Indien Die Zukunft ist weiblich

Indiens Frauen drängen nach oben. Sie gründen und managen erfolgreich Unternehmen und haben sich als Spitzenkräfte in internationalen Führungsetagen etabliert. Zudem wächst in Indiens Mittel- und Oberschicht das Kaufkraftpotenzial der Frauen stetig. Nun rücken sie zunehmend auch in den Fokus westlicher Unternehmen.
Von Ashish Singh

Sie hat mit 250 Dollar Starkapital begonnen, heute ist Kiran Mazumdar-Shaw die reichste Frau des Landes. Zugleich ist sie ein beeindruckendes Beispiel für nicht nachlassendes Engagement und Energie: Alle Hürden überwindend, hat sie sich mit ihrem Biotechunternehmen Biocon bis ganz nach oben gekämpft.

Dass sie nach Abschluss ihres Studiums als Indiens erste Braumeisterin weder zu Vorstellungsgesprächen eingeladen wurde, noch von Banken einen Kredit bekam, spornte sie in ihrem unternehmerischen Drang nur noch zusätzlich an. Mittels ihrer patentierten Fermentiertechnik produziert sie mittlerweile für ihre weltweiten Kunden günstige Generika und etablierte Biocon nicht nur als Indiens beliebtesten Arbeitgeber, sondern auch als Asiens größten Insulinhersteller.

Dabei stellt das Beispiel von Kiran Mazumdar-Shaw hierzulande keinen Einzelfall dar. Inzwischen bietet das liberalisierte wirtschaftliche Umfeld selbstbewussten und couragierten Frauen nie da gewesene Chancen. Nach Angaben des aktuellen Grant Thornton International Business Reports sind 14 Prozent der Führungspositionen in der indischen Wirtschaft mit Frauen besetzt – in Deutschland sind es nur 12 Prozent.

Im Ranking der Zeitschrift Fortune "Global Power 50" stammten im vergangenen Jahr von den weltweit 50 mächtigsten Managerinnen drei aus Indien. Darunter Indra Nooyi, CEO von Pepsico. Seit 2006 steht sie dem US-Konzern mit 35 Milliarden US-Dollar Umsatz und 168.000 Mitarbeitern vor. Mit Fleiß und unstillbarem Wissensdurst hat sie seit ihrem Amtsantritt den Absatz verdoppelt, Pepsicos  Börsenwert auf über 100 Milliarden US-Dollar gesteigert und damit dem Erzrivalen Coca-Cola  das Fürchten gelehrt.

Von Erfolgsgeschichten wie diesen ist die große Mehrheit der indischen Frauen allerdings noch weit entfernt. Nach Angaben von Unicef hat sich zwar in den letzten fünf Jahrzehnten die Zahl der Frauen, die schreiben und lesen können, von 10 Prozent auf rund 45 Prozent erhöht. Doch trotz bestehender Fortschritte ist die Analphabetenrate nach wie vor hoch.

Immer mehr indische Ingenieurinnen

Immer mehr indische Ingenieurinnen

Kein Zweifel, die Probleme der Unterschicht im Land sind groß. Doch im internationalen Vergleich verfügt Indien schon jetzt mit rund 300 Millionen Menschen über eine enorme Mittelschicht – und diese Gruppe wächst stetig weiter. Durch die Globalisierung und die kontinuierlich prosperierende Wirtschaft nimmt auch in Indien die Zahl der Frauen zu, die gut eine Ausbildung genießen, einen Beruf ausüben und sich mehr und mehr leisten können.

So stieg beispielsweise die Anzahl der weiblichen Ingenieursabsolventen am Indian Institute of Technology in Bombay von 0,8 Prozent im Jahr 1972 auf 8 Prozent 2005. Von den 124 Millionen Inderinnen, die offiziell erwerbstätig sind, zählt eine steigende Anzahl zur urbanisierten und kauffreudigen Mittelschicht.

Nach Einschätzungen des indischen Wirtschaftswissenschaftlers und Unternehmensberaters C.K. Prahalad ist das Kaufkraftvolumen nicht nur am oberen, sondern auch am unteren Ende der gesellschaftlichen Pyramide riesig. Millionen unterversorgter Verbraucher verfügen über ein immenses Nachfragepotenzial und warten darauf, mit preiswerten Waren versorgt zu werden. Gerade bei Produkten des täglichen Bedarfs treffen die Frauen in der Familie – über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg – die Konsumentscheidungen.

Deutsche Hersteller bestehen vor allem dann am Markt, wenn sie verstehen, was die Kundinnen vor Ort wünschen und gleichzeitig die große Masse bedienen können. Beispielsweise vertreibt Henkel  seit 2004 Spülmittel in verschiedenen Verpackungsgrößen – von 500 Milliliter über 120 bis hin zu einem Minifläschchen von sechs Milliliter zu einem Preis von 1,5 Eurocent werden alle gesellschaftlichen Schichten angesprochen. Mit dieser Strategie gelang es dem Seifenproduzenten einen Marktanteil von 45 Prozent bei flüssigen Geschirrspülmitteln zu erobern.

Frauen zwingen Konzerne zum Umdenken

Frauen zwingen Konzerne zum Umdenken

In ähnlicher Art und Weise hat die Allianz  das hohe wirtschaftliche Potenzial indischer Frauen entdeckt: Ausgelöst von der Tsunamitragödie 2004 wird in Südindien zusammen mit der Hilfsorganisation Care eine Mikrounfallversicherung angeboten, mit Prämien von monatlich umgerechnet fünf Eurocent. Der Konzern prognostiziert das Marktpotenzial für das neu entdeckte Segment auf über 250 Millionen Kunden. Anders als Männer legen Frauen höheren Wert auf Familienfürsorge, weswegen die Allianz mit rund 80 Prozent Versicherungsnehmerinnen rechnet.

Das Modelabel Esprit  produziert heute nicht nur Indien, sondern verkauft hier auch seinen "neotraditionellen Stil", indem es seine Modelle den Modewünschen der indischen Frauen anpasst. Diese Customizingstrategie geht auf: Momentan unterhält das Unternehmen in verschiedenen indischen Städten fünf Filialen, Verträge für 120 weitere Standorte sind bereits unterschrieben. Das Management schätzt den zu erwartenden Umsatz in den kommenden Jahren – bei zurückhaltender Kalkulation – auf eine Milliarde Euro.

Die aufstrebende Mittelstandsklientel hat auch die Bank ICICI im Blick: Dort machten hauptsächlich Managerinnen wie Chanda Kochhar und Shikha Sharma das Geldhaus mit der Vergabe von Konsumentenkrediten sowie der flächendeckenden Einführung von Geldautomaten zur führenden Bank im indischen Privatkundengeschäft.

Von der Konkurrenz als "Petticoat Brigade" bespöttelt, sorgt bei ICICI eine überdurchschnittlich hohe Anzahl weiblicher Spitzenkräfte für anhaltend gute Erträge und lässt einen Blick in die Zukunft wagen: Die Arbeitsbedingungen sind frauenfreundlich. Sich einen Tag frei zu nehmen, um ein krankes Kind zu betreuen, ist eben so wenig ein Problem wie die Rückkehr nach der Babypause.

Frauen wie bei ICICI bringen frischen Wind in die ohnehin schon sehr dynamische Wirtschaft Indiens. Auch Kiran Mazumdar-Shaw setzt bei Biocon weiterhin gezielt auf die Frauenkarte – ein Drittel der 3000 Beschäftigten sind weiblich. Ausgegrenzt sieht sich die Unternehmerin schon lange nicht mehr. Auf die Frage eines Journalisten, ob sie denn noch immer diskriminiert werde, antwortete sie selbstsicher: "Ab einem gewissen Erfolg löst sich die Frauenfrage in Luft auf."

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