60 Jahre D-Mark Die deutsche Schocktherapie

Jubiläum für ein Symbol des deutschen Wirtschaftswunders: Vor 60 Jahren ließ Ludwig Erhard die Deutsche Mark einführen. Auch das neue Geld verlor an Wert, aber langsamer als andere Währungen. Noch stabiler zeigt sich bisher der D-Mark-Nachfolger Euro, obwohl viele ihn als "Teuro" empfinden.

Berlin/Frankfurt am Main - Gute Butter, echter Bohnenkaffee und exotische Südfrüchte: Als vor 60 Jahren am 20. Juni 1948 die D-Mark eingeführt wurde, waren über Nacht die leeren Auslagen der Geschäfte prall gefüllt. Die Händler im zerstörten Nachkriegs-Deutschland hatten Waren gehortet, weil sie der nutzlos gewordenen alten Währung Reichsmark nicht mehr trauten.

Nun konnten die Menschen plötzlich wieder alles kaufen. "Die neue Mark - ein Sesam-öffne-Dich", lautete damals eine Schlagzeile in den Zeitungen. Oder im Schlager: "Jetzt kommt das Wirtschaftswunder, der deutsche Bauch erholt sich auch und wird schon etwas runder."

Auf diesem Effekt gründete der Mythos der D-Mark, die nach dem US-Dollar zur zweitwichtigsten Reserve- und Handelswährung der Welt wurde. Die Währungsreform 1948 war eine Schocktherapie: Jeder Bürger erhielt 40 Mark "Kopfgeld" und einen Monat später noch mal 20 Mark. Private Bankguthaben wurden auf ein Zehntel zusammengestrichen.

Damit wurden viele Kleinsparer die Verlierer der Reform, weil ihre Guthaben aufgezehrt wurden. Die neue Währung konnte aber nur erfolgreich sein, weil sie von einer umfassenden Wirtschaftsreform - der Rückkehr zur offenen Marktwirtschaft - und vom Marshallplan (Wiederaufbauprogramm der USA) begleitet wurde.

Die Währungsreform wurde zur Geburtsstunde der sozialen Marktwirtschaft. Als Vater des Wirtschaftswunders gilt Ludwig Erhard. Der spätere Wirtschaftsminister und CDU-Kanzler verkündete am Tag vor der Währungsreform eigenmächtig gegen den Willen der Amerikaner die Aufhebung von Zwangsbewirtschaftung und Preisbindung für viele Güter.

"Wohlstand für alle"

"Wohlstand für alle"

Als der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay ihn empört zur Rede stellte mit den Worten: "Meine Berater sagten mir, Sie hätten einen schrecklichen Fehler gemacht", antwortete Erhard kühn: "Meine sagen mir das gleiche." Doch der rasante Aufschwung gab ihm recht und machte den Franken zu einem politischen Mythos.

Für die CDU war Erhard mit der klaren Botschaft "Wohlstand für alle" eine Wahllokomotive. Die Bürger vertrauten dem Professor, der seine berühmten Stumpen der Marke "Schwarze Weisheit" rauchte und sich selbst nicht als Machtmensch, sondern als Wissenschaftler sah.

Vom Wirtschaftsboom profitierten breite Schichten, die Kaufkraft stieg. Musste ein Arbeiter 1950 im Schnitt für ein Kilo Kaffee 22 Stunden schuften, waren es zehn Jahre später nur noch sechs Stunden. Für einen VW-Käfer schrumpfte der Gegenwert von 500 auf gut 170 Arbeitstage.

Mit den ersten Volksaktien von Preussag (heute Tui ), Veba (aufgegangen in Eon ) und Volkswagen  wurden seit 1959 über eine Million Bundesbürger zu Aktionären. Im Pauschalflieger ging es mit der starken Mark im Geldbeutel in die weite Welt. Die Stabilität der Währung war weltberühmt. Dennoch verlor sie in den 54 Jahren ihrer Geltung bei einer Inflationsrate von im Schnitt knapp 3 Prozent fast drei Viertel ihres Wertes.

Der Nachfolger Euro schneidet bislang besser ab: In den zehn Jahren seit Einführung ist die Gemeinschaftswährung mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,1 Prozent stabiler als die Mark - und wird dennoch als "Teuro" verschrien. "Die D-Mark war für die Deutschen schlichtweg ein nationales Identifikationssymbol", sagt Bundesbank-Präsident Axel Weber.

Das große Wirtschaftswunder dauerte bis zur ersten Rezession im Jahr 1967. Da war Erhard als Politiker schon entzaubert - als Kanzler blieb er von 1963 bis 1966 ohne Fortune. Seine historische Leistung ist aber unbestritten. Sechs Jahrzehnte nach der Währungsreform weckt nun die Globalisierung Zweifel am Mythos der Marktwirtschaft. Jüngst sagten 38 Prozent in einer Umfrage, sie hätten keine gute Meinung von dem Modell.

Tim Braune und Marion Trimborn, dpa

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