Siemens-Prozess Kaeser will nichts gewusst haben

Als erster prominenter Zeuge im Siemens-Korruptionsprozess ist Finanzvorstand Joe Kaeser ins Kreuzfeuer geraten. Kaeser zeigte sich ahnungslos. In seinem persönlichen Wertesystem sei für Korruption kein Platz. Allerdings musste er eingestehen, dass er dubiose Zahlungsanweisungen nicht als solche erkannt hätte.

München - Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser hat nach eigenen Angaben nichts von Schmiergeldzahlungen und schwarzen Kassen in der zeitweilig von ihm geführten Mobilfunksparte des Konzerns gewusst. "Ich hätte solche Kassen niemals geduldet, wenn ich von ihnen gewusst hätte", sagte Kaeser als Zeuge vor dem Münchener Landgericht im Prozess gegen den ehemaligen Siemens-Festnetzspartenmanager Reinhard S.

Der Angeklagte hatte bereits am ersten Verhandlungstag zugegeben, ein System von Zahlungen für Scheinberater installiert zu haben, um den Schmiergeldfluss bei Siemens  zu sichern. Er ist wegen der Untreue in mehr als 50 Fällen angeklagt. Von den Vorgängen hätten aber auch die Bereichsvorstände gewusst. In früheren Vernehmungen hatte er in diesem Zusammenhang auch auf Kaeser verwiesen, der 2001 bis 2004 Finanzchef der Mobilfunksparte war.

Kaeser ist der einzige aktive Siemens-Vorstand, der im Verfahren gegen Reinhard S. als Zeuge aussagt. Nach Bekanntwerden der Korruptionsaffäre waren wiederholt Vorwürfe gegen Kaeser laut geworden, er habe von den Zahlungen gewusst, mit denen sich Siemens jahrelang Aufträge im Ausland sicherte.

"Für mich ist das Thema Bestechung eines, das in meinen Werten nicht vorkommt. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass es ein derartiges systemisches Geflecht von Zahlungen gegeben hat", sagte Kaeser. Erst später habe er "vom Hörensagen" durch einzelne Berichten des Hauskontrolleurs Albrecht Schäfer Hinweise auf Ermittlungen in Liechtenstein wegen dubioser Zahlungen bekommen.

Der Verteidiger von Reinhard S., Uwe von Saalfeld, konfrontierte Kaeser mit Anweisungen für Barauszahlungen in Millionenhöhe für einen einzelnen Mitarbeiter. Der heutige Finanzvorstand betonte jedoch, er hätte diese Dokumente damals nicht als fragwürdig erkannt, weil sie von vier führenden Mitarbeitern unterzeichnet waren, denen er vertraut hätte. "Barzahlungen sind ja auch nicht verboten."

Im Zuge der Aufarbeitung des Prozesse ist Siemens inzwischen auf dubiose Zahlungen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro gestoßen. Der Großteil davon ist in der Telekommunikationssparte angefallen. Die Staatsanwaltschaft führt inzwischen etwa 300 Beschuldigte, darunter ehemalige Vorstände. Für Aufarbeitung und Strafzahlungen hat der Konzern fast zwei Milliarden Euro aufgewendet.

Der Prozess wird an sechs weiteren Prozesstagen fortgesetzt. Der ehemalige Konzernchef Heinrich von Pierer hatte von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht, weil die Staatsanwaltschaft gegen ihn ein Ordnungswidrigkeitsverfahren wegen möglicher Aufsichtspflichtsverletzung führt.

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.