Hapag-Lloyd Der Bieter aus Singapur

Das Bieterverfahren um Hapag-Lloyd ist in vollem Gange. Die favorisierte Reederei Neptune Orient Lines hat ihr erstes Angebot abgegeben. Der Konzern aus Singapur gehört zum Staatsfonds Temasek und wird in Hamburg als Käufer gefürchtet. Doch wäre NOL für Hapag wirklich eine so schlechte Lösung?

Hamburg - Mit der Globalisierung ist das so eine Sache. Als Hapag-Lloyd vor knapp drei Jahren die kanadische Reederei CP Ships übernahm, gab es Jubel in Hamburg, denn die größte deutsche Reederei rückte in der weltweiten Rangliste auf Platz fünf vor. Dass die Übernahme bei CP Ships etwa 2000 Arbeitsplätze vernichtete, war dagegen zweitrangig.

Nun scheinen die Vorzeichen für Hapag umgekehrt zu stehen. Tui  hat die konzerneigene Reederei auf Druck von Großaktionären zum Verkauf gestellt, die Gebote sind mittlerweile in der Hannoveraner Unternehmenszentrale eingetrudelt, eine ausführliche Prüfung der Offerten kann beginnen. Blankes Entsetzen herrscht deshalb am Hamburger Ballindamm, die Angst um die Zukunft der Traditionsreederei und um die Arbeitsplätze ist groß.

Lokalpolitiker machen sich für Hapag-Lloyd stark, die Stadt Hamburg beteiligte sich sogar mit einem dreistelligen Millionenbetrag an einem Konsortium um den Privatbanker Christian Olearius, das am Montag ein Gebot für Hapag abgegeben hat. Details über die Mitglieder des Konsortiums oder die Höhe des Angebots wurden bisher jedoch nicht bekannt.

NOL: "Unverbindliche" Offerte eingereicht

Nur der Name des größten Gegners steht fest: Neptune Orient Lines (NOL)  - laut einer Pressemitteilung aus Singapur vom Dienstag wurde eine erste "unverbindliche" Offerte mittlerweile bei Tui eingereicht. Sollten die finanzstarken Singapurer - der Staatsfonds Temasek, dem NOL mehrheitlich gehört, ist rund 160 Milliarden Dollar schwer - am Ende den Zuschlag bekommen, so geht das für viele quasi mit der völligen Zerschlagung von Hapag-Lloyd einher. Doch ist dieses Schreckensszenario überhaupt seriös? Würde es überhaupt so weit kommen, oder birgt ein Zusammengehen mit NOL vielleicht sogar Chancen?

Zunächst ein Blick auf die Fakten: NOL ist die weltweit siebtgrößte Containerreederei mit einer Flottengröße von 129 Schiffen. Der Umsatz wuchs im vergangenen Jahr um 12 Prozent auf rund 8,2 Milliarden Dollar, der Gewinn stieg um 44 Prozent auf 523 Millionen Dollar. Durch den Zusammenschluss mit der amerikanischen Reederei American President Lines (APL) im Jahr 1997 rückte die 1968 gegründete Schifffahrtsgesellschaft NOL in die Liga der führenden Containerreedereien auf.

Seit dem Zusammenschluss ist APL die alleinige Schifffahrtsmarke der Gruppe. NOL wurde als Name der in Singapur börsennotierten Holding beibehalten. Weltweit hat das Unternehmen rund 11.000 Mitarbeiter. Die selbst für einen Schifffahrtskonzern ungewöhnliche Internationalität von NOL/APL spiegelt sich auch in der Zusammensetzung des Managements wider. Ob Amerikaner, Europäer oder Asiaten - alle Führungsgremien sind durchgehend multinational besetzt.

NOL-Chefwechsel als Zeichen?

NOL-Chefwechsel als Zeichen?

Dazu passt auch die kürzlich erfolgte Berufung des Amerikaners Ron Widdows an die NOL-Spitze. Widdows war zuvor Chef der Containerschifffahrt. Die Ablösung seines Vorgängers Thomas Held, Ex-Schenker-Chef und anerkannter Logistikexperte, wird in der Branche auch als Zeichen gesehen, dass NOL Ernst macht im Kampf um Hapag-Lloyd. Der erfahrene Schifffahrtsexperte Widdows war schon 1980 für APL tätig und begleitete die Übernahme durch NOL - besitzt also auch Integrationserfahrung. Seine Kontakte nach Hamburg werden überdies als gut bezeichnet.

Durch den Kauf von Hapag-Lloyd könnte NOL/APL weltweit in die Top Drei aufrücken. Das neue Unternehmen wäre stark genug, um im zyklischen Geschäft auch schwierige Phasen zu überstehen. Gegenüber Hafenbetreibern stünde man weltweit in einer guten Verhandlungsposition. In Schifffahrtskreisen wird es zudem als Vorteil gesehen, dass Hapag-Lloyd durch einen möglichen Zusammenschluss mit der seit 1981 börsennotierten NOL Zugang zu neuem Kapital erhielte.

Hapag-Lloyd könnte darüber hinaus von dem globalen Netzwerk von NOL/APL profitieren und seine Position insbesondere im stark wachsenden Asien-Geschäft ausbauen. Die Angst der Politiker vor einer Schwächung des Standorts Hamburg ist zwar nachvollziehbar, aber vielleicht übertrieben, denn NOL hat zumindest im Zusammenhang mit der Übernahme der Traditionsreederei APL bewiesen, dass sie gewachsene Strukturen respektiert.

So entschied man sich in Singapur nach dem Zusammenschluss mit APL dafür, alle Schifffahrtsaktivitäten unter dem traditionsreichen Namen weiterzuführen. Auch am APL-Standort in Oakland sind weiterhin mehr als 3000 Mitarbeiter beschäftigt. Ähnlich könnte es für Hapag-Lloyd laufen, denn in Europa ist die Reederei aus Singapur bisher wenig präsent. Und überhaupt, verlautet es aus NOL-Kreisen kämpferisch, eine Arbeitsplatzgarantie hat das Hamburger Konsortium, in dem Rendite sicher kein Fremdwort sei, bisher auch noch nicht gegeben.

Hamburger Hoffnungen auf ein mögliches staatliches Einschreiten machte gerade Dagmar Wöhrl, Koordinatorin der Bundesregierung für Maritime Wirtschaft, in einem Zeitungsinterview ein Ende: Veränderungen im Gesetz für Außenwirtschaft würden völlig unabhängig von konkreten Fällen geschehen. Das habe mit Hapag-Lloyd überhaupt nichts zu tun.

Aus internationaler Sicht sieht die Angelegenheit ohnehin weniger dramatisch aus, der Verkauf von Hapag-Lloyd gilt eher als ein Akt notwendiger Konsolidierung: Das führende Branchenblatt "Lloyd's List" bezeichnete NOL/APL kürzlich als "gut laufendes Unternehmen", das für Hapag-Lloyd "ohne Zweifel ein verantwortungsvoller Besitzer wäre".

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