigenen Tageszeitungen rekonstruieren.79 Demnach hat Reusch Hitler nahe gelegt, sich mehr auf parteiunabhängige Experten zu stützen als auf die alten Kämpfer der NSDAP.80 Vor allem aber traf er mit ihm eine Vereinbarung, dass die GHH-eigenen Zeitungen auf "persönliche Angriffe" gegen Nationalsozialisten verzichteten. Dafür hat er von Hitler wohl zugesagt bekommen, dass sich das NSDAP-Organ "Völkischer Beobachter" mit Angriffen auf die anderen Rechtsparteien und die Zeitungen der GHH-Verlage zurückhalten würden.81 Reusch selbst interpretierte seine Vereinbarung mit Hitler als "Burgfrieden " und schwor die Redaktionen auch in diesem Sinne ein.82 Hitler konnte die Unterredung als Erfolg verbuchen. Die auflagenstärkste Münchner Zeitung würde sich im Wahlkampf nicht mehr gegen ihn stellen. Reusch hat aber in der Unterredung vom 19. März kein wirklich neues Zugeständnis gemacht. […]

Ein "Bündnis" mit Hitler war der "Burgfrieden" nicht, wohl aber ein Arrangement. Reusch glaubte, durch eine Verständigung mit den Nationalsozialisten mäßigend auf sie einwirken zu können. Dies hatte die fatale Folge, dass die Tageszeitungen des GHH-Konzerns ihre Leser nicht mehr vor Hitler warnen durften. Die Nationalsozialisten verbreiteten in München schnell das Gerücht, "die Münchener Neuesten Nachrichten seien umgefallen", und verunsicherten damit viele Leser der Zeitung.83 Ähnliche Meldungen gab die Regierung Brüning in Berlin heraus, um ihren Gegner Reusch zu diskreditieren.

Die Redakteure der "Münchener Neuesten Nachrichten" waren "über die politische Naivität des Industriellen entsetzt" und opponierten gegen die Weisung Reuschs.84 Hitler wiederum hat sich erst gar nicht bemüht, seinen Teil der Zusagen einzuhalten. Der "Völkische Beobachter" drosch unvermindert auf Hindenburg, die DNVP und die Bayerische Volkspartei ein.85 Reusch hatte seinen Einfluss überschätzt und Hitlers Skrupellosigkeit unterschätzt. Henry A. Turner schreibt dazu in seinem Standardwerk über die Großunternehmer und den Aufstieg Hitlers: "Mit nur einer Lüge hat er Deutschlands politisch bestinformierten und einflussreichsten Industriellen hinters Licht geführt: Reusch hat den Fehler gemacht, das Spiel spielen zu wollen, in dem Hitler unschlagbar war: Machtpolitik."86

Die Machtergreifung Hitlers

Reusch beteiligte sich nach seiner Besprechung mit Hitler an der Finanzierung einer Arbeitsstelle, die Hjalmar Schacht gegründet hatte, um Hitler wirtschaftspolitisch zu beraten.87 Schon wenige Monate später begann sich seine Einstellung zu den Nationalsozialisten zu ändern. Die NSDAP hatte vor der Reichstagswahl vom Juli 1932 ein "Wirtschaftliches Sofortprogramm" vorgestellt, mit dem der "linke" Parteiflügel bei der Arbeiterschaft auf Stimmenfang gehen wollte. Reusch war desillusioniert. Am 29. September 1932 schrieb er an Schacht, "daß mich die Nationalsozialisten, denen ich durchaus sympathisch gegenüberstand, in den letzten Wochen sehr enttäuscht haben".88 Reusch und die meisten anderen Großindustriellen setzten nun uneingeschränkt auf den neuen Reichskanzler Franz von Papen, der sich die Forderungen der Wirtschaft zu eigen machte und so regierte, wie Reusch es erwartete: mit Notverordnungen des Reichspräsidenten unter Ausschaltung des Parlaments. Mit der verfassungswidrigen Reichsexekution gegen Preußen verwirklichte er zudem ein wichtiges Ziel des von Reusch mitbegründeten Bundes zur Erneuerung des Reichs.89 Dass sich die meisten Großindustriellen jetzt gegenüber der NSDAP distanzierter verhielten, wurde auch im Zusammenhang mit der Reichstagswahl vom November 1932 deutlich. Schacht wollte damals mit einer Petition der Wirtschaft an den Reichspräsidenten die Ernennung Hitlers zum Kanzler erreichen.

Mit Ausnahme Fritz Thyssens unterschrieb aber kein einziger bekannter Industrieller diese Eingabe.90 Inzwischen konnte die Industrie freilich ihren Wunschkandidaten Papen nicht im Amt halten, sein wirtschaftsfreundliches "Kabinett der Barone" kam weder bei den Parteien noch bei den Wählern an. Bei einer Vertrauensabstimmung im Reichstag stellten sich nur 32 von 513 Abgeordneten hinter ihn. Sein Nachfolger wurde der "soziale General" Kurt von Schleicher, der zwar vom Reichsverband der Deutschen Industrie unterstützt wurde, nicht aber von Reusch, der in Schleicher einen verkappten Sozialisten sah.

Der GHH-Vorstandsvorsitzende wandte sich nach der Entlassung Papens frustriert von der Politik ab und konzentrierte sich, wie sein Terminkalender zeigt, ganz auf die Leitung des Konzerns.91 Der Langnamverein nahm Ende 1932 wieder mit Papen Kontakt auf. Am 7. Januar 1933 traf sich Papen mit fünf führenden Ruhrindustriellen, darunter auch Reusch, in Dortmund. Dabei vermittelte er den Eindruck, dass Hitler bereit sei, als Juniorpartner in eine von Papen geführte Regierung einzutreten. Mit einer derartigen Lösung zeigten sich Reusch und die Führung des Langnamvereins einverstanden.92 Doch Papen hatte sie getäuscht. Hitler war natürlich nicht bereit, als Minister unter Papen zu dienen, und hatte sich mit dem früheren Kanzler auf die Regierung verständigt, die dann am 30. Januar 1933 gebildet wurde: ein Kabinett Hitler-Papen.

An der Übergabe der Macht an die Nationalsozialisten war Reusch nicht beteiligt.93 Er hat der NSDAP bei den vielen Wahlkämpfen von 1932 auch keine Spenden zukommen lassen.94 Doch hat Reusch eben mit den Nationalsozialisten sympathisiert und sich ihnen nicht entgegengestellt, als noch Zeit dafür gewesen wäre, ihren Aufstieg zu bremsen. Mit seinen maßlosen Attacken gegen die Weimarer Demokratie hat er dazu beigetragen, den Nationalsozialisten den Weg an die Macht zu ebnen. Eine Art politisches Glaubensbekenntnis Reuschs waren die von ihm redigierten Richtlinien, die er im Frühsommer 1932 den "Münchener Neuesten Nachrichten" verordnete. Darin wurden die Redakteure verpflichtet, den Marxismus zu bekämpfen und für den Schutz des Privateigentums einzutreten. In diesen Richtlinien schrieb Reusch: "Das demokratischparlamentarische System von Weimar ist die letzte Wurzel vieler Übel. Es ist für Deutschland als ungeeignet abzulehnen."95 Reusch wollte aber nicht die Nationalsozialisten an die Macht bringen, sondern strebte ein autoritäres Präsidialregime an. Dafür gab es jedoch nur wenig Unterstützung. Reuschs Vorstellungen gingen am Willen der Wähler vorbei, und selbst die ihm nahe stehenden Politiker zogen es vor, sich der größten Rechtspartei, den Nationalsozialisten, unterzuordnen.

Als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, befand sich Reusch zu geschäftlichen Besprechungen in Nürnberg. In Euphorie verfiel er nicht. Wenige Tage später, am 3. Februar 1933, schrieb er dem Hauptschriftleiter des "Fränkischen Kuriers", Rudolf Kötter: "Ich bitte nach wie vor, sich der neuen Regierung gegenüber abwartend und nüchtern zu verhalten. Begeisterung ist vorläufig noch nicht am Platze."96

MAN im Dritten Reich: Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge

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