Rohstoffkrise "Die Inflation gerät außer Kontrolle"

Stark steigende Preise für Nahrungsmittel und Energie destabilisieren die Weltwirtschaft, warnt Kenneth Rogoff im Interview mit manager-magazin.de. Der Harvard-Professor, früher Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, sieht weltweit steigende Inflationsraten - und die Gefahr politischer Krisen.

mm.de: Herr Professor Rogoff, wir erleben derzeit eine derart kritische Situation, wie es sie seit den 70er Jahren nicht mehr gegeben hat. Hunderte Millionen Menschen hungern. Die Rohstoffpreise, zumal der Ölpreis, explodieren, die Inflation zieht weltweit an. Sind jetzt wieder mal die "Grenzen des Wachstums" erreicht?

Rogoff: Die Weltwirtschaft ist auf einem Wachstumspfad, der nicht nachhaltig ist. Also braucht es eine Anpassung. Und die beste Methode, die Anpassung hinzubekommen, sind steigende Preise.

90 Prozent der Entwicklungen, die wir derzeit an den Rohstoffmärkten sehen, rühren daher, dass der globale Aufschwung schon länger läuft und ausgeprägter ist, als irgendjemand erwartet hätte. Im sechsten Jahr des Aufschwungs ist es ganz normal, dass die Rohstoffpreise anziehen - das passiert nun mal, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt. Dies ist insofern ein normales konjunkturelles Phänomen.

mm.de: Wie bitte? Sie halten die Hungerkrise für "normal"?

Rogoff: Verstehen Sie mich nicht falsch: Dies ist eine riesige Krise. Viele ärmere Länder kämpfen darum, ihre Bevölkerungen weiterhin ernähren zu können. Aber angesichts des hohen Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre, angesichts des nach wie vor hohen Zuwachses der Weltbevölkerung kann uns die derzeitige Zuspitzung nicht überraschen.

Das große Problem resultiert im Grunde aus einer guten Nachricht: Die untere Mittelschicht in Indien und China ernährt sich hochwertiger und treibt so die Nahrungsmittelpreise hoch. Und das verursacht anderswo auf dem Globus Probleme.

"Vernünftige Risikoabwägung"

mm.de: Aber diese Fortschritte gehen offenbar so schnell, dass das Angebot nicht nachkommt. Die Konjunktur ist hochgradig überhitzt, wie die bedrohlich steigenden Inflationsraten weltweit zeigen. Haben die Notenbanken versagt? Drucken sie zuviel Geld?

Rogoff: Dies ist einer der fundamentalen Faktoren, die die Rohstoffpreise treiben: Weltweit wird derzeit eine sehr lockere Geldpolitik betrieben.

mm.de: Eine zu lockere Geldpolitik?

Rogoff: Die Inflation ist dabei, außer Kontrolle zu geraten, und die Notenbanken müssen wirklich etwas dagegen tun. Das gilt vor allem für die Schwellenländer. Am anfälligsten ist der Dollar-Block ...

mm.de: ... zu dem große Teile Asiens und Arabiens gehören, die ihre Wechselkurse an die US-Währung gebunden haben und die deshalb ihre Leitzinsen an den US-amerikanischen orientieren.

Rogoff: Diese Volkswirtschaften werden jetzt in den Strudel der aggressiven - und risikoreichen - US-Geldpolitik gezogen. Sie müssten eigentlich viel höhere Zinsen haben.

Für China oder Saudi-Arabien ist eine lockere Geldpolitik derzeit völlig unangemessen. Innerhalb ihrer Wechselkursarrangements versuchen sie zwar die Zügel zu straffen, aber sie leiden unter den Dollarbindungen. Der expansive geldpolitische Kurs der USA verursacht Inflation in diesen Regionen.

mm.de: Sie sagen, der Kurs der Fed sei "risikoreich". Ist Chairman Ben Bernanke mit den Zinssenkungen zu weit gegangen?

Rogoff: Die USA riskieren, dass die Inflation außer Kontrolle gerät. Die Fed geht diesen Weg, weil sie die schlimmste Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg bekämpfen muss. Unter dem Strich würde ich sagen: eine vernünftige Risikoabwägung.

"Langfristig hohe Rohstoffpreise"

mm.de: Und in Europa? Die Europäische Zentralbank ist ja kräftig gescholten worden, dass sie die Zinsen nicht wie die Fed gesenkt hat, sondern die Leitzinsen lediglich konstant gehalten hat.

Rogoff: Die Lage ist eine etwas andere als in Amerika. Die EZB war zu Recht besorgt, dass die Kreditklemme sich auch in Europa niederschlägt. Deshalb hat sie die Zinsen nicht angehoben.

Zugleich sehen wir auch in Europa ziemlich hohe Inflationsraten und eine reale Wirtschaft, die besser läuft, als erwartet. Der Kurs der EZB war völlig richtig: Sie hat die Inflation etwas steigen lassen. Aber falls die Auswirkungen der US-Rezession begrenzt bleiben, werden wir eine aggressive Straffung der Geldpolitik in Europa sehen.

mm.de: Müssen wir uns also an deutlich höhere Inflationsraten gewöhnen?

Rogoff: Die Gefahr besteht. Die Nachfrage nach Rohstoffen ist stark gestiegen, und das Angebot reagiert bei diesen Gütern sehr langsam. Deshalb rechne ich auf längere Sicht mit hohen Rohstoffpreisen. Und die werden auf den Weltmärkten bestimmt. Selbst wenn in Europa das Wachstum zurückgeht, wird die Inflation nicht großartig sinken. Die EZB wird noch für lange Zeit in einer ungemütlichen Situation bleiben.

mm.de: Man hört immer wieder die Ansicht, in den reichen Ländern gebe es bislang gar keine wirkliche Inflation. Schließlich seien die Kerninflationsraten - ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise - ziemlich unverändert. Solange das so sei, müssten die Notenbanken die Zinsen nicht anheben.

Rogoff: Die Vorstellung, es handele sich nur um einen isolierten Anstieg der Rohstoffpreise und nicht um Inflation, ist Unfug. Wenn das der Fall wäre, würden wir in anderen Sektoren sinkende Preise und steigende Arbeitslosigkeit sehen. Gibt es aber nicht. Steigende Rohstoffpreise - auf diese Weise drückt sich die Inflation eben derzeit aus.

mm.de: Und dieser Anstieg der Rohstoffpreise wird uns für längere Zeit verfolgen?

Rogoff: Ich fürchte, ja. Unter anderem wegen des Biospritprogramms der USA.

"Präsident Bush erzählt Quatsch"

mm.de: Präsident George W. Bush hat kürzlich gesagt, die US-Nachfrage nach Getreide zur Ethanolerzeugung wirke sich auf die Weltmarktpreise nicht aus.

Rogoff: Das ist Quatsch. Wenn wir das Biospritprogramm nicht hätten, wären die Weizenpreise vermutlich 20 Prozent niedriger. Auf lange Sicht mag es sogar stimmen, dass die Preiswirkungen dieser Energiepolitik nicht sonderlich groß sind. Kurz- und mittelfristig aber gilt: Nachfrage und Angebot auf den Rohstoffmärkten sind sehr unelastisch. So kommt es, dass jeder Faktor, der die Nachfrage um ein paar zusätzliche Prozent erhöht, große Preissteigerungen auslöst. Übrigens: Die Biospritpolitik ist aus vielen Gründen idiotisch.

mm.de: Und zwar?

Rogoff: Sie führt dazu, dass der Grundwasserspiegel im amerikanischen Mittelwesten sinkt. Die US-Regierung erhebt Zölle auf Biospritimporte aus Brasilien und subventioniert stattdessen amerikanische Produzenten. Das ist alles gut gemeint, aber furchtbar umgesetzt.

mm.de: Spekulanten und Geldanleger treiben die Preise zusätzlich.

Rogoff: Es steht außer Frage, dass die Spekulation zum Preisanstieg beigetragen hat. Aber als Ökonom sehe ich das nicht negativ. Die Spekulanten erkennen einfach, dass das globale Trendwachstum in den kommenden Jahren höher sein wird, als wir bislang dachten. In Zukunft werden mehr und mehr Leute Rohstoffe nachfragen.

Die Spekulanten sehen das kommen. Ich glaube, die Spekulation ist gesund, weil sie künftige Entwicklungen vorwegnimmt und dazu führt, dass bereits heute die richtigen Preissignale ausgesandt werden.

mm.de: Das klingt verniedlichend. Immerhin leiden Hunderte Millionen Menschen an Hunger.

Rogoff: Wie gesagt, dies ist eine riesige Krise. Aber die Spekulation ist nicht die Ursache, sondern ein kurzfristig wirkender Verstärker. Die Ursache liegt im starken Wachstum der Weltwirtschaft.

"Das sind Verzweiflungstaten"

mm.de: Schwellenländer wie Argentinien oder die Ukraine reagieren auf die aktuelle Entwicklung, indem sie Exporte von Nahrungsmitteln erschweren.

Rogoff: Das ist ein sehr krudes Instrument, um die Armen in den Städten zu schützen. Die Kosten dieser Maßnahmen sind sehr hoch. Es wäre viel effizienter, Exporte zu erlauben. Aber Sie müssen es polit-ökonomisch sehen: Bei den hohen Nahrungsmittelpreisen stehen die städtischen Armen auf der Verlierer- und die Bauern auf der Gewinnerseite - die Bauern würden bei Freihandel mehr gewinnen als die städtischen Armen verlieren.

Deshalb wäre es besser, die Bauern höher zu besteuern und damit die Verlierer staatlich unterstützen zu können. Aber Argentinien ist immer noch teilweise ein "failed state", der diesen Transfer nicht hinbekommt. Insofern sind die Exportbeschränkungen nicht wünschenswert, aber sie sind verständlich, weil bessere Instrumente nicht zur Verfügung stehen. Das sind Stop-Loss-Maßnahmen, Verzweiflungstaten.

mm.de: Was wäre denn aus westlicher Sicht die richtige politische Reaktion auf die Hunger-Hausse?

Rogoff: Kurzfristig: die Nahrungsmittelhilfen ausweiten. Langfristig muss es darum gehen, das Angebot zu erhöhen. Zum Beispiel fruchtbaren Gegenden in Afrika und Asien dabei helfen, die Agrarerträge zu steigern, indem man dort den Dünger subventioniert. Die Öffnung der Agrarmärkte im Rahmen der WTO-Verhandlungen würde auch dabei helfen, die globale Produktivität in der Landwirtschaft zu steigern.

All das wird so lange Zeit in Anspruch nehmen, dass es den Armen vor Ort nicht nützt: Wer bislang schon 50 Prozent seines Einkommens für Nahrung ausgegeben hat, muss sein ganzes Geld aufwenden, wenn sich die Preise verdoppeln. Steigen sie noch weiter, muss er hungern. Viele Länder sorgen sich um die politische Stabilität. Deshalb setzen sie alles daran, die Armen kurzfristig zu unterstützen.

Müllers Welt: Die wahren Folgen der Rohstoffkrise

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