Siemens Betriebsräte trommeln sich warm

Die IG Metall spielt bei Siemens auf Zeit. Es werde Proteste und zähe Gespräche über die geplante Streichung von 17.000 Stellen geben, kündigten die Gewerkschaft und Betriebsräte an. Konzernchef Peter Löscher und sein Finanzvorstand Joe Kaeser müssen das Sparprogramm aber zügig durchziehen.

München - Die IG Metall hat harte und langwierige Verhandlungen über den geplanten Stellenabbau bei Siemens  angekündigt. Die Gewerkschaft werde nicht innerhalb weniger Wochen Entscheidungen treffen, nachdem der Konzern mit einem Stab von 300 Leuten ein halbes Jahr an der Ausarbeitung des Sparprogramms gearbeitet habe, erklärte Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer heute.

Siemens drängt dagegen auf zügige Verhandlungen über die geplante Streichung von 5250 Stellen in Deutschland. Personalvorstand Siegfried Russwurm hatte am Dienstag erklärt, er wolle die Zeit der Unsicherheit für die Mitarbeiter so kurz wie möglich halten. Tatsächlich dürfte es aber auch Siemens-Finanzchef Joe Kaeser am liebsten sein, den Großteil der Abfindungskosten noch bis Ende September im ohnehin von zahlreichen Sondergewinnen und -verlusten verzerrten Geschäftsjahr 2007/08 zu verbuchen.

Löscher will mit verschiedenen Sparprogrammen bis 2010 etwa 1,2 Milliarden Euro bei der Verwaltung und im Vertrieb einsparen, das sind 10 Prozent der Kosten in diesen Bereichen. Außer bei den Personalkosten will das Unternehmen bei der IT-Infrastruktur und Beratern jeweils dreistellige Millionenbeträge sparen. Laut Siemens hat das Unternehmen in diesen Bereichen im Vergleich zu seinen Wettbewerbern deutlich höhere Aufwendungen.

Zunächst will der Konzern die Stellen vor allem über Transfergesellschaften, Abfindungsangebote und Altersteilzeit einsparen. Personalchef Russwurm hatte aber betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen nicht ausgeschlossen. Weltweit baut Siemens knapp 17.000 seiner insgesamt rund 420.000 Stellen ab.

Beschäftigte an mehreren Siemens-Standorten in Deutschland haben heute bereits ihrem Unmut über den massiven Stellenabbau bei dem Elektrokonzern Luft gemacht. Am größten Standort in Erlangen versammelten sich am Vormittag hunderte Mitarbeiter der besonders stark betroffenen Medizintechnik-Sparte. "Die Stimmung schwankt zwischen wütend und bedrückt", sagte Andrea Fehrmann vom Siemens-Team der IG Metall.

Proteste im ganzen Land geplant

Proteste im ganzen Land geplant

Auch in der Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz in München sowie an den Nürnberger Standorten des Unternehmens und im Berliner Siemens-Bahntechnikwerk informierten sich die Beschäftigten bei Betriebsversammlungen über die Pläne.

"Klar ist, dass wir uns nicht kampflos damit abfinden werden", sagte Dieter Scheitor von der IG Metall, der auch im Siemens-Aufsichtsrat sitzt. Bei der Sitzung des Gesamtbetriebsrates (GBR) ab 22. Juli in Krefeld solle dann festgelegt werden, mit welchen Forderungen man in die Gespräche mit dem Unternehmen gehe. Details dazu stünden noch nicht fest, es gebe aber "erste Vorstellungen", sagte Scheitor. Zu der mehrtägigen GBR-Sitzung wird am 23. Juli auch Siemens-Personalvorstand Siegfried Russwurm erwartet.

Etwas moderatere Töne schlug der IG-Metall-Bevollmächtigte Jürgen Wechsler an. "Streik ist immer das letzte Mittel", sagte er in Nürnberg. Das Ziel müsse sein, Siemens dazu zu bringen, die Zahlen zurückzunehmen und über vernünftige Einsparungen zu reden. "Gegen Einsparungen, wenn sie sinnvoll sind, hat auch eine IG Metall nichts", betonte Wechsler.

In Nürnberg will Siemens etwa 550 Jobs streichen. Erlangen ist vom geplanten Arbeitsplatzabbau mit rund 1350 Stellen, davon mehr als 500 in der Medizintechnik, am stärksten betroffen.

Ein wesentlicher Kritikpunkt in den Diskussionen sei, dass die Mitarbeiter vom Management nicht einbezogen und die Pläne einfach von oben nach unten durchgedrückt würden, sagte Fehrmann. Dem Vorstand werde vorgeworfen, dass er "schlicht einfallslos" sei.

"In der Belegschaft rumort es, Unmut ist auch zu spüren", sagte Martin Kimmich, Betriebsbetreuer der IG Metall für die Siemens-Betriebe in München, nach der Betriebsversammlung in der Zentrale. In den kommenden Tagen seien weitere Betriebsversammlungen an Münchner Siemens-Standorten geplant. "Wir werden natürlich auch Proteste organisieren, in welcher Form müssen wir noch sehen", sagte Kimmich.

Auch die IG Metall in Nordrhein-Westfalen wird über das weitere Vorgehen mit Siemens-Betriebsräten beraten. Nach Angaben der NRW-Bezirksleitung der IG Metall sind bei Siemens in Nordrhein-Westfalen in den Niederlassungen, Werken sowie den Bereichen Vertrieb und Service mehr als 700 Jobs von Einsparungen und Teilverkäufen betroffen.

Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) kritisierte die Siemens-Spitze wegen der Abbaupläne. Es sei "nicht gut", alles nur vor dem Hintergrund kurzfristiger Quartalszahlen zu sehen, sagte Beckstein in München. Wichtig seien vielmehr das langfristige Wachstum und die Loyalität der eigenen Mitarbeiter. Davon habe der Konzern jahrzehntelang profitiert. Inzwischen habe er den Eindruck, dass von der Siemens-Führung "manches etwas lockerer genommen wird" als in der Vergangenheit.

manager-magazin.de mit Material von reuters und dpa-afx

Löschers Pläne: Wo Siemens Stellen streicht Löschers Leute: Die Siemens-Organisation 160 Jahre: Siemens-Geschichte in Bildern

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