Standort "In Hamburg deutlich weniger Innovationen"

Welche deutschen Großstädte haben die besten Zukunftsperspektiven? manager-magazin.de sprach mit Wolfgang Pflüger, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, und Silvia Stiller, wissenschaftliche Leiterin des HWWI-Städterankings, über die Ergebnisse der Standortstudie.

mm.de: Es gibt bereits eine ganze Reihe von Städterankings, die alles mögliche messen: Von den Immobilienpreisen einer Stadt bis zur Fahrradfreundlichkeit. Warum noch eine Städterangliste?

Pflüger: In vielen Rankings stehen weiche Faktoren im Vordergrund, mit denen die Lebensqualität einer Stadt gemessen werden soll.

Wir schauen eher mit der Brille des Volkswirts und verlassen uns auf solche Faktoren, die neueren Wachstumstheorien zufolge für das wirtschaftliche Wachstum einer Stadt in den kommenden zehn, 15 Jahren entscheidend sind. Dabei spielten solche Indikatoren eine besondere Rolle, die für die globale wirtschaftliche Verflechtung einer Stadt stehen: Vom Anteil der ausländischen Arbeitnehmer bis zur Erreichbarkeit auf Straße, Schiene oder Luftweg.

mm.de: Die Ergebnisse beim Spitzentrio sind nicht besonders überraschend. Wo immer Städte anhand von ökonomischen Kriterien untersucht werden, stehen Frankfurt, München und Stuttgart auf dem Siegertreppchen.

Stiller: Stimmt, unser Ranking bestätigt einmal mehr: Diese drei Städte sind wirklich die ökonomischen Spitzenreiter in Deutschland. Aber sie sind auf ganz unterschiedlichen Wegen in diese Position geraten: Frankfurt ist die international geprägte Dienstleistungsmetropole schlechthin. Neun von zehn Arbeitnehmern arbeiten hier im Dienstleistungsbereich.

München und Stuttgart hingegen sind einen ganz anderen Erfolgsweg gegangen. Sie sind nach wie vor stark von Industrie geprägt. Allerdings von einer Industrie, die extrem forschungsintensiv, hochproduktiv und weltweit wettbewerbsfähig ist. Die klare Botschaft: Dienstleistungen sind nicht der einzige Weg an die Spitze. Aber wenn man sich als Industriestadt sieht, dann muss man auch dafür sorgen, dass ständig neues Wissen in den Produktionsprozess eingebracht wird.

"Mit Internationalität umgehen"

mm.de: Warum bewerten Sie in dem Ranking die Internationalität einer Stadt positiv? Berlin-Neukölln ist auch international, aber wirtschaftlich nicht besonders erfolgreich.

Stiller: Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen: Teams, die sich aus Arbeitnehmern verschiedener Nationalitäten zusammensetzen, sind im Schnitt besonders innovativ. Wir haben den Anteil ausländischer sozialversicherungspflichtiger Arbeitnehmer und den Anteil ausländischer Studierender bewertet.

Beides ist ein Indikator für die Offenheit einer Stadt; für die Fähigkeit mit Internationalität umzugehen und ein Klima zu schaffen, in dem sich Menschen aus verschiedenen Kulturräumen wohlfühlen und produktiv zusammenarbeiten. Wie unsere Untersuchung zeigt, gibt es hier gewaltige Unterschiede. Unsere Top Drei haben auch einen besonders hohen Anteil ausländischer Beschäftigter. Der Osten hingegen hat Nachholbedarf.

Pflüger: In Neukölln ist sicherlich der Ausländeranteil besonders hoch. Das reicht aber noch nicht, um in unserem Ranking positiv abzuschneiden. Die Ausländer müssen auch am Erwerbs- oder Hochschulleben teilnehmen.

mm.de: Wir sitzen hier in Hamburg zusammen, hinsichtlich der Wirtschaftsleistung pro Kopf eine der wohlhabendsten Städte Deutschlands. In ihrem Ranking liegt Hamburg deutlich hinter dem Spitzentrio auf Platz 8. Was zieht Hamburg nach unten?

Stiller: Zum Beispiel der gerade erwähnte Punkt Internationalität. Der Anteil ausländischer Beschäftigter ist in Hamburg geringer als im Spitzentrio. Zweiter Nachteil: In Hamburg ist auch der Anteil hoch qualifizierter Beschäftigter geringer als im Spitzentrio, Dritter Nachteil: In Hamburg entstehen deutlich weniger Innovationen als in Stuttgart oder München, gemessen anhand der Zahl der Patentanmeldungen. Das liegt wiederum an der Wirtschaftsstruktur: Geforscht und entwickelt wird besonders viel in der Industrie, und der Anteil an Industriebeschäftigten ist in Hamburg relativ gering.

"Politik muss Potenziale erkennen"

mm.de: Inwieweit kann gute oder schlechte Kommunalpolitik das Abschneiden im Ranking mitbestimmen? Sind die Städte ihres Glückes Schmied, oder entscheiden vor allem historische und geographische Faktoren über das wirtschaftliche Potenzial einer Stadt?

Pflüger: Beides. Es gibt sicher wichtige historische und geografische Gegebenheiten. Frankfurt ist heute der deutsche Bankenplatz, weil sich mit der Gründung der Bundesrepublik die Bundesbank dort angesiedelt hat. Münchens Stärke in der Hightech-Industrie hat seine Wurzeln in der Ansiedlung von Siemens zur selben Zeit.

Andere Städte profitieren bis heute von ihrer Lage an bestimmten Handelswegen oder am Meer. Wenn eine Stadt durch eine solche historische oder geografische Gegebenheit auf einen Aufwärtspfad geschoben wurde, dann läuft die Entwicklung normalerweise eine ganze Weile in diese Richtung weiter - ohne dass ein Oberbürgermeister besonders viel dazu beitragen muss oder kann.

mm.de: Also ist Kommunalpolitik überflüssig?

Stiller: Keineswegs! Die Rolle der Politik besteht darin, die Potenziale und Stärken einer Stadt richtig zu erkennen und entsprechend zu fördern. Dann kann es im günstigsten Fall zu einem sich selbst verstärkenden Wachstumsprozess kommen. Außerdem finden sich im Ranking auch beeindruckende Turnaround-Fälle, in denen kluge Standortpolitik durchaus einen Unterschied gemacht hat.

Dresden hat den Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft deutlich besser gemeistert als Leipzig oder Chemnitz. Dortmund hat den Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungswirtschaft besser gemeistert als die übrigen Ruhrgebietsstädte.

mm.de: Warum beauftragt die Berenberg Bank ein Ranking wie dieses?

Pflüger: Wachstum spielt sich weltweit immer mehr in Städten ab. Da ist es für uns als Bank und auch für unsere Kunden natürlich durchaus interessant, zu erfahren: Welche deutschen Städte werden von dieser Entwicklung profitieren.

mm.de: Wie kann ein Bankkunde von diesem Ranking profitieren?

Pflüger: Wohlhabende Familien, die zum Beispiel schon seit Generationen Immobilien in bestimmten Städten besitzen, können unsere Studie als Grundlage nehmen, um sich Gedanken über ihr Portfolio zu machen. Soll ich die Immobilien halten? Soll ich umschichten?

"Lebensstile und Karrierechancen"

mm.de: Das heißt wenn ich größere Immobilienbestände im hinteren Drittel der Rangliste besitze, dann sollte ich mir Sorgen machen?

Pflüger: Das wäre zu pauschal gedacht. Die günstigen ökonomischen Zukunftsperspektiven einer Stadt sind in den Immobilen vielfach schon eingepreist. Stuttgart, München und Frankfurt zeichnen sich ja schon heute durch die höchsten Immobilienpreise Deutschlands aus. Da kann es in Toplagen von Städten, die im Ranking hinten liegen, durchaus vergleichbare prozentuale Wertsteigerungen geben.

mm.de: Aber einen Großteil seines Vermögens in Immobilien in Chemnitz anzulegen, ist vermutlich keine gute Idee?

Pflüger: Wohl eher nicht.

mm.de: Was bedeutet das Ranking für die Berufs- und Karriereplanung? Sagen mir die Daten, dass ich als kreativer Kopf mit Karriereambitionen besser nicht nach Gelsenkirchen ziehen sollte?

Stiller: Der Theorie nach wandern kreative Eliten dorthin, wo ihnen die gewünschte Vielfalt der Lebensstile und Karrierechancen geboten wird. Damit nimmt in den übrigen Städten die Vielfalt weiter ab. Im schlimmsten Fall kann es zu einer Negativspirale kommen, in deren Verlauf eine weniger attraktive Stadt immer mehr von jenem Menschenschlag verlassen wird, der für ihre wirtschaftliche Entwicklung besonders wichtig wäre.

Pflüger: Wir merken selbst, dass es uns relativ leicht fällt, gute Hochschulabsolventen zu rekrutieren. Das liegt auch am Standort Hamburg, der in den Augen junger Menschen enorm gewonnen hat.

mm.de: Ich dachte, die jungen Erfolgreichen wollen alle nach Berlin.

Pflüger: Mag sein, aber da gibt es nicht so gute Jobs wie bei uns in der Bank.

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