Wendelin Wiedeking "Die Porsche-Mitarbeiter haben den VW-Deal schließlich bezahlt"

Der ganze Rummel um die VW-Übernahme durch Porsche - Wendelin Wiedeking macht sich darauf seinen eigenen Reim. Bei einer Rede in Frankfurt schilderte er seine Sicht der Dinge. Statt aber gewohnt rustikal aufzutreten, versuchte er die Wogen zu glätten und gewährte Einblicke in das Übernahmeteam.

Frankfurt am Main - "Wir sind uns keiner Schuld bewusst", sagt er unvermittelt. Und: "Wenn wir mit Nokia in einen Topf geworfen werden, dann tut uns das weh." Das soll das Raubein an der Spitze von Porsche sein? Wendelin Wiedeking, jener Vollgas-Manager, der bei öffentlichen Auftritten vor Selbstvertrauen schier zu bersten scheint?

Wiedeking ist spürbar bemüht, dieses Bild zu brechen. "Wir führen mit allen, mit wirklich allen Beteiligten konstruktive Gespräche und sind uns in den Grundsatzfragen einig." Der Klartext, für den er berühmt ist, klingt schneidiger.

Nach dem Geschmack seiner Zuhörer dürfte er wohl ruhig fester in die Tasten hauen. Anlass seiner Rede ist der Eurobörsentag 2008, den die "Börsen-Zeitung" und PricewaterhouseCoopers veranstalten, Thema: "Staatsfonds als Aktionäre". Porsches Rolle als Investor sollte er darlegen und der Vorredner hat süffisant angekündigt: "Porsche  hat es ja mit einem ganz besonderen Staatsfonds zu tun." Da gab es wissendes Kichern und zustimmendes Nicken aus den ersten Reihen.

Ein Seitenhieb auf die Rolle des Landes Niedersachsen bei dem Autokonzern Volkswagen . Die Regierung besteht auf ihrer Sperrminorität von 20 Prozent, gegen die kein Investor weitreichende Entscheidungen treffen kann wie etwa Werksschließungen. Eine Sonderregelung, die durch das VW-Gesetz gesichert wird. Einmal schon hat der Europäische Gerichtshof das Gesetz für unrechtmäßig erklärt. Bei der neuen Version, die die Regierung inzwischen aufgelegt hat, wird er es wohl wieder tun.

Das Gesetz ist Wiedeking ein Dorn im Auge. Seit 2005 übernimmt Porsche Stück für Stück Anteile von Volkswagen und will im Herbst die 50-Prozent-Schwelle erreichen. Spätestens dann will er das Sagen haben. Politik wie Gewerkschaften vermuten dahinter immer wieder Werksschließungsgelüste, und seien sie bloß langfristig. So, wie schon die Gründung der Porsche Holding in der Geschäftsform einer SE (Societas Europaea) Misstrauen weckte, denn diese Gesellschaften nach europäischem Recht sind nicht in derselben Weise der Mitbestimmung verpflichtet wie deutsche Aktiengesellschaften.

"Ich habe für solche Bedenken sogar Verständnis", zirzt Wiedeking also auf dem Eurobörsentag. Die Bedeutung von VW für das Land Niedersachsen sei enorm, wenn ein Werk geschlossen würde, wären Tausende von Familien betroffen. Zu Recht fürchte mancher die Eskapaden eines renditehungrigen Investors.

Aber: "Das entspricht überhaupt nicht der Linie, die Porsche bisher gefahren ist." Die Sportwagenschmiede habe viel an ihren deutschen Standorten investiert, dabei auf Subventionen dankend verzichtet und pflege überall die Sozialpartnerschaft mit der Belegschaft.

"Wir werden einer Zerschlagung von Volkswagen nie zustimmen"

Warum also dieses Misstrauen? Nach den ersten Ankündigungen habe es noch einzelne Kommentatoren gegeben, die Porsche  als Weißen Ritter für VW bezeichnet hätten. Eine Sicht, der sich Wiedeking gerne anschließt. Schließlich habe der Wert der Volkswagen-Aktie  2005 deutlich unter 40 Euro gelegen. Beobachter hätten fest mit der Übernahme gerechnet, potenzielle Investoren aus Abu Dhabi die Werke schon in Augenschein genommen.

Doch irgendwann sei die Stimmung gekippt. Wahrscheinlich, so Wiedeking, weil Porsche damit gegen wichtige Gepflogenheiten der Wirtschaft verstieß. "Der Kleine übernimmt den Großen - das hatte es vorher nicht gegeben. Die Übernahme haben viele als Provokation verstanden."

In seiner Rede ist er in Fahrt gekommen, weicht immer wieder parlierend vom Text ab. So etwa, als die jüngste Wendung in den Verhandlungen mit den EU-Kartellbehörden einordnet, die detailliertere Unterlagen von den Stuttgartern angefordert und das Genehmigungsverfahren für die Übernahme verzögert haben: "Das will ich ihnen kurz erklären. Die EU-Beamten haben für solch eine Konstellation keinen Präzedenzfall", schiebt er ein. Weil sie selbst unsicher seien, hätten sie weitere Dokumente angefordert. Ein Problem sei das aber nicht.

Im Parlieren lässt er auch immer mehr von dem selbstsicheren und schalkhaften Wiedeking blicken, den man kennt. Dann kokettiert er mit den eigenen Erfolgen: "Mit unseren VW-Plänen haben wir von den Banken eine Kreditlinie über 35 Milliarden Euro bekommen - das finde ich nicht schlecht für ein mittelständisches Unternehmen mit 7 Milliarden Umsatz."

Und dann spielt er mit den Zuhörern: "Einige von Ihnen sind sicher Berater - ich will ja niemandem auf die Füße treten", kündigt er einen Fußtritt an. Um genüsslich das Team zu beschreiben, das bei Porsche an der Übernahme arbeitet: "Das machen bei uns gerade mal zehn Leute!" Grinsend setzt er hinzu: "Ich und mein Finanzvorstand schon mitgerechnet." Gesprächsangebote hin oder her: Dieser Mann will sich von seinem Ziel nicht abbringen lassen.

Doch auch in seiner milden Abendbotschaft betont er immer wieder: "Wir brauchen die Akzeptanz der Volkswagen-Belegschaft." Besänftigend auf diese dürfte hier sein Bekenntnis gewirkt haben, dass Porsche einer "Zerschlagung von Volkswagen nie zustimmen" werde. Zuletzt hatte es Gerüchte um eine etwaige Abspaltung der Tochter Audi gegeben.

Dennoch erläutert er ausführlich, warum im Aufsichtsrat künftig die Betriebsräte von Porsche und Volkswagen in gleicher Mannstärke vertreten sein sollen, obwohl doch VW ein Vielfaches an Mitarbeitern hat - ein besonders bitterer Streitpunkt, der auch das Potenzial hat, die Belegschaften gegeneinander aufzubringen.

"Ich sage dazu ganz ehrlich: Wir müssen Sorge tragen, dass wir nicht von Volkswagen dominiert werden", so Wiedeking. Auch hier wieder der Verweis auf die neuartige Konstellation. Wer zahlt, soll aber Koch sein, nicht Kellner. Selbst wenn er kleiner gewachsen ist. Die Fifty-fifty-Besetzung sei ein "faires Angebot", schließlich hätte man den Sitz der Holding auch einfach ins Ausland verlegen können.

Bei allem Werben um Verständnis, bei aller Diplomatie markiert Wiedeking hier seine Schmerzgrenze. Nicht zuletzt sei man es den Porsche-Mitarbeitern schuldig, dass ihre Position künftig stark bleibe: "Die haben schließlich den VW-Deal bezahlt."

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