Konsum So schmeckt der Abschwung

Starbucks verkauft Kaffee in manchen US-Filialen plötzlich für einen einzigen Dollar - und der Ramschpreis für den einstigen Edelkaffee wird zum Symbol. Die Ein-Dollar-Partys zeigen den Zustand der amerikanischen Konjunktur: Und der schlägt jetzt auch auf Deutschlands Wirtschaft durch.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Sie müssen cool drauf gewesen sein, die Amerikaner. Sind auf dem Weg ins Office eben noch zu Starbucks geschlendert. Und haben dort für einen Milchkaffee bis zu vier Dollar gezahlt. Lächelnd. Ohne zu zögern. Jahrelang. Für einen Kaffee. Doch plötzlich scheint den Amerikanern das Aloha-Gefühl abhanden zu kommen.

Die Zeit des Lächelns ist vorbei - dafür hat die des Nachrechnens begonnen. Schließlich entspricht der Preis eines großen Starbuck-Wohlfühl-Kaffees mittlerweile fast dem einer Gallone Benzin. Und da gilt es ganz cool abzuwägen: Lässig mit dem Latte macchiato am Straßenrand verharren oder doch irgendwie ins Büro kommen?

Gegen Autos jedenfalls will Starbucks lieber nicht anstinken und bietet den Kaffee nun "testhalber" für einen einzigen piefigen Dollar an. Inklusive Nachfüllen für lau, versteht sich. Noch gilt das Angebot zwar nur in einigen US-Filialen. Die allerdings liegen vielfach dort, wo Amerikas Bürger besonders kräftig unter dem wirtschaftlichen Abschwung im Lande zu kämpfen haben. In Kalifornien beispielsweise, und auch in Florida.

Ein-Dollar-Partys in ehemaligen Boomstaaten

Beides Bundesstaaten, in denen überdurchschnittlich viele Amerikaner Häuser auf Kredit gekauft hatten, die sie sich eigentlich gar nicht hätten leisten können. Sie sind deshalb ersatzweise darauf angewiesen, dass der Wert ihres Hauses schnell steigt und der möglichere höhere Verkaufspreis die zuvor eingegangenen Schulden im Fall des Falles tilgt. Doch genau das Gegenteil passiert derzeit: Die Immobilienpreise in Amerika steigen im Schnitt nicht mehr, sie sinken. Und das immer schneller.

Jeder neunte Hausbesitzer in den Vereinigten Staaten hatte im ersten halben Jahr Schwierigkeiten, seine Hypothekenschulden zu bezahlen. Die Zahl der Zwangsversteigerungen kletterte trotz staatlicher Hilfen um die Hälfte. Täglich kommen rund 10.000 Immobilien unter den Hammer, hat das Nationale Statistische Büro der USA errechnet.

Längst muss das amerikanische Virus auch andere Bereiche der weltgrößten Volkswirtschaft erfasst haben. Denn Amerikas Arbeitslosenquote ist zuletzt überraschend stark auf 5,5 Prozent gestiegen, nachdem sie im Vormonat noch bei 5 Prozent gelegen hatte. Damit kletterte die Rate auf den höchsten Wert seit Oktober 2004.

"Es kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die amerikanische Wirtschaft seit einem halben Jahr äußerst schwach ist. Und die Hinweise auf eine Rezession verdichten sich", sagt Jared Bernstein vom Economic Policy Institute in Washington. Doch was bedeutet das für die deutsche Wirtschaft, wenn die Amerikaner beginnen, Ein-Dollar-Partys bei Starbucks zu feiern?

Deutschland rutscht mit ab

Deutschland rutscht mit ab

"Amerikas Privathaushalte sind überschuldet, die Hauspreise viel zu stark gestiegen", sagt William White, Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. "Jetzt schwächt sich die Wirtschaft dort von selbst ab. Sogar mehr, als wir es uns wünschen."

Denn Deutschland ist wie nur wenige andere Volkswirtschaften besonders eng mit anderen Handelsnationen verwoben. Nicht zuletzt die Auslandsnachfrage nach deutschen Maschinen und Anlagen bescherte der Republik - neben den hohen Investitionen der hiesigen Unternehmen - in den vergangenen zweieinhalb Jahren eine ungewöhnliche Wirtschaftskraft, die sogar die immense Arbeitslosigkeit hierzulande spürbar drückte.

Etwa 1,5 Millionen Menschen haben in dieser Zeit einen neuen Job gefunden - und der Trend zum Besseren hält sich derzeit noch: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung rechnet damit, dass Deutschland in diesem Jahr noch einmal ein Wirtschaftsplus von 2,7 Prozent einfahren kann. Das wäre sogar noch etwas mehr als im guten Vorjahr.

Gleichzeitig kostet Benzin in Deutschland immer noch mehr als doppelt so viel wie in den USA - wozu auch die hohe Steuerbelastung beiträgt. Ein US-Tourist auf Deutschland-Tour muss für eine Gallone (knapp vier Liter) Benzin hierzulande umgerechnet rund neun US-Dollar hinblättern - glücklich, wer sich derart hohe Benzinpreise leisten kann, mag er denken. Doch die Deutschen zahlen bei Starbucks hierzulande ja auch ohne zu zögern umgerechnet 4,50 Dollar für einen Wohlfühl-Kaffee. Noch.

Die Mär von der Abkopplung

Denn Abkoppeln kann sich die Bundesrepublik von der amerikanischen Malaise wohl nicht mehr lange. Zwar liefern die Unternehmen hierzulande viel mehr Waren in die europäischen Nachbarstaaten als in die USA. Auch hilft ihnen die immer kräftigere Nachfrage aus den Schwellenländern. Doch die wichtigsten europäischen Wirtschaftspartner der Republik hängen offenbar enger an der Weltwirtschaftslokomotive Amerika als bisher gedacht. Großbritanniens, Italiens und Spaniens Ökonomien befinden sich entweder kurz vor oder bereits in der Rezession, in Frankreich verschärft sich der Abschwung dramatisch. Und das schlägt sich jetzt auch in den Geschäftserwartungen der hiesigen Firmen nieder.

Der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Forschungsinstituts, Deutschlands bedeutendster Konjunkturindikator, ist plötzlich auf den tiefsten Stand seit Dezember 2005 eingeknickt. Vor allem die künftige Geschäftsentwicklung kommt den Unternehmern immer unsicherer vor. Wirtschaftsforscher rechnen deshalb für das kommende Jahr nur noch mit einem Miniwachstum in der Größenordnung von 1 Prozent. "Und das ist nahe einer stagnierenden Wirtschaft", sagt Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.

Cool war also gestern. Und der Vier-Euro-Kaffee könnte den Kunden auch hierzulande beim Bezahlen bald eher ein Zitronenlächeln als lässige Blicke ins Gesicht zaubern.

Kredit- und Konsumkrise: Die zweite Welle

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