Spitzelaffäre Razzia in der Telekom-Zentrale

In der Bespitzelungsaffäre bei der Deutschen Telekom ermitteln jetzt die Staatsanwälte. Am Donnerstag durchsuchten Fahnder die Konzernzentrale. Auch Vorstandschef René Obermann gerät trotz beruhigender Worte des Aufsichtsrats unter Druck. Bereits im Jahr 2000 soll die Telekom Aufträge für Bespitzelungen erteilt haben.

Bonn/München - In der Bespitzelungsaffäre der Deutschen Telekom  hat die Bonner Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Das teilte ein Sprecher der Anklagebehörde am Donnerstag auf Anfrage mit. Die Konzernzentrale wurde von Beamten durchsucht.

Die Behörde bestätigte, dass die Ermittlungen aufgenommen wurden, wollte aber nähere Angaben erst nach den "derzeit laufenden Maßnahmen" machen.

Telekom-Chef René Obermann hatte am vergangenen Wochenende eingeräumt, dass der Konzern 2005 und teilweise auch 2006 Telefon-Verbindungsdaten missbräuchlich benutzt habe.

Telekom-Sprecher Philipp Schindera sagte, dass angesichts der Schwere der Vorwürfe von einer Einleitung eines Ermittlungsverfahrens auszugehen war. Am Mittwochabend hatte der Aufsichtsrat der Telekom über die Affäre beraten und Konzernchef René Obermann den Rücken gestärkt.

Für den Nachmittag hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Berlin zu einer Pressekonferenz (13.30 Uhr) zu dem Thema geladen. Daran werden unter anderem DGB-Chef Michael Sommer und Lothar Schröder, Verdi-Bundesvorstand und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Telekom, teilnehmen. Nicht sicher war, ob sich auch der neue Chefkontrolleur des Aufsichtsrates, Ulrich Lehner, zu den Vorgängen äußern wird.

Unterdessen wächst auch der Druck auf den aktuellen Konzernchef René Obermann.

Obermann versuchte offenbar, die Affäre nach außen zu vertuschen, als im Sommer 2007 die erste Bespitzelung eines Journalisten entdeckt wurde. Dies berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (Donnerstagausgabe).

Vorwürfe auch gegen Obermann

Vorwürfe auch gegen Obermann

Obermann hat weiter die Rückendeckung des Bundes als Großaktionär. Der Vorstandsvorsitzende habe entschiedene Maßnahmen eingeleitet, allen Vorwürfen nachzugehen und sie aufzuklären, erklärte ein Sprecher des Finanzministeriums am Donnerstag auf Anfrage in Berlin. "Er hat unsere volle Unterstützung dabei." Zuvor hatte sich am Mittwochabend auch der gesamte Aufsichtsrat hinter den Konzernchef gestellt. Das Kontrollgremium unterstütze Obermanns Kurs der Aufklärung, hieß es.

Ein Konzernsprecher räumte gegenüber der Zeitung ein, die Telekom habe es damals versäumt, die betroffene Redaktion zu unterrichten. Man habe gehofft, den Fall aus der Öffentlichkeit heraushalten zu können.

"Die Telekom hat die Redaktion damals nicht informiert", zitiert das Blatt den Sprecher. Rückblickend könne man dies kritisch hinterfragen. Man sei davon ausgegangen, dass es sich um einen Einzelfall handele. Das Bonner Unternehmen informierte den betroffenen Redakteur der Zeitschrift "Capital" vor einigen Tagen, nachdem weitere Bespitzelungsfälle aufgetaucht waren.

Obermann hat den Posten als Chef der Deutschen Telekom im November 2006 von Kai-Uwe Ricke übernommen. Er war zuvor Chef der Mobilfunksparte und gehörte in dieser Funktion ebenfalls dem Vorstand an. Ein Sprecher der Telekom betonte gegenüber der Zeitung jedoch, im Vorstand sei über die Bespitzelungsaktion nie gesprochen worden. Obermann selbst war vor wenigen Tagen für eine schnelle und rückhaltlose Aufklärung der Affäre eingetreten.

Ricke sagte der Zeitung: "Ich habe zu keinem Zeitpunkt einen Abgleich von Telefondaten in Auftrag gegeben." Ihm seien auch zu keinem Zeitpunkt Ergebnisse einer solchen Aktion mitgeteilt worden.

Er habe dem Leiter der Konzernsicherheit einen Auftrag erteilt, undichte Stellen zu finden. Damals seien wiederholt sensible Informationen an die Öffentlichkeit gelangt.

Bespitzelungen bereits im Jahr 2000?

Bespitzelungen seit dem Jahr 2000?

Nach Informationen der "FTD" soll die Deutsche Telekom jedoch viel früher als bisher bekannt Spitzelaufträge erteilt haben, um Informanten aus dem Konzern auf die Schliche zu kommen. Wie die "Financial Times Deutschland" (FTD) in ihrer Donnerstagsausgabe berichtet, erteilte das Unternehmen dazu bereits im Jahr 2000 Aufträge.

Diesen Spitzelauftrag 2000 habe ein Mitarbeiter vergeben, der später zum Leiter der Telekom-Konzernsicherheit aufgestiegen sei. Unklar ist nach Angaben der Zeitung aber, in wessen Auftrag er gehandelt habe. Vorstandschef war damals Ron Sommer.

Für den Spitzelauftrag 2000 wurde nach Informationen der Zeitung die Berliner Control Risks Group (CRG) als Partner gewählt. "Wir haben dazu nichts in unseren Unterlagen gefunden. Wenn es so gewesen sein sollte, wäre das ein klarer Verstoß gegen sämtliche internen Ethikrichtlinien", sagte Jürgen Stephan, seit 2003 CRG- Geschäftsführer. Die gesamte Abteilung Corporate Investigations sei Anfang des Jahrzehnts ausgetauscht worden. Control Risks habe interne Untersuchungen eingeleitet und nehme die Vorwürfe sehr ernst, sagte Stephan.

Suche nach dem Leck

Nach weiteren Angaben der FTD suchte als Subunternehmen für den ehemaligen Staatskonzern die von Ex-Geheimdienstlern gegründete Berliner Wirtschaftsdetektei Desa nach einem Leck bei der Telekom. Ein Konzernsprecher sagte, der Fall sei dem Unternehmen nicht bekannt.

Wie das Blatt weiter berichtete, seien die Methoden weit über das für die Jahre 2005 und 2006 bekannte Auswerten von Telefonverbindungen hinausgegangen. Die privaten Fahnder versuchten sogar, mit versteckter Kamera Hinweise auf die Kontaktperson des Reporters zu finden. Dies lege nahe, dass die Telekom jahrelang ein Spitzelsystem gegen Journalisten und ihre Spitzenkräfte unterhalten habe.

manager-magazin.de mit Material von ap, dpa und ddp

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