Rohstoffkrise "Wir sehen überall Panik"

Die OECD erwartet auch für die kommenden Jahre hohe Nahrungsmittelpreise. Das geht aus dem jüngst vorgestellten Agrarausblick 2008 hervor. OECD-Agrardirektor Stefan Tangermann sprach mit manager-magazin.de über kopflose Krisenintervention, egoistische Landwirtschaftspolitiker - und das bevorstehende Platzen der Rohstoffblase.

mm.de: Herr Professor Tangermann, die Welt erlebt die größte Rohstoffkrise seit Jahrzehnten. Wer hat Schuld? Wer stoppt die Spekulanten?

Tangermann: Es ist ja im Moment viel von den angeblich so bösen Spekulanten die Rede. Und natürlich hat die Spekulation einen Anteil daran, wenn es heftige Preisausschläge nach oben oder unten gibt. Aber es ist auch klar: Solche Über- und Untertreibungen kommen immer nur zustande auf Basis fundamentaler Einflüsse: durch eine Angebotsverknappung oder durch einen plötzlichen Nachfrageschub …

mm.de: … beides beobachten wir momentan.

Tangermann: Ja, die Lage hat sich in den vergangenen zwei Jahren aufgebaut. Nun sehen wir eine echte Finanzmarktrally, in die sich immer mehr Anleger einreihen. Die Spekulanten sind aber nie diejenigen, die eine solche Entwicklung auslösen. Die springen auf einen Zug auf, der schon fährt, und dann kann es sein, dass das den Zug noch weiter beschleunigt.

mm.de: Aber der Einfluss der Spekulation scheint größer zu werden. Die Umsätze mit Rohstoffkontrakten an den Warenterminbörsen haben sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Sind die Übertreibungen größer als früher?

Tangermann: Das ist eindeutig so. Der Anteil des dort investierten Kapitals, das nicht aus dem Bereich der kommerziellen Transaktionen mit der entsprechenden Ware stammt, hat deutlich zugenommen.

mm.de: Was schließen Sie daraus? Sollte man die Märkte dichtmachen, wie das jetzt die indische Regierung tut?

Tangermann: Auf keinen Fall. Das ist wie bei einer Blinddarmoperation. Ab und zu geht auch mal was schief. Deshalb würde man aber doch Blinddarmoperationen nicht verbieten. Schließlich sind sie im Allgemeinen hilfreich. Sicher schießen Terminmärkte gelegentlich übers Ziel hinaus. Aber deshalb macht man sie doch nicht dicht. Diese Märkte sind ja keine Kasinos, sondern sie haben eine wichtige wirtschaftliche Funktion: Sie nehmen eine zukünftige Preisentwicklung vorweg; vor allem erlauben sie der Landwirtschaft und den Nahrungsmittelproduzenten sich gegen das Risiko schwankender Preise abzusichern. Und diese beiden Funktionen können sie umso besser erfüllen, je liquider die Märkte sind.

mm.de: Das heißt: Spekulation bringt Liquidität in die Märkte und erhöht damit ihre Effizienz?

Tangermann: Richtig.

"Eine ziemlich verquere Politik"

mm.de: Die realen wirtschaftspolitischen Reaktionen auf diese Preissteigerungen sind dramatisch. Viele Länder machen ihre Getreidemärkte dicht und verschärfen damit die Krise.

Tangermann: Was wir im Moment sehen, ist Panik - Panik bei den privaten Marktteilnehmern, Panik bei den Regierungen. Und die ist alles andere als hilfreich. Es gibt tendenziell zwei Reaktionen: eine kurzfristig angelegte und eine längerfristige. Beide sind außerordentlich schädlich.

mm.de: Nämlich?

Tangermann: Kurzfristig reagieren gerade die Exporteure von Agrargütern wie Argentinien damit, ihre nationalen Märkte abzuschotten. Sie sagen: Wir behalten unsere Ware für uns. Das führt dazu, dass auf Kosten des Wohlergehens anderswo im eigenen Land die Ware für die eigene Bevölkerung behalten wird. Eine Strategie, mit der sich diese Länder ins eigene Fleisch schneiden: Erstens sollte man in einem Augenblick, wo man etwas auf einem hochpreisigen Markt verkaufen kann, das auch tun. Wenn man sich diese Chance entgehen lässt, dann schadet man der eigenen Volkswirtschaft. Zweitens entmutigt man die Bauern, genau das zu tun, was jetzt geboten ist: nämlich die Produktion auszuweiten und mit einem steigenden Angebot zu reagieren. Noch schlimmer: Man unterminiert das Vertrauen in zukünftige Marktsignale, weil die Bauern die Sorge haben müssen, dass jedes Mal, wenn der Markt aus ihrer Sicht wirklich interessant wird, die Regierung einen Riegel vorschiebt. Warum also sollten sie investieren? Eine ziemlich verquere Politik.

mm.de: Und die längerfristige Reaktion - Subventionen rauf, wie der französische Landwirtschaftsminister Michel Barnier und sein deutscher Kollege Horst Seehofer fordern?

Tangermann: Exakt. Die argumentieren nach dem Muster: Agrarprodukte sind knapp, jetzt müssen wir unseren Bauern tüchtig Subventionen geben, damit die soviel produzieren, dass wir selbst ausreichend versorgt sind. Barnier sagt: Wir müssen die gemeinsame europäische Agrarpolitik beibehalten. Und andere, Afrika und Asien, sollten sich nach unserem Vorbild auch eine gemeinsame Agrarpolitik geben. Auch das schadet den Agrarmärkten dauerhaft.

mm.de: Warum?

Tangermann: Weil den Landwirten abgewöhnt wird, auf Marktsignale - und das heißt, auf Knappheiten - zu reagieren. Außerdem: Wenn die Weltmarktpreise niedrig sind, lautet das Argument: Subventionen müssen sein, damit die Bauern durchhalten. Wenn die Preise zu hoch sind, braucht man Subventionen, damit die mehr produzieren. Mit anderen Worten: Man braucht immer Subventionen. Diese Logik entzieht sich mir als Ökonomen.

"Besser wäre Hilfe in Cash"

mm.de: Zugleich werden nach wie vor Exportsubventionen bezahlt. Und zur Beimischung von Biokraftstoffen zu Benzin und Diesel werden auf dem Weltmarkt Rohstoffe eingekauft.

Tangermann: All das sind massive Markteingriffe, die Angebot und Nachfrage verzerren und somit wiederum die Preise beeinflussen. Exportsubventionen führen dazu, dass die Agrarproduktion in Entwicklungsländern erschwert wird und damit das Angebot nicht entsprechend steigt. Dabei müsste sie dringend ausgeweitet werden, gerade in Afrika, wo die Bevölkerungsdynamik am größten ist. Biokraftstoffe in ihrer heutigen Form wiederum erhöhen die Nachfrage nach Rohstoffen, die auch als Nahrung verwendet werden könnten. Das ist keine gute Politik, weil sie ihren Teil dazu beiträgt, die Preisblase an den Märkten aufzupumpen.

mm.de: Sie meinen, dass dies eine Blase ist, die irgendwann platzt?

Tangermann: Man muss unterscheiden zwischen dem, was in den nächsten Monaten geschehen könnte und dem, was dann die mittelfristige Zukunft bringt. Wir bei der OECD erwarten, dass die Preise mittelfristig wieder unter ihre heutigen Niveaus sinken. Aber: Wir denken, dass die Agrarpreise im Durchschnitt der kommenden zehn Jahre 20 bis 40 Prozent, je nach Produkt, höher liegen werden als im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Aber die derzeitigen Preise halten wir für spekulativ überzeichnet.

mm.de: Und wann wird der Höchststand erreicht sein? Ist er schon vorbei?

Tangermann: Wenn ich das wüsste, dann würde ich an der Börse das große Geld machen. Wann genau, in welchen Monaten das wie geschieht, das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Aber dass sich die Preise irgendwann wieder zurückbilden, da bin ich ziemlich zuversichtlich.

mm.de: Bis dahin bleibt die Situation in den armen Ländern für viele Menschen lebensbedrohlich.

Tangermann: In der Tat. Die brauchen jetzt Hilfe. Eine Entspannung an den Märkten irgendwann in der Zukunft hilft niemandem, der heute gegen das Verhungern kämpft. Wenn Sie sich die Terminmärkte für Weizen angucken, da bröckeln die Preise seit einigen Wochen. Aber das kann lange dauern, und ich erwarte auch nicht, dass, wenn der Blasenanteil raus ist, dass es dann ganz rasant runtergeht. Dann müssen erstmal die Lagerbestände aufgefüllt werden. Diese Krise wird nicht schnell vorbei gehen. Bis dahin kann es noch viel menschliches Leid geben. Deshalb können wir nicht einfach sagen: Warten wir mal ab; langfristig kommen die Märkte schon wieder in ein neues Gleichgewicht.

mm.de: Was schlagen Sie als Akuthilfe vor?

Tangermann: Die OECD-Länder müssen dringend Hilfe leisten. Und sie sollten, wenn irgend möglich, keine Waren liefern; viel besser wäre Hilfe in Cash oder Gutscheinen. Das ist deshalb empfehlenswert, weil man damit die Ausweitung der Produktion in diesen Ländern selbst besser fördert und damit langfristig erneuten Engpässen vorbeugt. Wenn wir Nahrungsmittel liefern, machen wir nebenbei den dortigen Bauern Konkurrenz.

Müllers Welt: Die wahren Folgen der Rohstoffkrise

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