MAN-Historie Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge

Der Konzern aus Gutehoffnunghütte (GHH) und MAN gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den Stützpfeilern der Rüstungsproduktion im Deutschen Reich. Detailliert schildert der Historiker Johannes Bähr, wie das Unternehmen Tausende Zwangsarbeiter und Hunderte KZ-Häftlinge einsetzte und unter welchen Bedingungen sie arbeiten mussten.
Von Johannes Bähr

Umfang und Bedeutung der Zwangsarbeit während des Krieges

Ein besonders verwerfliches Verhalten des GHH-Konzerns im Dritten Reich war der Einsatz von Zwangsarbeitern. Wie alle an der Rüstungsproduktion beteiligten Unternehmen, ließen GHH und MAN während des Krieges eine große Zahl von Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern für sich arbeiten. Der GHH-Konzern hatte auf dem Höchststand von 1944 rund 31.500 Zwangsarbeiter, davon rund 11.000 bei der GHH Oberhausen AG und rund 8500 bei der MAN.159

In Deutschland waren in den Jahren 1939 - 1945 insgesamt 13,5 Millionen Zwangsarbeiter eingesetzt. Dabei ist zwischen Zivilarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen zu unterscheiden. Die ausländischen Zivilarbeiter waren die bei weitem größte Gruppe. Als im Sommer 1944 mit 7,6 Millionen gleichzeitig eingesetzten Zwangsarbeitern der Höchststand erreicht wurde, befanden sich darunter 5 Millionen ausländische Zivilarbeiter und fast 2 Millionen Kriegsgefangene.160 Die Behandlung der Kriegsgefangenen und der ausländischen Zivilarbeiter richtete sich nach den Vorgaben der nationalsozialistischen Rassenpolitik.

Arbeiter aus West- und Nordeuropa waren einem geringeren Maß an Zwang unterworfen und wurden besser verpflegt als die "Ostarbeiter" aus der Sowjetunion. Die Ostarbeiter, die neben den KZ-Häftlingen am unteren Ende der Hierarchie standen, wurden in besonders menschenverachtender Form ausgebeutet. KZ-Häftlinge wurden erst ab 1944 in größerer Zahl in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Während die ausländischen Zivilarbeiter vom Werkschutz beaufsichtigt wurden und die Kriegsgefangenen unter der Kontrolle der Wehrmacht standen, blieben die KZ-Häftlinge innerhalb des von der SS beherrschten Systems der Konzentrationslager. Sie arbeiteten in Außenkommandos der Lager und waren in KZ-Außenlagern untergebracht.

Die deutschen Industrieunternehmen hatten ein existentielles wirtschaftliches Interesse am Einsatz der Zwangsarbeiter, da im Laufe des Krieges ein immer größerer Teil ihrer Stammbelegschaft zur Wehrmacht eingezogen wurde. Die mittlerweile umfangreiche Forschung zur Zwangsarbeit im Dritten Reich ist sich darin einig, dass kein deutsches Unternehmen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs seine Ziele ohne Zwangsarbeiter erreichen konnte. Wie Ulrich Herbert betont, hatten die Unternehmen spätestens seit 1941 keine Alternative mehr zum Einsatz von "Fremdarbeitern".161 Ähnlich sieht es der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze: "Ab 1942 war der Einsatz von 'fremdländischen Zivilarbeitern' schlicht und einfach die Eintrittskarte für die Kriegswirtschaft."162

Moralische Bedenken verdrängt

Alle größeren deutschen Unternehmen haben aus diesem Grund Zwangsarbeiter beschäftigt. Nur so konnten sie das Produktionsniveau steigern, Marktanteile behaupten und sich Rüstungsaufträge samt der damit verbundenen Rohstoff- und Energiezuteilungen sichern. Es ist daher eigentlich müßig, nach der betriebswirtschaftlichen Rentabilität der Zwangsarbeit zu fragen. Doch hat auch die GHH nach dem Krieg damit argumentiert, dass Zwangsarbeit für die Unternehmen nicht profitabel gewesen sei. Die Lohneinsparungen seien durch die geringere Produktivität der Zwangsarbeiter und die vergleichsweise hohen Nebenkosten mehr als wettgemacht worden.163

Mehrere Studien zeigen aber, dass die Produktivität der Zwangsarbeiter mit der Dauer ihrer Beschäftigung zunahm und damit auch die Lohneinsparungen.164 Vor allem aber hätten die Unternehmen ihre Produktion eben ohne Zwangsarbeiter nicht aufrechterhalten und schon gar nicht in rentablen Großserien fertigen können. Für sie war die daher von unschätzbarem Wert. Ohne Zwangsarbeiter wären nicht nur die deutsche Kriegsrüstung zusammengebrochen, sondern auch die Produktionsstrukturen der Großindustrie.

Das wirtschaftliche Interesse am Zwangsarbeitereinsatz verdrängte alle moralischen und ethischen Bedenken, sofern solche überhaupt bestanden hatten. Das Ausmaß der Zwangsarbeit in den einzelnen Unternehmen hing in der Regel nicht von der politischen Ausrichtung der Vorstände ab, sondern vom jeweiligen Arbeitskräftebedarf, dem Grad der Einbindung in die Kriegswirtschaft und den spezifischen Produktionsbedingungen. Doch gab es selbst in diesem Rahmen immer noch unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten. Die Unternehmen konnten bei den Behörden aktiv auf die Zuweisung von Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern drängen oder nicht, sie konnten Misshandlungen der Zwangsarbeiter durch das Aufsichtspersonal dulden oder dagegen vorgehen, und sie konnten entscheiden, ob sie sich auch KZ-Häftlinge zuteilen ließen.

Bei der GHH und bei der MAN waren bereits im Ersten Weltkrieg Kriegsgefangene eingesetzt gewesen. Das MAN-Werk Gustavsburg hatte sogar schon 1870/71 mit französischen Kriegsgefangenen gearbeitet.165 Die Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkrieges unterschied sich davon jedoch grundsätzlich.

Sie hatte eine ganz andere Größenordnung, betraf überwiegend Zivilisten aus besetzten Ländern, deren Arbeitseinsatz gegen das Völkerrecht verstieß, und war ein Bestandteil der nationalsozialistischen Rassen- und Vernichtungspolitik.

Unternehmen konnten Zwangsarbeiter nur nach den Vorgaben dieser Politik einsetzen und akzeptierten damit, dass ein menschenverachtender Rassismus zum betrieblichen Alltag werden konnte. Nach den Anordnungen der Behörden waren die von der NS-Ideologie als "Untermenschen" stigmatisierten Gruppen - die sowjetischen Kriegsgefangenen, die Ostarbeiter und die KZ-Häftlinge - eben auch in den Betrieben wie Menschen 2. und 3. Klasse zu behandeln. Vielfach wurden diese Vorgaben in den Unternehmen bereitwillig befolgt oder sogar noch übererfüllt.

Zwangsarbeit bei GHH und MAN

Die Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern bei GHH und MAN

Bei der GHH Oberhausen AG begann die Zwangsarbeit schon im November 1939 mit der Zuteilung polnischer Kriegsgefangener an einen landwirtschaftlichen Betrieb des Unternehmens.167 Einen größeren Umfang hat sie aber erst nach dem Waffenstillstand im Westen erreicht, als den Zechen Belgier und Franzosen zugewiesen wurden. Die Bergbaubetriebe waren besonders auf die Zuteilung von "Fremdarbeitern" angewiesen, weil sie auf einen wachsenden Teil ihrer Stammbelegschaft verzichten mussten und für die Untertagearbeit keine Frauen einstellen konnten.168

Im Sommer 1940 wandte sich die GHH Oberhausen an Arbeitsämter und militärische Dienststellen, um Kriegsgefangene zugewiesen zu bekommen. Das Unternehmen ging dabei von einem Bedarf von 800 Kriegsgefangenen für die Zechen und Hüttenbetriebe aus.169 Der Leiter der Oberhausener Hüttenbetriebe erklärte, dass man dieses Ziel "mit allen Mitteln" verfolgen würde.170 Den Betrieben wurde nun eine größere Zahl französischer Kriegsgefangener zugeteilt. Damit war der Bedarf aber noch lange nicht gedeckt. Nach dem Angriff auf die Sowjetunion drängte die GHH wie der gesamte Ruhrbergbau auf eine rasche Zuweisung sowjetischer Kriegsgefangener.

Innerhalb des nationalsozialistischen Regimes gab es dagegen zunächst ideologische Bedenken. Auch sollten Kriegsgefangene grundsätzlich nicht unter Tage eingesetzt werden. Doch die kriegswirtschaftliche Logik setzte sich schließlich durch. Ab Sommer 1942 wurden in den Zechen und Hüttenbetrieb sowjetische Kriegsgefangene in Massen eingesetzt. Allein bei den Zechen der GHH arbeiteten im August 1942 bereits 672 sowjetische Kriegsgefangene.171

Inzwischen war man in Oberhausen dazu übergegangen, sich auch um Zivilarbeiter aus der Sowjetunion zu bemühen. Seit März 1942 wurden zum Beispiel dem Werk Sterkrade Ostarbeiter zugewiesen. Damit stieg der Anteil der Zwangsarbeiter an der Beschäftigtenzahl der GHH Oberhausen drastisch an. Im Juni 1943 lag dieser Anteil im Steinkohlenbergbau bereits bei 38,6 Prozent und damit deutlich höher als im Durchschnitt des Ruhrbergbaus (28,2 Prozent).172 In Sterkrade stieg der Zwangsarbeiteranteil auf 21 Prozent im Jahr 1943 an. Ähnliches lässt sich für die GHH-Abteilungen Düsseldorf und Gelsenkirchen feststellen.173 1944 erreichte die Zwangsarbeit bei der GHH Oberhausen dann mit rund 11.000 Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen (29 Prozent aller Beschäftigten) den Höchststand. Zur Zahl der Ostarbeiter sind nur wenige Daten überliefert. Eine ungefähre Vorstellung geben die von Hinze veröffentlichten Angaben für die Oberhausener Hüttenbetriebe. Hier befanden sich Anfang Juli 1944 unter den 1576 ausländischen Zivilarbeiten 581 Ostarbeiterinnen (37 Prozent).174

Ersatz für einberufene Stammarbeiter

Nach dem Krieg erklärte ein Mitarbeiter der GHH Oberhausen, das Unternehmen hätte sich bemüht, "solange wie möglich ohne den Einsatz von Ausländern auszukommen".175 Die überlieferten Dokumente zeigen eindeutig, dass dies nicht der Fall war. Die GHH hat sich der Zwangsarbeit gegenüber ähnlich verhalten wie die anderen Ruhrkonzerne und schon frühzeitig auf die Zuweisung von Kriegsgefangenen gedrängt. Aus der Sicht der GHH war der Zwangsarbeitereinsatz sicher nicht die optimale Lösung. Vor allem die Bergwerksabteilungen klagten bitter über die geringe Leistungsfähigkeit der berufsfremden ausländischen Arbeiter.176 Zweifellos hätte man es vorgezogen, die zur Wehrmacht einberufenen Stammarbeiter zurückzubekommen. Da dies aber nicht möglich war, setzte man darauf, sich möglichst viele zusätzliche Arbeitskräfte zu verschaffen, und das hieß eben Kriegsgefangene und ausländische Zivilarbeiter. Es gibt keine Hinweise dafür, dass die Geschäftsleitung des Unternehmens und die Leitungen der einzelnen Betriebe Bedenken oder gar Skrupel gehabt hätten.

Auch bei der MAN begann der Zwangsarbeitereinsatz mit Kriegsgefangenen. Ende 1940 waren es in Augsburg rund 200, in Nürnberg 424. Ein massiver Anstieg der Zwangsarbeit erfolgte auch in Augsburg und Nürnberg erst 1942, und zwar sowohl bei Kriegsgefangenen als auch bei ausländischen Zivilarbeitern. Insgesamt lag die Zahl der Zivilarbeiter nun deutlich höher. Vergleicht man die beiden Werke miteinander, dann war der Anteil der Zwangsarbeiter in Nürnberg höher als in Augsburg. Dies dürfte sich aus der unterschiedlichen Qualifikationsstruktur der Beschäftigten erklären. In Nürnberg war die Serienfertigung seit langem ausgeprägter als in Augsburg. Hier bestand ein größerer Bedarf an ungelernten Arbeitskräften. In Augsburg lag der Anteil der Facharbeiter höher. Hier waren auch gut qualifizierte Frauen stärker vertreten als in anderen Rüstungsbetrieben der Region, weil offenbar ein großer Bedarf bestand, der nicht durch Zwangsarbeiter abgedeckt werden konnte.178 Gleichzeitig lag in Augsburg aber der Anteil der Ostarbeiter(innen) höher als in Nürnberg.

Das Werk Gustavsburg hatte in den letzten Kriegsjahren einen ähnlich hohen und mitunter sogar noch höheren Anteil von Zwangsarbeitern als das Nürnberger Werk, was durch das V 1-Programm und den damit zusammenhängenden Bau eines unterirdischen Stollens für das neue Zweigwerk in Mainz-Weisenau bedingt war. Aus diesem Grund wurden in Gustavsburg ab 1942 wohl auch keine Kriegsgefangenen mehr eingesetzt, mit Ausnahme einer Gruppe italienischer Militärinternierter. Für das Motorenwerk Hamburg liegen nur wenige Angaben vor, weil es als eigenes Unternehmen firmierte und in der Regel nicht in den Statistiken der MAN vorkam. Schreiben des Werksleiters Geppert an Otto Meyer vom April 1944 zeigen, dass der Anteil der ausländischen Arbeiter damals bei rund 73 Prozent lag und damit erheblich höher als in allen MAN-Werken.179 Da das Motorenwerk Hamburg erst im März 1942 in Betrieb genommen wurde, hatte es keine Stammbelegschaft. Es wurde weitgehend mit Zwangsarbeitern betrieben, da andere Arbeitskräfte in Hamburg zu dieser Zeit kaum mehr verfügbar waren.

Barackenlager für "Ausländer"

Unter den Unternehmen des GHH-Konzerns hatte Haniel & Lueg in Düsseldorf den höchsten Anteil von Zwangsarbeitern an der Belegschaft (53 Prozent), gefolgt von den Hackethal Draht- und Kabelwerken in Hannover und der Maschinenfabrik Esslingen.

Die großen Unterschiede zwischen diesen Firmen lassen sich nicht durch die Ausrichtung der Produktion erklären. Ausschlaggebend dürften eher die regionalen Arbeitsmärkte und die Verbindungen zu den Arbeitsbehörden gewesen sein. Am niedrigsten lag der Anteil der Zwangsarbeiter mit rund 21 Prozent in der Zahnräderfabrik Augsburg, einem Unternehmen mit überdurchschnittlich gut qualifizierten Beschäftigten.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass auch die Unternehmen des GHH-Konzerns wissentlich Zwangsarbeiter angefordert haben. Die Anforderungen liefen in den ersten Kriegsjahren über die Arbeitsämter, dann auch über Branchenverbände.

Meistens wurde dabei nur die Zahl der benötigten Arbeitskräfte genannt und nicht ausdrücklich die Zuteilung von Kriegsgefangenen oder "Ostarbeitern" beantragt.182 Doch war es bei der damaligen Arbeitsmarktlage allen Beteiligten völlig klar, dass die Behörden kaum andere Arbeitskräfte zuweisen konnten als eben Zwangsarbeiter.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch, dass bei der Errichtung neuer Betriebe schon Barackenlager für "Ausländer" in die Planung mit aufgenommen wurden. Bei dem im Juli 1942 gestoppten Bau des Panzerwerks der MAN in Röthenbach sahen die Planungen ein eigenes "Russenlager" für 2000 Arbeiter vor.183 Im Mai 1944 ging die MAN auf Vorschlag des Rüstungslieferungsamtes daran, rund 400 Arbeiter der Firma Ansaldo aus Genua geschlossen in ihr Nürnberger Werk umsetzen zu lassen. Sie arbeitete dabei eng mit den deutschen Militärbehörden in Mailand zusammen. Die Aktion kam allerdings nicht über einen ersten Transport von 100 Arbeitern hinaus, da ihre Kollegen in Genua es vorzogen, sich vor dem nächsten Transport nach Nürnberg in die Berge abzusetzen.184

"Ostarbeiter" und "Westarbeiter"

Zweifellos gab es Unterschiede und Abstufungen in der Behandlung der "Ostarbeiter" und der sowjetischen Kriegsgefangenen. Durchgehend wurden sie aber schlechter behandelt als Zwangsarbeiter aus Westeuropa. Ein Zeitzeuge schildert dies für das MAN-Werk Gustavsburg: "Die Ostarbeiter, die Russen, die haben sie behandelt wie der letzte Dreck. Das waren keine Menschen, das waren offensichtlich Untermenschen, während man die Franzosen noch als zivilisiert anerkannt hat".185 Bei der KMN sagte nach dem Krieg der Betriebsratsvorsitzende als Zeuge in einem Spruchkammerverfahren aus, dass die Ostarbeiter mitunter nur das "blanke, abgemähte Gras" zu essen bekommen hätten.186

Zwangsarbeiterlager in Gustavsburg ("Rosengartenlager"), Baracken der "Westarbeiter"

Zwangsarbeiterlager in Gustavsburg ("Rosengartenlager"), Baracken der "Westarbeiter"

Die Behörden sorgten durch die "Ostarbeiterangabe" und weitere Lohnabzüge dafür, dass die russischen Arbeiter ungleich weniger Lohn erhielten als etwa die Zivilarbeiter aus Frankreich oder den Niederlanden. Nach einer bei Krupp im Herbst 1942 durchgeführten Studie erhielten dort Zivilarbeiter aus Westeuropa 6,61 Reichsmark (RM) Tageslohn, Kriegsgefangene 4,86 RM, Ostarbeiter dagegen nur 2,93 RM und Ostarbeiterinnen 2,47 RM.187

In Augsburg waren etwa 200 holländische Gestapo-Häftlinge im MAN- Werk eingesetzt. Diese Gruppe wurde im Dezember 1944 in ein ziviles Arbeitsverhältnis überführt, was bei Ostarbeitern nicht möglich gewesen wäre.188 Bei der MAN in Nürnberg gewann Betriebsführer Johannes Rathje im Oktober 1942 den Eindruck, dass dem Werk aus Frankreich "wirklich brauchbare Fachkräfte zugeführt werden". Rathje wollte sich daher um gute Unterkünfte für die französischen Arbeiter bemühen.189 Ostarbeiter und Westarbeiter hatten in der Regel auch getrennte Lager.

Während die russischen Arbeiter in ihrem Lager weitgehend unter sich waren, kamen in den Baracken der Westarbeiter Angehörige aus vielen Nationen zusammen. So hatte z. B. das MAN-Werk Nürnberg im Dezember 1944 Arbeiter aus 25 Ländern.190 Bei der GHH kamen viele sowjetische Kriegsgefangene in einem erschreckenden Gesundheitszustand in den Betrieben an. Krank und völlig unterernährt waren sie aus den Lagern der Wehrmacht nach Oberhausen geschickt worden. Von den rund 800 sowjetischen Kriegsgefangenen, die im August bei der GHH eintrafen, starben die ersten schon nach wenigen Tagen an Unterernährung. Fast ein Drittel der Kriegsgefangenen war für die Untertagearbeit untauglich. 191 Die GHH forderte die Bezirksgruppe Ruhr auf, "für sofortige Abhilfe zu sorgen".192

Die verordnete Ausgrenzung der Zwangsarbeiter war in den Betrieben nicht durchgehend aufrechtzuerhalten. Es kam zu Arrangements zwischen der Stammbelegschaft und den Zwangsarbeitern, zum Beispiel in Form von Tauschgeschäften. In einer Vertrauensratssitzung bei der MAN wurde im Mai 1944 ausdrücklich beklagt, "dass es deutsche Gefolgschaftsmitglieder zumeist an der wünschenswerten Zurückhaltung gegenüber Ausländern fehlen lassen".193 Bei der GHH in Oberhausen wurden im September 1943 an die deutsche Belegschaft 27.000 Handzettel mit Verhaltensregeln für den Umgang mit den "Fremdarbeitern" ausgeteilt - ein Vorgang, der auch eine gewisse Hilflosigkeit der Werksleitung belegt, die Vorgaben der Behörden im betrieblichen Alltag durchzusetzen. In diesen Anweisungen hieß es: "Die Ausländer bleiben für Dich Fremde. Bewahre ihnen gegenüber den nötigen Abstand, laß Dich auf keine Vertraulichkeit ein."194

Misshandlungen von Zwangsarbeitern hat es bei der GHH wie bei der MAN gegeben. In den meisten Fällen wurden solche Grausamkeiten in den Lagern begangen. Die Täter gehörten fast durchweg zum Aufsichtspersonal, zum Werkschutz oder zur Lagerleitung. In Gustavsburg wurden Zwangsarbeiter häufiger von Wachleuten misshandelt und Ostarbeiter von ihrem Lagerleiter mit der Hundepeitsche gezüchtigt.195 Wie die Zwangsarbeiter innerhalb des Betriebs, am Arbeitsplatz behandelt wurden, hing dagegen in hohem Maße von ihren Vorarbeitern und Meistern ab.196 Das Verhalten der Werksleiter lässt sich gut am Beispiel von Richard Reinhardt in Gustavsburg verdeutlichen. Dass Zwangsarbeiter seines Werks misshandelt wurden, war Reinhardt natürlich bekannt. Er selbst hat sich nicht an Ausschreitungen beteiligt, aber er hat dem Werkschutz und den Lagerleitern freie Hand gelassen. Ob der Lagerleiter im Sinne Reinhards handelte oder nicht, lässt sich nicht mehr feststellen. Die Zeugenaussagen aus der Nachkriegszeit dazu sind widersprüchlich.197 Zumindest aber hat Reinhardt weggeschaut und sich angepasst. Nach dem Krieg bescheinigte ihm die Spruchkammer Groß-Gerau im Entnazifizierungsverfahren, "Dienst für den Menschen" geleistet zu haben.

Einsatz von KZ-Häftlingen bei KMN und Deutsche Werft

Der Einsatz von KZ-Häftlingen bei den Konzernunternehmen KMN und Deutsche Werft

Bei GHH und MAN waren keine KZ-Häftlinge eingesetzt. In Oberhausen war dies wohl auch dadurch bedingt, dass im Ruhrbergbau generell keine KZ-Häftlinge arbeiteten.199 Eine bewusste Strategie des Unternehmens stand jedenfalls nicht dahinter. Das zeigt ein Vorgang aus dem Sommer 1944, auf den Ingo Hinze hingewiesen hat. Damals bot die Reichsvereinigung Eisen 600 - 1000 KZ-Häftlinge an. Die GHH ging darauf ein und wollte die Häftlinge geschlossen übernehmen. Schließlich verzichtete das Unternehmen aber darauf, weil es in der Zwischenzeit 250 Ostarbeiter zugewiesen bekommen hatte.200 Bei der MAN Augsburg könnte die Nähe des Flugzeugbauers Messerschmitt eine Rolle gespielt haben. Dort arbeiteten Häftlinge aus dem Außenlager Haunstetten des KZ Dachau. Möglicherweise hatte Messerschmitt eben Priorität.201 Denkbar ist freilich auch, dass Otto Meyer in Augsburg wie in Nürnberg bewusst keine Häftlinge anforderte, weil er moralische Bedenken hatte oder die SS von den Werken fernhalten wollte.

Bei zwei anderen Unternehmen des GHH-Konzerns gab es auch Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen. Dabei handelte es sich um die KMN in Nürnberg und die Deutsche Werft in Hamburg. Im Fall der KMN sind nur spärliche Belege zu diesem dunklen Kapitel in der Geschichte des Unternehmens überliefert. Sie zeigen, dass die KMN am 13. Juni 1944 beim SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt in Oranienburg die Zuteilung von 700 Frauen aus dem KZ Flossenbürg als Hilfsarbeiterinnen beantragt hat. Die Frauen sollten in der "Einsatzstelle Helmbrechts" Patronenhülsen herstellen.202

Über die Abfolge der Transporte und den Bau von Baracken in Helmbrechts hatte man sich bereits ein Woche vorher mit einem SS-Obersturmbannführer besprochen. Am 21. Juni 1944 rief die KMN bei der Kommandantur des KZ Flossenbürg die ersten "100 KZ-Frauen" zum 1. Juli ab.203 Am 4. September 1944 wird das Eintreffen eines weiteren Transports mit "100 KZ-Frauen" in Helmbrechts mitgeteilt. Bleistiftnotizen eines Prokuristen der KMN auf diesem Blatt weisen aus, dass am 19. Juli, am 1. September, am 28. Oktober und am 1.November jeweils 100 Frauen aus dem KZ Flossenbürg bei der KMN in Helmbrechts eingetroffen sind.204

Bei der Deutschen Werft waren ab Herbst 1944 etwa 300 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme eingesetzt. Da die großen Werften und Industrieunternehmen Hamburgs kaum noch neue Arbeitskräfte finden konnten, gingen sie ab September 1944 dazu über, Häftlinge aus diesem KZ einzusetzen.205 Die Deutsche Werft war zunächst für eine Zuweisung von 2500 Häftlingen im Gespräch. Das waren deutlich mehr als für andere Hamburger Unternehmen.

Druck des Speer-Ministeriums

Die Leitung der Deutschen Werft stand damals unter starkem Druck des Speer-Ministeriums, das dem Vorstand William Scholz Sabotage vorwarf, weil U-Boote nicht fristgemäß ausgeliefert worden seien.206 Für den Häftlingseinsatz war bei der Deutschen Werft nach übereinstimmenden Aussagen Betriebsführer Wilhelm May zuständig, den die Zwangsarbeiter "Himmler" nannten.207 May erklärte 1948 im Berufungsverfahren vor dem Hamburger Staatskommissar für die Entnazifizierung: "Gegen die Beschäftigung von Kz.-Häftlingen war man im allgemeinen sehr scharf ablehnend eingestellt, weil man mit ihnen das Arbeitsziel nicht erreichen zu können glaubte. Uns lag es auch weiter nicht, auf der Werft eine politische Gruppe zu haben, die über diese Häftlinge die Aufsicht hatte. Von mir wurde verlangt, dass ich für den Einsatz von 800 Kz-Häftlingen Arbeit vorbereiten sollte, in Wirklichkeit sind höchstens 2 bis 300 beschäftigt worden."208 Nach einer Zeugenaussage in diesem Verfahren soll May freilich selbst 500 Häftlinge bei der SS angefordert haben. Er hat auch im KZ Neuengamme Häftlinge für den Einsatz auf der Deutschen Werft ausgesucht.209

Für die Häftlinge wurde ein Außenlager Deutsche Werft des KZ Neuengamme errichtet. Von dort wurden sie unter Bewachung in Kolonnen zur Arbeit in der Werft geführt. Das Wachpersonal war offenbar von der Wehrmacht oder der Gestapo abgestellt worden. Auf der Werft hatten die Häftlinge vor allem Aufräumungsarbeiten zu erledigen. Bei Luftangriffen wurden sie in Bunker gebracht, freilich getrennt von den anderen Arbeitern. Misshandelt wurden die Häftlinge bei der Arbeit auf der Werft nicht, wohl aber im Lager und auf dem Weg dorthin. Wie die späteren Zeugenaussagen belegen, erhielten die Beschäftigten der Deutschen Werft durch den Häftlingseinsatz und die Nähe zum KZ-Außenlager Einblick in das Lagersystem und die grausame Realität des SS-Staats. Es sprach sich herum, wenn Häftlinge im Lager zu Tode geprügelt worden waren. Es kam auch vor, dass die SS ihre KZ-Praktiken auf dem Betriebsgelände demonstrierte, indem tote Häftlinge in Säcken eingenäht auf dem Teufelsbrück, bei der Dampferanlegestelle der Werft, abgelegt wurden und dort tagelang liegen blieben.210

Zu berücksichtigen ist in diesem Zusammenhang auch, dass die GHH bzw. MAN-Gruppe später die Lkw-Sparte zweier Unternehmen übernommen hat, die während des Dritten Reichs massiv am Einsatz von KZ-Häftlingen beteiligt waren: Büssing und Steyr-Daimler-Puch. Beide Unternehmen standen zwar zur damaligen Zeit in keinem Zusammenhang mit dem GHH-Konzern, doch wandert bei Übernahmen eben immer auch die Geschichte eines Unternehmens mit. Zur Beteiligung beider Unternehmen am Einsatz von KZ-Häftlingen gibt es ausführlichere Untersuchungen, auf die hier verwiesen werden kann.211

Das Braunschweiger Unternehmen Büssing beantragte 1944 beim SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt die Zuteilung von KZ-Häftlingen. Mitarbeiter des Unternehmens fuhren nach Auschwitz, um dort geeignete Häftlinge für den Arbeitseinsatz auszuwählen. Zwischen September und November 1944 kamen in mehreren Transporten rund 1200 jüdische KZ-Häftlinge in das Braunschweiger Lager, darunter 350 ehemalige Ghettobewohner aus Lodz. Sie mussten bei Büssing unter grausamen Bedingungen arbeiten. Das Lager in Braunschweig wurde später als eines der schlimmsten seiner Art bezeichnet. Täglich starben hier 8 - 10 Häftlinge. Die Überlebenden wurden bei Kriegsende in das KZ Ravensbrück gebracht.212

Steyr-Daimler-Puch (SDP) gehörte nach dem "Anschluss" Österreichs zum Staatskonzern Reichswerke "Hermann Göring". Im letzten Kriegsjahr übernahm SDP die Durchführung eines der irrsinnigen Bauprojekte des SS-Sonderstabs Kammler, die unterirdische Verlagerung des Rüstungsbetriebs Wälzlagerwerk Steyr. Geleitet wurde das Bauvorhaben von einer Tochtergesellschaft der SDP mit dem Tarnnahmen "Quarz". Für die Verlagerung mussten Tausende KZ-Häftlinge einen gigantischen Stollen bauen. In Melk entstand dafür ein Außenlager des KZ Mauthausen, in dem sich schließlich über 10.000 Häftlinge befanden, darunter mehrere Tausend ungarische Juden. Die meisten von ihnen mussten unter unmenschlichen Bedingungen für das Projekt Quarz arbeiten. Bis Kriegsende sind 4861 Häftlinge dieses Lagers gestorben.213

Buchauszüge: Licht und Schatten bei MAN

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