Finanzkrise "Ein fast schon kriminelles Produkt"

Ist das Schlimmste überstanden? Während einige Banker bereits das Ende der Finanzkrise ausmachen, sind andere deutlich skeptischer. Denn trotz aller Appelle zu mehr Transparenz und Selbstregulierung wird diese Kosmetik allein wohl nicht ausreichen. Der Finanzindustrie drohen dramatische Einschnitte.
Von Arne Stuhr

Frankfurt am Main - Die rote Linie für das Börsenforum 2008 des Deutschen Aktieninstituts hatte jemand gezogen, der am Mittwochabend gar nicht in der Frankfurter Industrie- und Handelskammer anwesend war - Eric Strutz, Finanzvorstand der Commerzbank . Zu oft habe sich das vermeintliche Licht am Ende des Tunnels als entgegenkommender Zug entpuppt, hatte Strutz zuvor am selben Tag nach der Vorlage der Quartalszahlen seiner Bank - der Gewinn der Commerzbank war um über 50 Prozent eingebrochen - in einer Telefonkonferenz gesagt.

"Strutz hat Recht", sagte denn auch der für die Märkte zuständige Bundesbank-Vorstand Hans-Helmut Kotz. Zu sehr werde bei Prognosen über das Ausmaß der Finanzkrise eine "meteorologische Sichtweise" an den Tag gelegt. Das Problem bei den für die Krise maßgeblich verantwortlichen CDOs (Collateralized Debt Obligations, verbriefte Kredite) sei aber, dass sich deren Ausfallwahrscheinlichkeit praktisch nicht berechnen lasse. Er unterstütze daher den Vorschlag des Direktors des Center for Financial Studies, Jan Pieter Krahnen, dass solche Produkte künftig mit mehr Eigenkapital unterlegt werden müssten.

Kurt Viermetz wurde noch deutlicher. "CDOs sind ein fast schon kriminelles Produkt", sagte der Aufsichtsratschef der Deutschen Börse und der krisengeschüttelten Hypo Real Estate . "Standardisierte Produkte haben hingegen auch in der jetzigen Krise Liquidität gefunden", strich Viermetz die stabilisierende Rolle der Börsen heraus. Sie hätten zudem selbst an den hektischen Tagen der Krise auch technisch trotz sehr großer Orderzahlen einwandfrei funktioniert. Viermetz sieht die Börsen damit in einer Schlüsselrolle bei der Bewältigung der Krise. "Börsen produzieren Vertrauen", so Viermetz, weil sie in erster Linie das derzeit die Krise ständig anheizende Kontrahentenrisiko auffingen.

Er wolle maßgeschneiderte außerbörslich gehandelte OTC-Produkte (Over the Counter) nicht verteufeln, sie würden weiterhin gebraucht. Wichtig sei aber eine verbesserte Infrastruktur, um eine "marktnahe Form der Selbstregulierung" hinzubekommen. Viele Politiker hätten schon "die Stunde des Staates" ausgerufen. Um der daraus drohenden Überregulierung der Märkte zu begegnen, müsse der Trend eindeutig zu einfacheren und transparenten Produkten gehen.

"Eher Einschnitte statt Expansion"

"Eher Einschnitte statt Expansion"

Lutz Raettig sieht das genauso. Eine der Lehren aus der Krise müsse es sein zu hinterfragen, welche Komplexität man den Kunden aber auch den eigenen Mitarbeitern zumuten könne. Zwar haben die Banken aus der Sicht des Aufsichtsratschefs der deutschen Tochter von Morgan Stanley  die bilanzielle Behandlung der aktuellen Verwerfungen mittlerweile im Griff, das Ende der Krise mochte aber auch Raettig, derzeit auch Interimschef von Morgan Stanley Deutschland, nicht ausrufen.

Neben dem nach wie vor "wackeligen Geldmarkt" beschäftigt Raettig vor allem die Frage, welche Märkte und Produkte nach der Krise eigentlich wiederkommen werden. Im schlimmsten Fall müssten ganze Produktlinien eliminiert werden. Einen Vorgeschmack, welche Auswirkungen - von den fehlenden Erträgen mal ganz abgesehen - solch ein "dramatischer Prozess" hätte, habe die UBS  geliefert. Die Schweizer hatten in dieser Woche im Zuge der Finanzkrise den Abbau von 5500 Stellen angekündigt. Das Stimmungsbild in seiner Branche fasste Raettig dann auch mit den Worten "eher Einschnitte statt Expansion" zusammen.

Auch Stephan Gemkow, Finanzvorstand der Lufthansa , befürchtet ein Durchschlagen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft. Schon jetzt sei die Refinanzierung, vor allem für Mittelständler, teurer und die Kreditvergabe durch die Banken selektiver geworden. Aufgrund des "großen Time-Lags zwischen Finanz- und Realwirtschaft" und der zum Beispiel auch bei seinem Unternehmen aktuell sehr guten Ertragslage sei es aber schwierig, für solche Hinweise Gehör zu finden.

Vielleicht muss er es einfach nur so drastisch und zugespitzt wie Bundesbanker Kotz ausdrücken, um vor dem heranrasenden Zug zu warnen: "Was jetzt täglich an den Geldmärkten passiert, dürfte statistisch nur alle 16.000 Jahre vorkommen."

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