Ölwettlauf Kaschagan - und "cash all gone"

Weltweit enteignen Schwellenländer ohnmächtige Ölmultis, um selbst das dicke Geschäft mit den Rekordölpreisen zu machen. Das Debakel von Eni auf dem kasachischen Ölfeld Kaschagan ist nur ein Beispiel unter vielen. Den etablierten Ölriesen bleibt oft nichts anderes, als klein beizugeben. Läuft die Zeit von Exxon und Co. ab?
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Das hatten sich die Briten anders vorgestellt. Das neue Russland-Geschäft des Londoner Ölriesen BP sollte die nächste Ertragssäule des Unternehmens werden. Frühzeitig ließen sie sich deshalb auf ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem drittgrößten russischen Ölförderer TNK ein. Doch das steht jetzt plötzlich auf der Kippe. "Unsere russischen Partner arbeiten mit räuberischen Methoden", musste BP-Verwaltungsratschef Peter Sutherland jetzt eingestehen.

Seit Monaten liegt Sutherland im Clinch mit den russischen Investoren Len Blavatnik, Michail Fridman und Wiktor Wexelberg, die als Alfa-Access-Renova-Investorengruppe zur anderen Hälfte an TNK-BP beteiligt sind. Doch die eigentlichen Geschäftspartner machen der britischen BP die Hölle heiß - und lassen nach Insider-Meinung immer neue Hürden für das gemeinsame Unternehmen TNK-BP aufbauen.

  • Erst drohte die russische Umweltbehörde der BP damit, ihrer Russland-Beteiligung TNK-BP die Förderlizenzen für das ergiebige Gasfeld Kowykta zu entziehen; es liegt in Sibirien, etwa 450 Kilometer nördlich von Irkutsk. Angeblich hätten die Briten zu wenige Leitungen gebaut, um genug aus dem Gasfeld herauszuholen.
  • Dann ermittelte die russische Justiz plötzlich wegen angeblicher Steuerhinterziehung gegen das Unternehmen; Dudley persönlich wurde dazu einbestellt und zu den Steuererklärungen 2001 bis 2003 vernommen.
  • Und jetzt scheint das gesamte ausländische Management der TNK-BP ins Visier der Behörden Russlands zu geraten. Sie verweigerten allen Managern schlicht neue Visa. Wenn nichts mehr passiert, läuft deshalb selbst für TNK-BP-Chef Robert Dudley in nicht einmal vier Wochen die Zeit in Russland ab.

Für Außenhandelsexperten ist das ein klares Zeichen: Dem Russland- Gemeinschaftsunternehmen der britischen BP könnte drohen, was bereits viele westliche Ölmultis erleben mussten: Schwellenländer drängeln sie aus dem Geschäft. Egal wie, koste es, was es wolle. "Einige Staaten sind dabei, sich zu Rohstoffsupermächten aufzuschwingen, die laufende Verträge mit internationalen Ölfirmen einseitig ändern oder ihren Energiesektor weiter verstaatlichen", beklagte Exxon-Chef Rex Tillerson sogar schon im Herbst vergangenen Jahres beim Weltenergie-Kongress in Rom.

Beispiel Venezuela: Präsident Hugo Chávez hat vor einem Jahr vier Raffinerien im Orinoco-Gebiet besetzen lassen, deren Wert auf 30 Milliarden Dollar geschätzt wird. Chávez forderte mindestens 60 Prozent ihres Geschäfts an das Staatsunternehmen Petroleos de Venezuela (PDVSA) zu übertragen. BP, Chevron , Conoco Phillips , Statoil  und Total  gaben klein bei und verschenkten so Milliardenwerte in der Hoffnung, wenigstens das Restgeschäft behalten zu dürfen. Zuvor hatten die fünf Unternehmen zusammen mit Exxon Mobil  mehr als ein Fünftel zur gesamten Ölproduktion Venezuelas beigetragen. Exxon zumindest zog vor Gericht.

Der Katalog der Enteigneten

Der Katalog der Enteigneten

"Sollte Venezuela Schaden zugefügt werden, werde ich dem Imperium der Vereinigten Staaten nicht einen einzigen Tropfen Erdöl liefern lassen", drohte Chávez den Amerikanern daraufhin in seiner Fernseh- und Radiosendung "Alo Presidente".

Beispiel Brasilien: Die staatliche Ölgesellschaft Petrobas hatte im November vergangenen Jahres bereits das Ölfeld Tupi versteigert, als es dort unerwartet auf weitere acht Milliarden Barrel Öl stieß. Prompt zog das Land 41 Explorationslizenzen zurück.

Beispiel Kasachstan: Im Sommer vergangenen Jahres ließ das kasachische Umweltministerium die Arbeiten auf dem gigantischen Kaschagan-Ölfeld stilllegen. Der italienische Ölriese Eni  habe gegen Umweltschutzbestimmungen verstoßen, ließ die kasachische Regierung mitteilen. Anschließend begann das Finanzministerium gegen die Italiener wegen angeblicher Zollverstöße zu ermitteln, bis das Notstandsministerium mangelnde Sorgfalt der Italiener beim Brandschutz feststellte - und ebenfalls die Baustellen dichtmachte. Trotz der späteren Einigung mit Kasachstan, und obwohl Eni selbst für Verzögerungen des Projektes verantwortlich war, haben selbst die Eni-Insider nur noch bittere Ironie für das Geschäft übrig. "Unsere Übersetzung von Kaschagan ist "Cash all gone", sagt ein Eni-Manager hinter vorgehaltener Hand.

Beispiel Russland: Moskau zwang im vergangenen Jahr Royal Dutch Shell , die Kontrolle über das gewaltige Gasfeld Sachalin-2 an Gazprom  abzutreten. Der Kreml hatte damit gedroht, das ganze Projekt wegen Umweltbedenken zu blockieren. "Aber seit wir den Vertrag über die neuen Besitzverhältnisse in Sachalin unterzeichnet haben, macht das Projekt gute Fortschritte", sagte Dutch-Shell-Chef Jeroen van der Veer fatalistisch am Rande des Weltölkongresses in Madrid.

Sollte jetzt auch BP sein Gemeinschaftsunternehmen TNK-BP an staatliche russische Unternehmen verlieren, wäre das ein schwerer Schlag für die Briten: Immerhin entfallen auf TNK-BP etwa 22 Prozent der Produktion des Öl- und Energiekonzerns und 19 Prozent der Erdöl- und Erdgasreserven.

Anleger wechseln die Ölstars aus

Anleger wechseln die Ölstars aus

Noch nie seit dem Beginn des Höhenflugs der Ölpreise vor etwa zehn Jahren sind internationale Ölmultis und Erzeugerländer somit derart hart aufeinandergeprallt.

Doch den Starunternehmen wird ein bedrückender Umstand immer klarer: "Wenn Öl teuer ist, ist es für die Staatskonzerne einfach, profitabel zu arbeiten", weiß BP-Chefvolkswirt Christof Rühl. "Daher haben sie kein Interesse, private Konzerne an der Ausbeutung ihrer Vorkommen zu beteiligen."

So kontrollieren staatliche Ölgesellschaften inzwischen 62 Prozent der weltweiten Förderung und 88 Prozent der Ölreserven, hat das Branchenblatt "Petroleum Intelligence Weekly" errechnet. Darüber hinaus würden die Erdgasvorkommen ebenfalls schon zu 62 Prozent von landeseigenen Gesellschaften ausgebeutet, denen sogar 92 Prozent der bekannten Gasreserven gehörten. "Die Westkonzerne stecken bereits in einer Identitätskrise", stellt deshalb Fatih Birol fest, Chefökonom der Internationalen Energieagentur. "Die meisten ihrer Reserven gehen zurück. Und wenn es noch riesige Quellen gibt, so befinden sich diese vor allem in Ländern, zu denen die Unternehmen keinen Zugang haben."

"Von den Erlösen aus dem steigenden Ölpreis werden deshalb mit zunehmender Zeit staatlich kontrollierte Unternehmen stärker profitieren als die großen Ölkonzerne", sagt Rohstoff-Fondsmanager Daniel Genter von RNC Genter Capital. Damit aber läuft für die Staatskonzerne derzeit alles nach Plan, denn der Ölpreis steigt und steigt: Allein im Laufe der vergangenen zwölf Monate hat er sich nahezu verdoppelt. Am Donnerstagmorgen kostete ein 159-Liter-Fass sogar erstmals rund 145 Dollar - nicht zuletzt aufgrund der noch immer hohen Nachfrage nach dem Rohstoff. "Und die weitere Nachfrage nach Öl wird in zehn Jahren sogar in einem Ausmaß steigen, wie wir es uns derzeit nicht mal vorstellen können", prophezeit Stefan Liebig, Koordinator für Regierungsbeziehungen bei Shell International.

Darauf haben Aktiensparer weltweit bereits reagiert. Sie verkauften im vergangenen halben Jahr überraschend viele Atkien von BP, Exxon Mobil und Shell. Der Preis für deren Anteilscheine stagnierte somit bestenfalls oder fiel entsprechend: BP-Aktien etwa büßten 14 Prozent ihres Wertes ein und Shell-Papiere rund 20 Prozent. Doch die Kurse der mehrheitlich staatlichen russischen und brasilianischen Ölgesellschaften Gazprom und Petrobas kletterten um 20 sowie satte 90 Prozent - gegen den weltweit schwachen Börsentrend.

"Man stelle sich vor, was die Staatskonzerne verdienen können", sagt Fondsmanager James Halloran von der National City Private Client Group zur Begründung. Von den Giganten der Gegenwart, wie BP, Exxon oder Eni, spricht er nicht.

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