Edeka/Plus Aldi - der lachende Dritte

Um die Übernahme des Discounters Plus zu retten, muss der größte deutsche Lebensmittelhändler, die Edeka-Gruppe, dem Kartellamt weit entgegenkommen. Einige Gewinner des Fusionspokers stehen deshalb bereits jetzt fest: Es sind nicht nur die Discountkönige Aldi und Lidl, sondern auch die Hersteller von Lebensmitteln.

Hamburg - Wer hoch pokert, kann auch hoch verlieren. Die Unternehmenslenker der Hamburger Edeka und der Mülheimer Tengelmann-Gruppe hatten sich den Deal sehr viel einfacher vorgestellt: Die Beteiligten verschmelzen ihre Discounttöchter Netto (Edeka) und Plus (Tengelmann) zu einem gemeinsamen Unternehmen, an dem Edeka mit 70 Prozent die Mehrheit hält. Und wenn man schon einmal so nett am Verhandlungstisch beisammensitzt, können die Nummer eins der deutschen Lebensmittelbranche (Edeka) und die Nummer sechs (Tengelmann) ja auch gleich noch eine Kooperation beim Einkauf vereinbaren.

Wer sollte sich schon an einem starken Discounter Netto/Plus stören? Das fusionierte Unternehmen wäre hinter Aldi und Lidl erst die Nummer drei im Segment der Preisbrecher - aber immerhin stark genug, um den scheinbar übermächtigen Billigheimern Aldi und Lidl etwas entgegenzusetzen. Und sollten die deutschen Wettbewerbshüter feststellen, dass die 1100 bundesdeutschen Netto-Filialen gemeinsam mit den rund 3000 Plus-Läden in einigen Regionen eine zu starke Präsenz entwickeln - nun ja, dann gibt man halt einige Plus-Filialen wieder ab.

Partnerschaft von Edeka und Tengelmann vom Tisch

Es kam bekanntlich anders. Das Kartellamt droht damit, den kompletten Deal zu verbieten. Eine Lebenspartnerschaft von Edeka und Tengelmann, lässig kaschiert durch die Discounterehe Netto und Plus, soll es nicht geben. Die forschen Fusionsstrategen in Hamburg und Mülheim haben offenbar den Blickwinkel der Wettbewerbshüter falsch eingeschätzt: "Wir sehen keine getrennten Märkte für Discounter einerseits und Supermärkte andererseits", hatte eine Sprecherin des Kartellamts den Einspruch begründet. Aufgrund der "überragenden Marktstellung" von Edeka werde geprüft, das Vorhaben zu untersagen.

Selbst Aldi reicht an die Macht von Edeka nicht heran. Jeder vierte Euro Umsatz im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ging 2007 auf das Konto der Edeka-Gruppe, die neben den Supermärkten der Hauptmarke Edeka auch die Handelsketten Marktkauf, Spar und den Discounter Netto betreibt. Hinter der Nummer eins des Lebensmitteleinzelhandels folgen nach Umsatz Rewe, die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), Aldi (Nord und Süd), Metro und Tengelmann: Diese sechs großen Spieler beherrschen bereits 90 Prozent des Gesamtmarkts. Doch dabei soll es nicht bleiben.

"Unglaubliche Machtkonzentration"

"Unglaubliche Machtkonzentration"

"Wenn Edeka als Nummer eins der Branche einen gemeinsamen Einkauf mit der Nummer sechs, Tengelmann, vereinbart, ergäbe das eine unglaubliche Machtkonzentration gegenüber Lebensmittelherstellern und Lieferanten", sagt Handelsexperte Ulrich Eggert, Associate Partner des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Zürich.

Hersteller, die bereits die Einkaufsmacht von Aldi beklagen, kämen gegenüber einem Verhandlungspartner Edeka/Tengelmann erst recht in Bedrängnis. Diese geballte Marktmacht war für das Kartellamt offenbar der entscheidende Grund, dazwischenzugehen.

Nun wackelt das gesamte Vorhaben. Doch vor allem Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub hat sehr hohes Interesse daran, Plus loszuwerden: Allein ist Plus nicht stark genug, um im rauen deutschen Discountermarkt zu überleben. Im Falle eines Scheiterns sei nach Ansicht von Marktbeobachtern auch eine "kontrollierte Insolvenz" von Plus eine Option. Doch so weit soll es nicht kommen.

Tengelmann: Eintritt ins Markant-Einkaufsbündnis?

Was also tun? Um Plus doch noch loszuwerden, muss sich Tengelmann von der geplanten Einkaufsallianz mit Marktführer Edeka verabschieden. "Möglich, dass sich Tengelmann für einen neuen Partner im Einkauf entscheidet, zum Beispiel die Markant AG", sagt Eggert. Zum Markant-Einkaufsverbund gehören mit Schlecker und Lekkerland nicht nur Unternehmen, die sich hinter den großen Sechs des deutschen Einzelhandels platziert haben. Auch die Schwarz-Tochter Kaufland gehört dazu. "Für Tengelmann wäre ein Beitritt zu diesem Bündnis eine interessante Alternative", meint Eggert.

Und die rund 3000 deutschen Plus-Filialen? Wenn das Gemeinschaftsunternehmen Netto/Plus doch noch zustande kommen soll, werden Edeka und Tengelmann eine sehr viel höhere Zahl von Filialen an Wettbewerber abgeben müssen als zunächst geplant, meinen Branchenkenner.

Mit "100 bis 200 Filialen" sei es nun nicht mehr getan, um die Bedenken des Bundeskartellamts auszuräumen. Konkurrent Rewe dürfte die abzugebenden Plus-Filialen liebend gern einsammeln - sofern das Kartellamt den Kölnern (Rewe, Penny) dafür grünes Licht gibt.

Wer verliert, wer gewinnt

Wer verliert, wer gewinnt

Für Edeka wäre auch ein abgespeckter Plus-Deal noch ein Gewinn. Discounttochter Netto würde mit den übrig gebliebenen Plus-Filialen näher an den Konkurrenten Lidl heranrücken.

Der Marktführer im Lebensmitteleinzelhandel bekäme damit einen starken Discounter und nach Einschätzung von Eggert genug Spielraum, um eine erfolgreiche "Zweischienenpolitik" mit Supermärkten (Edeka, Marktkauf) und preisaggressiven Anbietern (Netto/Plus) zu fahren.

Partner Tengelmann wäre froh, den Erlös aus dem Plus-Verkauf in die Stärkung der eigenen Supermärkte (Kaiser's) zu investieren. Edeka und Tengelmann werden daher zu großen Zugeständnissen bereit sein, um die Übernahme doch noch über die Bühne zu bringen.

Der Warnschuss des Bundeskartellamts hat schon jetzt Gewinner hervorgebracht: Die marktbeherrschenden Discounter Aldi und Lidl müssen nicht fürchten, dass ihnen ein allzu starker Verbund aus Netto/Plus zu dicht auf die Pelle rückt. Weiterer Gewinner sind die Lebensmittelhersteller, die keine geballte Einkaufsmacht namens Edeka/Tengelmann fürchten müssen.

Hersteller und Lieferanten atmen durch

Mit welch harten Bandagen im Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland gekämpft wird, zeigt auch der aktuelle Streit um die Milchpreise.

Um zehn Cent je Liter will der Discounter Aldi die Preise senken, was den Präsidenten des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, zu einem neuen Vergleich animierte.

"Was in der Finanzbranche die Heuschrecken sind, sind für unsere Milchbauern die großen Einzelhändler", polterte Sonnleitner. Discounter wie Aldi und Lidl nutzten ihre Markmacht brutal aus, um die Preise zu drücken, so der Vorwurf. Aufgrund der gestiegenen Kosten für Energie und Futtermittel brauchten die Landwirte aber einen Preis von mehr als 40 Cent je Liter, um rentabel wirtschaften zu können.

Dem Verbraucher kam der Preiskampf im deutschen Lebensmitteleinzelhandel jahrelang entgegen. Nirgendwo in Westeuropa sind Lebensmittel durchschnittlich so günstig wie in Deutschland. Doch eine neue Runde des Preiskampfs, in dem Aldi und ein gestärkter Einkaufsverband Edeka XXL die Preise diktieren, bleibt den Herstellern nach dem Einspruch des Kartellamts offenbar erspart.

Neun Beispiele: Wie sich der Handel wandelt

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