BMW Genosse 7er

Der Rote Platz, die Basilius-Kathedrale und der 7er: Mit viel Brimborium stellt BMW sein neues Spitzenmodell in Moskau vor. Und sucht nach Wegen, das Konzept der Luxusklasse in das neue Zeitalter der Ölknappheit zu retten.

Moskau - Chris Bangle kann man nichts übelnehmen, nicht einmal die alte 7er-Reihe. Die sah bei ihrem Erscheinen 2001 sehr unkonventionell aus - schrecklich unkonventionell, wie viele Stammkunden fanden. Bangle ist Chefdesigner bei BMW und musste viel Prügel einstecken für die schwülstige Limousine.

An diesem Abend ist das alles vergessen. Schon weil der Nachfolger der Baureihe, der um Mitternacht präsentiert wird, schlank und klassisch aussehen wird. Vergessen kann es Bangle sowieso, weil er eine amerikanische Frohnatur ist. Selbst die übelsten Schmähungen der alten Baureihe - von "Schmerbauchbomber" bis "Hasenstallheck" - parierte er unverdrossen jovial.

An diesem Abend fällt ihm die Verbindlichkeit leicht. Für die zurückhaltende Linie des neuen Modells gibt es Lob. Er herzt prächtige Society-Damen, schüttelt unzählige Hände und lacht ausgelassen. Als begnadeter Smalltalker wuselt er durch die Gästeschar einer Premierenfeier, die BMW direkt am Fuß des Roten Platzes in Moskau ausrichtet. Bangles gepunktete Fliege markiert das Zentrum der Party.

Premierenfeier? In der Vorwoche war das Auto schon in München präsentiert worden - die Welt ist also gar nicht mehr ahnungslos. Mit einer Reihe zusätzlicher Präsentationen sollen nun die wichtigsten Märkte angesprochen werden, Moskau bildet den Auftakt. "Wir wollen mit den VIP-Kunden das Geheimnis um den neuen Wagen teilen, bevor er im November zu kaufen ist", erklärt man dazu bei BMW. Die nächsten Orte und Termine seien aber geheim.

Kunden mit Stretch-Hummer

Kunden mit Stretch-Hummer im Fuhrpark

Der Münchener Autobauer hat eine Reihe Society-Größen eingeladen. Leopold Prinz von Bayern darf nicht fehlen, schließlich fährt er selbst Autorennen. Claudia Effenberg, Karen Webb, Mirja Dumont und Co. sind Gründe genug, dass die RTL-Nachrichten berichten. Klatsch gehört zum Geschäft bei Luxusautos. Schließlich gibt es keinen Menschen, der ernsthaft einen 7er benötigt. Es geht darum, einen zu besitzen. Für den nötigen Glamour-Faktor darf es ruhig ein wenig menscheln: Der Prinz hat sich eine leichte Bindehautentzündung zugezogen, Frau Dumont wurde am Nachmittag bestohlen - wie schön, dass sie trotzdem mitfeiern.

Insgesamt wurden rund 40 Journalisten aus ganz Europa eingeflogen. Balletttänzer des Bolshoi-Theaters treten auf, die englische Chartbreakerin Adele und der Weltklasse-Geiger Yuri Bashmet. All das vor der Kulisse des Roten Platzes, vor der Basilius-Kathedrale mit der Pracht ihrer pittoresken Zwiebeltürmchen und dem Nobelkaufhaus GUM mit seiner ganzjährigen Christbaumbeleuchtung. Bühnenbild unnötig.

Wichtig ist die russische Prominenz, Geschäftsleute, Kulturstars, Oligarchen. Die Tochter Michael Gorbatschows lässt sich kurzfristig entschuldigen. Viele Damen und Herren kommen bereits in edlen Gefährten und müssen vom 7er-BMW noch überzeugt werden. In der Nähe parken Bentleys, Maybachs und ein gut 15 Meter langer Stretch-Hummer in Weiß. Was man halt so fährt, um in Moskau mit seiner hohen Limousinen- und Hummer-Dichte noch aufzufallen.

"Wir zeigen, dass wir Teil der russischen Gesellschaft sind", erklärt Christian Kremer, der junge Chef von BMW Russland die Zweitpremiere. Im Wachstumsmarkt Russland ist BMW gut positioniert. Reiche Russen gibt es in den Metropolen viele und sie zeigen, was sie haben. Die Wachstumsraten der vergangenen Jahre waren für die Münchener erklecklich, in der ersten Hälfte 2008 etwa schlappe 33 Prozent im Vorjahresvergleich. Die absoluten Zahlen freilich sind weit von westlichen Standards entfernt. 2007 wurden 14.008 BMW verkauft.

Drittwichtigster Schwellenmarkt nach China und Indien

Die russische Klientel ist schwierig, gibt man unumwunden zu. BMW kennt den Markt seit 1993 und lässt in einem Werk in Kaliningrad seit 1999 3er- und 5er-Modelle produzieren. Wer sich in diesem Land den Luxus eines BMWs leisten kann, so die Erfahrung des Russland-Managements, setzt auf den Neuigkeitsfaktor. Deshalb verkauft sich das alte Modell inzwischen schleppend. Impulse sind dringend nötig, um den Verkauf in Schwung zu halten, doch bis zur Auslieferung der ersten neuen 7er vergeht noch fast ein halbes Jahr. Ein Ereignis wie die Feier am Roten Platz hilft die Zeit überbrücken und sorgt für Vorbestellungen auf dem drittwichtigsten Schwellenmarkt nach China und Indien.

Buddelschiff in der Sanduhr

Buddelschiff in der Sanduhr

Die russische Kundschaft bevorzugt eher ein üppiges Gepräge, und so wird am zurückhaltend gestalteten 7er das pompöse Aufgebot elektronischer Heinzelmännchen betont. Der Wagen ist voll internettauglich und bietet auf Wunsch Nachtsichthilfen und eine Vierradlenkung. Vom Verkaufsstart an ist eine Langversion erhältlich. Das ist standesgemäß für den Genossen 7er.

Die Frage nach der Zukunftstauglichkeit einer Zwei-Tonnen-Limousine in Zeiten, da selbst US-Käufer vermehrt zu kleinen Autos greifen, stellen in diesem Ambiente nur westliche Journalisten. Immerhin, bei der Münchener Präsentation hatten CO2- und Verbrauchswerte eine größere Rolle gespielt. Mit dem Dieselmodell des 7er verweist BMW da auf den besten Normverbrauch seiner Klasse, 7,2 Liter. Wenig ist das nicht, nur dass Mitbewerber wie Mercedes S-Klasse oder Audi A8 deutlich mehr schlucken.

Nach drei Menügängen und einem furiosen Streicherintermezzo werden die Gäste schließlich an die Rampe gerufen. Es beginnt der Countdown an einer 12 Meter hohen Sanduhr, die mit 180.000 silbernen Kugeln gefüllt ist. Immer mehr davon kullern aus dem überdimensionalen Bällchenbad zu Boden und geben nach und nach den Blick frei auf die neue BMW-Limousine. Schließlich steht das Auto frei, knapp acht Meter über dem Boden, in die Sanduhr eingeschlossen wie ein Buddelschiff in seine Flasche.

Noch eine Frage an den Designer Chris Bangle, ob nun alle neuen BMW so gestreckt und zurückhaltend daherkommen werden. "Oh, so weit sind wir noch nicht", sagt er. Wenn wir wüssten, was er gerade im Geländewagenbereich entwickele - "dramatical" ruft er aus, "dramatical!" Ob das dann eher, naja: russisch im Design würde? Da lacht er laut auf und wendet sich freundlich winkend der Society zu.

Der verschlankte 7er in der Sanduhr: Die Zeit steht nicht still für Premiumautos. Nur, dass die Uhren nicht überall gleich gehen.

Präsentation: Der 7er landet in Moskau

7er-Fotos: Schlanke Linie fürs Dickschiff

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