Siemens-Skandal Mandat aus Gold

Die Aufklärung des Schmiergeldskandals wird für Siemens immer teurer. Allein externe Anwälte und Wirtschaftsprüfer könnten bis zum Jahresende eine Milliarde Euro für ihre Dienste einstreichen. Gleichzeitig wächst im Unternehmen die Unzufriedenheit mit der Arbeit der Berater.

Hamburg - Für manchen Mitarbeiter war es ein mittlerer Kulturschock, als die neuen Soldaten von Siemens  erstmals die Bühne betraten. "Die sind einfach schnurstracks in die Büros marschiert und haben sich die Akten aus den Schränken genommen", erinnert sich ein Manager an das plötzliche Erscheinen der US-amerikanischen Anwälte der Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton. Sie sollen im Auftrag des Aufsichtsrats den wohl größten Schmiergeldskandal der Wirtschaftsgeschichte aufklären.

Andere wohlverdiente Siemensianer kamen einfach nicht damit klar, dass sie auf einmal von dezent gekleideten Männern und Frauen in den Zwanzigern munter ausgefragt wurden. Da habe der Konzern wohl ein Projekt im Wettbewerb "Jugend forscht" gestartet, ätzten einige.

Derartige atmosphärische Störungen, zuweilen garniert mit kräftigen anti-amerikanischen Ressentiments, gelten mittlerweile zwar als ausgeräumt. Die Leistung der Kanzlei, korrupte Strukturen offenzulegen und die US-amerikanische Börsenaufsicht SEC bei möglichen Strafen milde zu stimmen, erkennen die Mitarbeiter prinzipiell an, heißt es beispielsweise auf der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat. Siemens hat sich an seine Berater gewöhnt.

Doch gerade deshalb wird manchen im Konzern inzwischen mulmig, wenn sie den Namen Debevoise vernehmen. Denn die Untersuchung hat ständig größere Ausmaße angenommen - weil der Skandal immer neue Facetten offenbart, und weil die Anwälte ihr Mandat so großzügig auslegen wie möglich, wie Kritiker behaupten. Das lässt die Einnahmen der Kanzlei mit Sitz in der New Yorker Third Avenue kräftig sprudeln.

Für Siemens bedeutet es eine kaum zu kontrollierende Ausgabenexplosion. Die horrenden Aufwendungen ermöglichen nach Ansicht von Insidern indes noch keine durchschlagende Beweisführung gegen den alten Vorstand. Außerdem haben sie noch immer nicht den ersehnten Vergleich mit der SEC gebracht.

Insgesamt hat der Konzern nach eigenen Angaben bereits rund 650 Millionen Euro für externe Berater im Korruptionsskandal ausgegeben. Die im Quartal fälligen Zahlungen waren zuletzt auf 175 Millionen Euro emporgeschnellt. Ein Betrag in ungefähr dieser Höhe dürfte auch im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres anfallen, schätzen Unternehmenskenner. Da sich die Aufwendungen erst "auf Sicht" reduzieren lassen, wie Finanzvorstand Joe Kaeser sagt, rückt die Marke von einer Milliarde Euro für Anwälte und Wirtschaftsprüfer inzwischen in Reichweite.

Wer vom Kuchen am meisten abbekommt

Wer vom Kuchen am meisten abbekommt

"Die Dimension des Verfahrens ist völlig außergewöhnlich, da sind die mit der Aufklärung verbundenen Kosten ebenfalls außergewöhnlich", sagt der Chef des Netzwerks Compliance, Christoph Hauschka, gegenüber manager-magazin.de. Doch Wirtschaftsprüfer und Anwälte haben offensichtlich auch ein Näschen dafür, wie sie die Zwangslage des Technologiekonzerns zu ihren Gunsten nutzen. "Man kann die Untersuchung mit einer Gründlichkeit betreiben, die einen nahezu unendlichen Einsatz von Manpower rechtfertigt", sagt Hauschka.

Wer wie viel von dem Milliardenkuchen für sich reklamieren kann, gibt Siemens offiziell nicht bekannt. Aus dem Unternehmen ist aber zu hören, dass Schätzungen in etwa korrekt sind, nach denen die Wirtschaftsprüfer von Deloitte Touche Tohmatsu die Hälfte bekommen und Debevoise knapp ein Viertel.

Die Kanzlei Davis Polk, die Siemens vor den US-Behörden vertritt, erhält demnach etwa 5 Prozent. Der Rest verteilt sich auf weitere Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater wie PricewaterhouseCoopers und KPMG. Eine Reihe weiterer Anwaltskanzleien profitiert von kleineren Aufträgen, dazu zählen Gleiss Lutz, Müller & Kollegen, Baker & McKenzie und Hengeler Müller.

Deloitte und Debevoise schultern bei der Aufklärung des Korruptionsskandals die Hauptlast und arbeiten eng zusammen. Die Anwälte sind um die Welt gejettet und haben zig Millionen Dokumente gewälzt, in mehr als 1000 Interviews Mitarbeiter vernommen und Protokolle geschrieben. Deloitte bringt das Fachwissen in Sachen Bilanzbuchhaltung ein und liefert damit die Voraussetzung, um das Puzzle der dubiosen Zahlungen zusammenzusetzen.

Außerdem überprüft Debevoise das komplette Compliance-System des Münchener Konzerns. Das Regelwerk, das die Einhaltung der Gesetze sichern soll, hatte im Rahmen der Schmiergeldzahlungen bei Siemens grandios versagt und diese möglicherweise sogar gedeckt und damit ermöglicht. So gab der momentan in München vor Gericht stehende mutmaßliche Organisator der schwarzen Kassen, Reinhard S., an, er habe sich bei der Compliance-Abteilung Rat geholt, wie er sein System besser verschleiern könne.

"Das Material muss aufpoliert werden"

"Das Material muss aufpoliert werden"

Die Leute von PricewaterhouseCoopers assistieren bei der Einführung des neuen Compliance-Systems und machen Vorschläge für eine verbesserte Finanzberichterstattung, die übrigen Anwaltskanzleien kümmern sich beispielsweise um Schadensersatzansprüche gegen die Verantwortlichen oder beraten Mitarbeiter, die als Zeugen aussagen.

Doch vor allem die Bestandsaufnahme des Korruptionsgeflechts durch die Anwälte von Debevoise gerät zunehmend in die Kritik. Im Winter hatte der Siemens-Vorstand noch Zuversicht verbreitet, dass zügig genügend belastbares Material zusammenkommen würde, das einen Vergleich mit der SEC ermöglicht. Nun hält sich das Unternehmen eher bedeckt, wann es dazu kommen könnte.

Investoren wollen Ross und Reiter kennen

Der Unmut bei Siemens wächst. "Das Material muss noch kräftig aufpoliert werden, um es prozessfähig zu machen", heißt es im Unternehmensumfeld. Zwar bezweifelt niemand, dass es Debevoise geschafft hat, ein umfassendes Bild des Zahlungsgeflechts zu erstellen.

"Es ist Debevoise aber noch nicht gelungen, die Verantwortlichkeiten klar herauszuarbeiten." Die US-amerikanische Börsenaufsicht ist jedoch gerade daran interessiert, welche Mitglieder des Führungspersonals den Skandal verantworten, damit sichergestellt ist, dass diese Leute im Konzern nichts mehr zu sagen haben.

Auch in Deutschland bringen die Ergebnisse Siemens noch nicht so schnell weiter wie erhofft. Dass Ross und Reiter bisher nicht in der gewünschten Form beim Namen genannt worden sind, erzürnt vor allem die Investoren. Sie und der Aufsichtsrat wollen vom alten Vorstand Schadensersatz und sitzen ungeduldig in den Startlöchern.

Manche Investoren würden am liebsten bald auf eigene Faust vor Gericht losschlagen und die horrenden Beraterkosten von den Ex-Vorständen und deren Manager-Haftpflichtversicherungen wiederholen, doch der rote Faden in der Klagestory fehlt noch.

"Siemens ist in einer Zwangslage"

"Siemens ist in einer Zwangslage"

"Die Anwälte von Debevoise kennen jeden Leitz-Ordner in Nigeria, und man kann mit dem Material stundenlang den Mechanismus beschreiben. Aber die Zuordnung nach oben ist nicht klar", heißt es im Unternehmensumfeld. Die Kanzlei habe möglicherweise nicht ausreichend im Blick gehabt, dass vor allem in Deutschland fehlerhaftes Handeln oder Unterlassen klar nachgewiesen werden müssen, damit die Investoren mit Aussicht auf Erfolg Schadensersatz geltend machen können. "Die Grundstimmung ist deshalb, dass Debevoise keine gute Arbeit abgeliefert hat."

Die Darstellung, es gebe deutliche Kritik an Debevoise im Konzern, wollte ein Unternehmenssprecher gegenüber manager-magazin.de nicht kommentieren. Jedoch wird es für Siemens immer teurer, je länger die Untersuchungen weitergehen. "Es dauert eben so lange wie es dauert", sagte der Sprecher süffisant.

Insidern zufolge berechnet die Kanzlei einen pauschalen Tagessatz von einer Million Euro. Siemens wollte die Zahl nicht kommentieren und sich gegenüber manager-magazin.de nicht zu Details des Vertrags äußern. Debevoise nahm überhaupt keine Stellung zum Fall Siemens und verwies auf das Unternehmen.

"Siemens ist natürlich in einer Zwangslage" heißt es bei der IG Metall, die sich von der Untersuchung dennoch weiter viel verspricht. "Das Unternehmen hatte nicht viel Spielraum und musste über Nacht eine Lösung präsentieren", erklärt eine Person aus dem Umkreis des Konzerns die hohen Honorare und die Lage, in die Siemens geraten ist, als das Unternehmen nach der Razzia im Herbst 2006 rasch seine US-amerikanischen Berater vorstellte, um es der SEC recht zu machen.

Ein Zurück wird es für Siemens jedenfalls nicht geben. Jede offene Misstrauensbekundung an der Arbeit der Berater würde deren Reputation und damit die von Siemens vor der SEC verschlechtern. Fällt die Strafe der SEC milde aus und schließen die US-Behörden Siemens nicht von öffentlichen Aufträgen aus, hätte sich die Zusammenarbeit trotz hoher Kosten noch gelohnt.

Auf längere Sicht will Siemens die Haltung seiner Mitarbeiter zu Recht und Gesetz wieder überwiegend in eigene Hände nehmen. Die neue Compliance-Abteilung, die Chief Compliance Officer Andreas Pohlmann aufbaut, wird von derzeit gut 200 auf 450 Mitarbeiter ausgebaut. Das soll langfristig auch kräftig Kosten für externe Berater sparen. Soll es doch unter keinen Umständen dazu kommen, dass diese Aufwendungen eine mögliche Strafzahlung der SEC übersteigen, wie manche Beobachter bereits spotten.

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